Iris Blauensteiner

 4.1 Sterne bei 15 Bewertungen
Autor von Kopfzecke.

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Kopfzecke

Kopfzecke

 (15)
Erschienen am 01.08.2016

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Rezension zu "Kopfzecke" von Iris Blauensteiner

Lesermeinung zu "Kopfzecke" von Iris Blausteiner
elane_eodainvor 2 Jahren

»Was du nicht sagst, muss ich mir vorstellen. Es ist ein verschwommenes Wissen, das sich in meinen Knochen befestigt hat, und das schwerer und schwerer wird. Ich durchwühle, was die Zeit in Erinnerung verwandelt. Festhalten, damit nichts verloren geht ... «

INHALT: Moni pflegt ihre demenzkranke Mutter. Doch es ist nicht nur die Pflege und der nahende Tod der Mutter, die Moni überfordert, sondern auch die von der Vergangenheit überschattete Mutter-Tochter-Beziehung. Moni ist einerseits kühl und distanziert, aufgrund der Erfahrungen, lechzt gleichzeitig aber nach Erinnerungen ihrer Mutter, um zu verstehen. Sie hat Furcht vor dem Moment, indem es keine Möglichkeit mehr gibt, Lücken im Leben ihrer Mutter aber auch ihres eigenen zu füllen.

»Da ist jemand, den man nicht mehr kennt. Jemand, der nichts mehr will oder braucht. Jemand, der nicht mehr da ist. Sie isst immer weniger und erzählt nichts [...] Sie zieht sich immer mehr in sich zurück und bald wir sie ganz weg sein. Ich muss mich beeilen. «

GEDANKEN: „Kopfzecke“ ist ein Buch, das mich ganz bewusst zum Innehalten veranlasst hat, denn die kurzen Abschnitte, die sprunghafte Art zu erzählen, brachten mir Monis Atemlosigkeit und Furcht sehr nahe. Darauf reagierte ich ganz bewusst mit Langsamkeit, Innehalten und Nachdenken über das Gelesene, um Moni und ihrer Mutter Raum zu lassen und um die Zeit, die Moni nicht hat, irgendwie auszugleichen. Ein seltsamer Gedanke, aber das machte das Buch für mich zu einer intensiven Leseerfahrung.

Ich mag den bildhaften Schreibstil der Autorin sehr, die Gedanken der Protagonistin sind so voller Metaphern. Diese Vergleiche erzeugen eine sehr bedrückende Atmosphäre, die sich durch das ganze Buch zieht. Vieles bleibt unausgesprochen zwischen Mutter und Tochter, für vieles ist es bereits zu spät oder es gab nie die richtige Zeit.
Ich mag diese kleinen, dahingestellten Sätze, die eine so große Bedeutung haben wie »Ich glaube meiner Mutter immer noch bedingungslos.«, als diese vom Nebelmann spricht und Moni doch eigentlich weiß, dass niemand da ist und ihr dennoch mulmig wird.

»"Da ist keiner", wiederhole ich immer wieder, doch was sie sieht, wird dadurch noch realer. [...] Ich weiß, dass es keinen äußeren Grund gibt, doch mir wird mulmig. «

Der langsame, doch für Moni viel zu schnelle Abschied ist nüchtern und gleichzeitig voller Emotionen erzählt. Dabei handelt die Geschichte weniger von der Demenzerkrankung und der Pflege selbst, sondern viel mehr von den Gedanken der Tochter und den Gefühlen gegenüber der Mutter und der Vergangenheit. Die Autorin stellt diese Gedanken und Gefühle sehr nah und nachvollziehbar dar und das sowohl mit geschriebenen Worten als auch mit ausgelassenen – das ist großartig!

»Eine Zecke hängt an meinem Hinterkopf. Der Klumpen dehnt sich, ist schwer. Ich will ihm in die Augen sehen, will wissen, was in ihm vorgeht. Ich drehe mich um, doch der Zeckenkopf bewegt sich mit, zwei Köpfe an einem Hals. Ich kann nur die Umrisse erahnen. «


Moni möchte die letzte Chance unbedingt nutzen, zwanghaft festhalten, verstehen und verstanden werden.

FAZIT: Intensiv, schmerzvoll, hilflos. Der Abschied einer Tochter von der demenzkranken Mutter. Und wie eine Zecke bleibt ihre Geschichte an meinem Hinterkopf hängen ...

(alle Zitate aus „Kopfzecke“ von Iris Blausteiner)

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Rezension zu "Kopfzecke" von Iris Blauensteiner

Gefühle einer Tochter, die die demenzkranke Mutter pflegt
Frenx51vor 2 Jahren

Moni hat eine schwer zu bewältigende Aufgabe: Sie pflegt ihre demenzkranke Mutter. Für sie eine Aufgabe, die ihr die Freizeit stiehlt und für die sie ihr restliches Leben fast vollständig aufgibt. Während ihre Mutter immer weiter verfällt und sich immer weniger erinnern kann, möchte doch Moni noch so viel über die Vergangenheit wissen.

Ein Buch, das auf die ein oder andere Weise berührt. Es beschreibt nicht direkt wie sich die Demenz auf die Erinnerungen und die Mutter auswirkt, sondern eher Gedanken und Gefühle der Tochter, die die Mutter in der Freizeit betreut, an ihre Grenzen gerät, die letzten Erinnerungen der Mutter erfahren möchte und doch dem dahinschreitenden Tod ausgeliefert ist.
Der Schreibstil der Autorin hat mir sehr gut gefallen, da sie mit ihren Worten bewegt. Die kurzen Kapitel ermöglichen es, dass der Leser nach den Abschnitten eine kleine Verschnaufpause einlegt und Zeit zum Nachdenken hat. Die Worte beschreiben Alltagsdinge, eigentliche Nebensächlichkeiten und Gedanken und Gefühle der Tochter, wie sie diese wahrnimmt. Sie sind dabei so beschrieben, dass man sich mittendrin fühlt, unterschiedliche Gefühle entwickelt. Besonders toll fand ich dass die Sätze so poetisch waren und viele Methapern und andere Wortspielereien enthielten und noch dazu so ungeschönt ehrlich.
Zu den Protagonisten kann man nicht so viel sagen, da eher die Gefühlswelt eine Rolle spielt. Von Monis Mutter erfahren wir nicht so viel, außer dass sie alleinerziehend war und wohl immer sehr streng. Moni wird von ihrer aktuellen Situation fast erschlagen. Sie will ihre Erinnerungen und vor allem die der Mutter wieder erwecken und so ihre eigenen Lücken zur Vergangenheit schließen, gleichzeitig ist sie mit der Situation überfordert, da sie sich aufopfert, Beruf und Freizeit vernachlässigt und so an ihre körperlichen und vor allem seelischen Grenzen gelangt.
Das Buch ist etwas anders als erwartet, aber es schafft, dass man über das Thema, das eigene Leben und sein Verhalten in dieser Situation nachdenkt.

Ein Buch, dass sich durch die ehrlichen und poetischen Worte einer Tochter auszeichnet, die ihre demenzkranke Mutter pflegt. Dabei wird weniger auf das Thema Demenz eingegangen sondern eher auf die Gefühle und alltäglichen Gedanken der Tochter.

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Rezension zu "Kopfzecke" von Iris Blauensteiner

Abschied vom Leben
Angelika123vor 2 Jahren

Moni pflegt ihre demenzkranke Mutter. Nebenher muss sie zusätzlich ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Dieser Spagat zwischen Pflege und Arbeit verlangt ihr einiges ab und zehrt stark an ihren Nerven. Für die Beziehung zu ihrem Freund bleibt da weder Zeit noch Kraft übrig. Das führt dazu, dass Moni kaum noch ein eigenes Privatleben hat und sich vollkommen für ihre Mutter aufopfert. Zudem muss sie Tag für Tag hilflos zusehen, wie sich der Zustand ihrer Mutter verschlechtert und sie sich immer weiter von ihr entfernt. Der Weg des Abschieds, der nicht mehr aufzuhalten ist und unweigerlich bevorsteht, ist mit Sorge und Schmerz gepflastert. Während die Krankheit voranschreitet und die Erinnerungslücken der Mutter immer größer werden, versucht Moni, die Erinnerungen von und an ihre Mutter zu wecken und aufrechtzuerhalten. Gedanken an ihre eigene Kindheit mischen sich mit dem Abschiedsschmerz und zeichnen ein Bild von dem wohl schwierigsten Weg, den eine Tochter in ihrem Leben zu gehen hat.

Einfühlsam und melancholisch beschreibt Iris Blauensteiner in ihrem Roman „Kopfzecke“ den langsamen und schmerzhaften Abschied einer Tochter von ihrer Mutter. Gefühle, wie Überforderung und Hilflosigkeit, kommen durch einzelne Situations-Fragmente, die anfangs wie willkürlich zusammengewürfelt erscheinen, zum Ausdruck. In einer bildhaften und teilweise fast schon geheimnisvoll erscheinenden Sprache mit vielen Stilmitteln und indirekten, versteckten Bedeutungen oder Botschaften wird die Dringlichkeit, Hoffnungs- und Ausweglosigkeit vermittelt, die eine Demenzerkrankung mit sich bringt.
Zudem enthält der Roman viele Gedanken- und Zeitsprünge, die zwischen Gegenwart und lange zurückliegender Vergangenheit hin und her switchen, und dadurch auch die Nachdenklichkeit symbolisieren und das Revue-passieren-lassen von Moni aufzeigen. Ein Buch, das einen definitiv zum Nachdenken bringt und einem auch die Endlichkeit des Lebens ganz deutlich vor Augen führt und dadurch bewusstwerden lässt, dass die beschränkte Zeit, die einem zur Verfügung steht, gut genutzt werden sollte.
Mir persönlich ist diese Art von Geschichte leider zu anstrengend und zu sprunghaft, da es sich nicht um eine zusammenhängende, geradlinige Geschichte handelt, sondern vielmehr um spontane, gefühlsbetonte Momentaufnahmen, Situationsfragmente und Gedankenfetzen, die vor Gefühlen und versteckten Bedeutungen geradezu strotzen und vom Leser in mühsamer kleinteiliger (Gedanken-)Arbeit sortiert werden müssen, um einen Sinn zu ergeben. 

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Worum geht's?

"Sie sitzt vor mir hinter einer Wand, ungreifbar. Ein Gegenwartsphantom, das wartet, die Zeit fließt langsam durch sie hindurch."

Eine Erinnerung, die verschwimmt, ein Mensch, der immer dünner wird – das ist, was Moni täglich mit ansehen muss. Sie pflegt ihre demenzkranke Mutter, so gut es geht, doch die nimmt ihr die Luft zum Atmen. In einem Wechselspiel aus Distanzierung und Annäherung versucht Moni die Vergangenheit zu rekonstruieren, um die Lücken ihrer eigenen Geschichte zu füllen und sich allmählich zu lösen.

In stillen Szenen und poetischen Bildern schafft Iris Blauensteiner Atmosphären, in denen die Figuren nahbar werden. Dazwischen liegen das Unausgesprochene und die Unsicherheit darüber, was Erinnerung und Identität sind. Ein einfühlsamer Roman über einen der schwierigsten Abschnitte im Leben einer Tochter.


Iris Blauensteiner
geboren 1986 in Wien. Filmemacherin und Autorin. Diplom der Bildenden Kunst und der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien. Etliche Preise und Stipendien, u.a.: Start-Stipendium für Filmkunst des BKA 2014, Award für „Beste Österreichische Nachwuchsfilmerin“ bei VIS 2014 für den Kurzfilm „Schwitzen“, DramatikerInnenstipendium des BMUKK 2013 und Nominierung zum Retzhofer Dramapreis, Finalistin beim Literaturwettbewerb Wartholz 2012.

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