Für einen Büchernarren beginnt dieses Buch fulminant, es erwärmt das Herz und weitet die Sinne. Man fühlt sich unmittelbar geborgen, nicht mehr allein mit seiner Bücher-Manie: „Jeder Mensch musste sich eines Tages entscheiden, wie er zu leben wünschte. Er hatte sich für das intensivste und angenehmste Leben entschieden, das einem Menschen möglich war, für das Leben eines Lesers.“
Der erste von drei Teilen dieses Buches ist auch eine Art Liebeserklärung an das geschriebene Wort, an die Welt der Bücher und über einen Menschen, der für das Überleben eines jeden Buches kämpft, der mit ihnen lebt und aus ihnen Lebenssinn und Kraft schöpft, mit ihnen quasi eine Wohngemeinschaft der Gedanken und Träume eingegangen ist.
Solange, bis die sogenannte Wende Enttäuschungen produziert und bislang unbekannte Ängste weckt, die kaum zu heilen sind und dieses Projekt zum Einsturz zu bringen droht. Die antiquarischen Büchern (Ost) werden durch „Mängelexemplare“ (West) verdrängt und teils auf „Büchermüllhalden“ entsorgt. Aus damit einhergehenden Enttäuschungen entwickeln sich dunkle Gedanken, Zukunftsängste und Vorbehalte, es werden Ressentiments geschürt, die schließlich einem Verhalten Raum geben, das in dieser Dimension kaum zu erwarten und daher noch weniger auszuhalten ist. Die Liebe allerdings ist nicht tot zu kriegen, hat es in diesem Zusammenhang allerdings schwer.
Zumal, und damit sind wir bereits im zweiten Teil des Buches, ein Konkurrent die Bühne betritt. Man reibt sich verwundert die Augen, ob dieses galanten Kunstgriffes. Gab es im ersten Teil des Buches nur den sporadischen Auftritt eines Ich-Erzählers, so übernimmt dieser hier das Regime – und zwar als Autor, der das Leben des Archivars in seinen (auch den eigenen) Verwicklungen darzustellen versucht. Es ist sozusagen einen (persönliche) Geschichte neben der zu schreibenden Geschichte. Ganz verrückt wird es, wenn im dritten Teil die Lektorin des Buches über den Archivar versucht, etwas Licht in die Geschehnisse zu bringen.
Hier prallen Welten aufeinander, die von ihrer Anlage her friedlich koexistieren könnten, aber im Strudel der Geschichte und der persönlichen Erfahrungen eine Eigendynamik entfalten, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Es bleibt zu hoffen, dass es weitere solcher Bücher geben wird, die diese Zusammenhänge deutlich machen.
(9.12.2021)