Ein 94-jähriger Mann hat sicher eine ganze Menge Lebensweisheiten gesammelt – besonders wenn er darüber hinaus auf eine 60-jährige Tätigkeit als Psychotherapeut zurückblicken kann. Irvin D. Yalom, konfrontiert mit Gedächtnisverlust und den Einschränkungen während der Pandemie, fasste den Entschluss, statt langfristiger Therapien einmalige einstündige Sitzungen anzubieten. Seine Erfahrungen aus diesen intensiven Begegnungen schildert er in diesem Buch.
Man muss sich nicht für Psychotherapie interessieren, um Freude an diesem Buch zu haben und Nutzen daraus zu ziehen, denn es geht um ganz allgemeine existenzielle Fragen und philosophische Überlegungen: zum Beispiel wie man gute Beziehungen und ein erfülltes Leben führt, wie man mit Ängsten oder Reue umgeht.
Dabei gibt Yalom viel Persönliches preis, denn genau darin liegt seiner Überzeugung nach der Schlüssel für ein erfolgreiches Gespräch. Verschlossenen Patienten gegenüber macht er den ersten Schritt und erzählt zum Beispiel wie sehr er noch unter dem Verlust seiner Frau Marilyn leidet. Statt trockener Sitzungsprotokolle erleben wir einen Therapeuten, der sich auch verletzlich oder emotional überwältigt zeigt, der Selbstkritik übt und staunt, wieviel er nach allen den Jahren immer noch dazulernen kann – und erfahren durch das spätere Feedback der Patienten, was das Gespräch bei ihnen bewirkt hat.
Nach der Lektüre fiel mir wieder ein, warum ich so gerne Bücher von ihm wie „Und Nietzsche weinte“ oder „Die Schopenhauer-Kur“ gelesen habe: Irvin D. Yalom schreibt klug, tiefgründig, einfühlsam und mit feinem Humor. Auch dieses Buch, an dem sein Sohn Benjamin mitgewirkt hat, möchte ich jedem ans Herz legen.

























