Irma Nelles

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Autor von Der Herausgeber.

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Der Herausgeber
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 (4)
Erschienen am 17.05.2017

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Rezension zu "Der Herausgeber" von Irma Nelles

Der Mann hinter dem Spiegel
GernotUhlvor 7 Monaten

Aus: https://www.eulengezwitscher.com/single-post/rezension/augstein

 

Er hat Deutschland den Spiegel vorgehalten: Rudolf Augstein. Augstein hat den Mächtigen auf die Finger geschaut. Seit seinem Tod (2002) hat sich Der Spiegel merklich eingetrübt. Dafür sorgt nun Augsteins ehemalige Büroleiterin Irma Nelles für einen unerwartet klaren Blick auf den Mann hinter dem Spiegel und zeigt viel männliches, allzu männliches...

Rudolf Augstein ist ein journalistisches Denkmal. Er hat die kritische Berichterstattung kultiviert, existenzielle Kämpfe um Freiheit der Presse ausgefochten und dabei zeitweise seine eigene Freiheit verloren (mehr dazu siehe hier). Rudolf Augstein war fortschrittlich, wortgewandt und willensstark. Er war einer der ganz großen Meinungsmacher und ein Vorbild für viele idealistische Journalisten.

Und jetzt kommt seine ehemalige Büroleiterin Irma Nelles mit einem Buch um die Ecke, das einen ganz anderen Rudolf Augstein zeigt: Einen einsamen, verzweifelten, ewig unzufriedenen Menschen, der Trost bei edlen Tropfen und schönen Frauen sucht. Irma Nelles drückt das nicht so verklemmt aus. In ihren Erinnerungen trinkt der Herausgeber "sehr gründlich" seine Bierflasche aus und ist enttäuscht, dass kein Nachschub mehr da ist. Augstein selbst thematisiert die Diagnose Alkohol-Sucht mit seiner Büroleiterin. Bei so viel Nähe wird auch Irma Nelles selbst zum Objekt der Augstein-Begierde: "Wir sollten jetzt endlich mal fieken" soll – so oder so ähnlich – der im Dienst um keine geschliffene Formulierung verlegene Spitzenschreiber gefleht haben – mehr als einmal. 

Mehr als einmal habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich solche Enthüllungen nun gut oder schlecht finden soll. Eigentlich bin ich kein Freund von voyeuristischer Enthüllungsbiografik, wie sie beispielsweise Peter Siebenmorgen bei Augsteins Intimfeind Franz Josef Strauß versucht hat.

Trotzdem fällt meine Antwort im Falle dieses Erinnerungsbuches etwas anders aus: Irma Nelles' unaufgeregten Umgang mit diesen Einblicken in Augsteins Gefühlswelt finde ich gut. Sie berichtet nicht um des Skandals willen und sie schreibt nicht erkennbar effekthascherisch. Sie hat Augstein eben so und nicht anders erlebt. Und so gibt sie nun Zeugnis von ihm. Nelles hat sich oft über Augstein gewundert - und sie hat ihn bewundert. Das steht zwischen den Zeilen und außer Zweifel. Irma Nelles vergisst auch nicht, das das Bild eines mitfühlenden Menschen zu zeichnen, der selbst mit Feinden trauern kann. Sehr persönlich nimmt Augstein Anteil am Tod der Frau von Franz Josef Strauß, den er ein ganzes Medienmacherleben bis aufs Messer bekämpft hat. Gerade deshalb können auch die teils sehr intimen Details, die Irma Nelles locker-lässig ausplaudert, nicht den Eindruck erwecken, dieses Buch sei eine Abrechnung oder ein Enthüllungsthriller. Viel eher ist es das wertvolle Dokument einer autobiografischen Verarbeitung:

Seite für Seite atmet das Buch den Stolz einer selbstbewussten Frau, die sich im Schatten eines gleichermaßen genialen wie schwierigen Menschen nicht verloren hat. Wenn man es ganz streng nimmt, handelt es sich bei diesem außerordentlich lesenswerten Buch um eine Paarbiografie zweier Menschen die fast – aber eben nur fast – alles miteinander geteilt haben.

 

Eulengezwitscher. Bücher, Biografien und Blog von Gernot Uhl

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Buecherspiegels avatar

Rezension zu "Der Herausgeber" von Irma Nelles

Rudolf Augstein; eine Sekretärin erinnert sich
Buecherspiegelvor 3 Jahren

Rudolf Augstein, Jahrzehntelang Herausgeber der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“, ist sicherlich schwer allumfassend zu beschreiben. Irma Nelles versucht sich darin in ihren „Erinnerungen an Rudolf Augstein“, die sie in ihrem Buch „Der Herausgeber“ zusammengefasst hat. Wie empfindet man es, wenn ein, für eine junge Frau bedeutender Mann und Journalist, ihr auf ihren ersten beruflichen Schritten begegnet, von dem sie schon als kleines Kind gehört hatte. Nelles beschreibt ihre ersten Erinnerungen mit dem „Spiegel“, wie ihr Vater ihn ab und an gekauft hatte und sie, ganz enttäuscht, es waren wenige Geschichten über Mode, schöne Frauen und Schminke darin enthalten, nicht so erpicht war, darin zu lesen. Und in der Schulzeit, als bekannt wurde, dass Augstein verhaftet und die Presse- und Meinungsfreiheit in Gefahr war, ein wichtiges Thema auch zu Hause war. Von nun an war er vom Vater abonniert, schreibt sie. Dass sie über die ersten Seiten so ausführlich über die ersten Berührungspunkte mit der Zeitschrift beginnt, wirkt wie eine Zeitreise, man kann sich zurückversetzen, sich erinnern, wie und wo es bei einem selbst war. Augstein im Gefängnis, was waren das für Zeiten. Nelles erzählt am Anfang auch ein wenig über sich selbst, damit wir sie ein wenig kennenlernen können. Schließlich war es eine Zeit, in der der Ehemann noch mitbestimmte, ob und wann eine Frau arbeiten gehen konnte oder ein eigenes Konto führen, in unserer Zeit unvorstellbar. Und nach einer kurzen Ehe, aus der auch Kinder entstanden sind, merkt sie, das kann nicht alles gewesen sein. Sie will studieren, einem Job nachgehen. In dieser Zeit stößt sie auf eine Annonce, bei der eine Nachwuchssekretärin beim „Spiegel“ gesucht wird. Ohne zu zögern meldet sie sich, stellt sich vor und bekommt den Job. Die Autorin wird selbstbewusst, trennt sich von ihrem Mann in einer Phase, in der bereits ein neues Scheidungsrecht auf den Weg gebracht wird. Gelebte Geschichte.
Am Anfang ihrer Zeit beim „Spiegel“ bekommt sie von Rudolf Augstein nicht viel mit, es ist interessant, was sie über die Redaktionsarbeiten zu erzählen hat, welcher Umgangston herrschte, das ganze Drumherum. Wie die Atmosphäre sich geändert hätte, sobald sich der Herausgeber ankündigte, er komme in die Bonner Zentrale. Nelles erste Begegnung mit dem Herausgeber ist eher peinlich für sie, aber auch das übersteht sie. Wir erleben die ganzen politischen Skandale noch einmal mit, diesmal aus der Perspektive der Redaktion, die in der Folgezeit von Bundeskanzler Willy Brandt und seinem Spion so geschahen. Sie erlebt Augstein als FDP-Delegierten, als Menschen, der manchmal ein Bier nicht ablehnen konnte, wo die Kellner bereits das erste Glas am zapfen waren, wenn er in der Tür stand. Aber auch als nur Wasser Trinkenden, alles andere ablehnend. Nelles wird zufällig für Auslandsreisen mit dem Herausgeber bestimmt, lernt ihn so näher kennen. Wird sogar von guten Freunden Augsteins angehalten, doch noch mehr auf ihn zu achten, auf ihn einzuwirken. Denn sein Wesen ist unstet, mal zieht er sich zurück, will niemanden sehen, mal ist er zornig, wütend, aufbrausend, im Schreiben penibel und eifrig. Beeindruckend ist für die Autorin, was sie immer wieder erwähnt, die enorme Gedächtnisleistung Augsteins; wie er sich an noch so weit zurückliegende aufnotierte oder in einem Werk geschriebene Fußnote erinnern konnte. Nelles hingegen erinnert sich an manche Begebenheiten, lernt in Augsteins Beisein so manche Persönlichkeit kennen. Sie erzählt von den Artikeln über den Politiker Kohl, über den Euro, kritische Berichte über religiöse Fanatiker und man merkt, wie vorausschauend dieser Mensch Augstein im Rückblick gewesen sein muss. Es lockt, sich die alten Artikel herauszusuchen und wieder zu lesen, um zu sehen, was alles tatsächlich eingetreten ist, vor dem Augstein gewarnt hat, dass es so kommen würde.
Ein wenig erinnert es an ein Tagebuch, allerdings mit großen Lücken und Sprüngen darin. Ich stelle mir vor, wie schwierig die Auswahl gewesen sein muss, welche von ihren Erinnerungen in das Buch Einzug halten soll. Der Schreibstil bleibt sich von der ersten bis zur letzten Zeile treu, kein literarisch bedeutendes Werk, aber eine interessante Sichtweise auf den Herausgeber Augstein, den ich nicht missen möchte.

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ralluss avatar

Rezension zu "Der Herausgeber" von Irma Nelles

Augsteins ordnende Hand
rallusvor 3 Jahren

Was gibt es über Rudolf Augstein, der 2002 in Hamburg starb, noch viel zu erzählen? Im Jahre 2000 bekam er den Titel: “Held der Weltpressefreiheit“, sowie “Journalist des Jahrhunderts“, von anderen Preisen im Laufe seines Lebens ganz abgesehen. Er hat den Spiegel aufgebaut, saß nächtens alleine mit seiner Schreibmaschine im Büro und schrieb an seinen Artikeln. Er ging wegen seines Berufes 100 Tage ins Gefängnis, als 1962 der Artikel ‘Bedingt Abwehrbereit‘ (der das Verteidigungskonzept der Bundeswehr in Frage stellte), erschien. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß witterte Landesverrat. Als Spiegel-Affäre ging diese Zeit in die Geschichte der BRD ein.

Augstein ist jedem Deutschen ein Begriff, ja untrennbar mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel und feinstem, aufklärerischem Journalismus verbunden. Dabei ließ sich Augstein beruflich nie verbiegen, er war ein Original, eine Ikone, ein Querdenker, ein Illusionär in seinen Artikeln, in denen er z.B. früh vor dem Euro und den kommenden wirtschaftlichen desaströsen Folgen warnte.

Hinter jedem starken Mann steht eine noch stärkere Frau, so berichtet der Volksmund. Augstein war fünfmal verheiratet, aber nicht eine seiner Frauen hatte so viel Einfluss auf ihn wie seine langjährige Vertraute, Krankenschwester, Mitautorin vieler Artikel, Psychotherapeutin in vielen Lebenskrisen und am Schluss Büroleiterin im Spiegel, Irma Nelles.

Irma Nelles beschreibt in ihrem Buch “Der Herausgeber” ihre Zusammenkünfte, ihre Erfahrungen, die Lebensabschnitte die sie mit Rudolf Augstein verbracht hat. Es ist keine eigentliche Biographie von Augstein, wer danach sucht sollte sich an die hervorragend recherchierte Ausgabe des Pantheon Verlages halten von Peter Merseburger. Nein, Nelles Buch ist eine nahe Betrachtung des Menschen Augsteins.

Irma Nelles beginnt mit ihrer Kindheit, streift den Anfang ihrer Ehe, der Wunsch etwas mit ihrem Leben anzufangen, der Konflikt mit dem damaligen in den 70er Jahren herrschenden Bild der Frau und Mutter. Früh Mutter von zwei Kindern hat sie sich nie ihren Wunsch nach einem Studium erfüllen können. Nach der Trennung von ihrem Mann fing sie an zu studieren, musste dafür aber auch Geld verdienen. 1973 schrieb die Spiegel Niederlassung in Bonn eine Stelle aus, die sie auch erhielt. Ihre ersten Begegnungen mit dem ‘Herausgeber‘, wie er ehrfürchtig genannt wurde, zeigte ihr einen Mann der es gewohnt war, das zu bekommen was er wollte. Ein launischer Mann dessen rechtes Auge er bei Blickkontakt immer wieder zentrieren musste, ein Augenleiden was ihn aber nicht daran hinderte die Menschen herumzuscheuchen.

Der Kontakt zu ihm wurde intensiver, Augstein lud Irma Nelles zum Skifahren ein, auch in sein Haus in Südfrankreich. Der Herausgeber wurde menschlicher:

“Kurz darauf war zu hören, dass der Herausgeber laut ächzend in die Badewanne stieg. In seinem Schlafzimmer saß er wenig später im Bademantel auf der Bettkante und studierte, leise vor sich hin stöhnend seine Armbanduhr.”

Er ächzt, stöhnt, ja liegt in seinem Bett und verlangt von Irma Nelles einen Beischlaf den sie belustigt als: “Lass uns fieken” beschreibt. Sie selber hat keine Ambitionen und Augstein, gewohnt dass sein Umfeld ihm gehorcht, ist irritiert von dieser Frau. Er kann ihr doch alles geben? Nach einiger Zeit akzeptiert er die Freundschaft, die ihn bis zu seinem Lebensende begleitet.

Nelles zeigt Augstein als innerlich zerrissenen Menschen:

“Er selbst schien am wenigsten wissen zu wollen, warum es ihn, nachdem er wochenlang keinen Tropfen Alkohol angerührt hatte, plötzlich wieder danach drängte, sein Dasein zunehmend hinter einer fast undurchdringlichen Nebelwand von Bier und Schlafmittel zu verbringen.”

Er hat zwar mehrere Frauen (und Kinder) in seinem Leben, aber keine richtige Bindung. Er scheut sich vor einer tiefen Beziehung, andererseits aber sehnt er sich nach Bestätigung und den klassischen Klischees einer Ehe.

“Diese eine Sache, die hätte ich gerne richtig gemacht, fuhr Rudolf nach längerem in sich gekehrtem Schweigen fort. Eine Frau, die mit einem Kind auf dem Arm am Gartenzaun steht und hinter mir herwinkt, wenn ich zur Arbeit fahre. Das ist leider schiefgegangen.”

In den Jahren wird Irma Nelles eine immer wichtigere Rolle in Augsteins Leben und in der Hierarchie des Nachrichtenmagazins ‘Der Spiegel‘ spielen. Ab 1993 ist sie die Büroleiterin von Augstein. Ein Generationswechsel im Spiegel findet statt, aber Augstein ist zeitlebens immer noch der wichtigste Mann, was er sich gerne bestätigen lässt:

“Lieber Rudolf, las ich laut, wobei mir klar war, dass sich Rudolf diesen Brief nicht zum ersten Mal vorlesen ließ, Du bist natürlich der mächtigste, einflussreichste und bedeutendste Journalist Deutschlands und wirst es auch bleiben. In alter Freundschaft grüßt Dich Dein Stefan Aust.”

Irma Nelles ist mit ihrem Buch ein warmherziges Poträt des Herausgebers, wie sie ihn oft in ihrem Buch nennt (was wie ein militärischer Titel zu sehen ist), gelungen. Dabei geht sie zwar chronologisch vor und füllt die Jahre auch mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen der Bundesrepublik, es gibt aber oft genug historische Lücken in ihrer Erzählung. Dabei wird aber auch nicht der Anspruch von Vollständigkeit erhoben, es geht nur um die Situationen die sie mit ihm, dem Herausgeber, erlebte. Dabei erfahren wir weder von ihren Kindern, noch Ihrer eigenen Beziehung viel, außer dass diese wegen Ihrer Tätigkeit in Hamburg als Büroleiterin oft an Zeitmangel litt. Ein flott zu lesendes Buch das den Menschen Augstein erhellt, aber nicht dessen gesellschaftliche und journalistische Rolle in Deutschland.

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