Isaac Rosa

 4 Sterne bei 7 Bewertungen
Autor von Im Reich der Angst, Das Leben in Rot und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Isaac Rosa

Im Reich der Angst

Im Reich der Angst

 (4)
Erschienen am 01.07.2011
Das Leben in Rot

Das Leben in Rot

 (2)
Erschienen am 25.08.2008
El Vano Ayer / Yesterday's False Hope

El Vano Ayer / Yesterday's False Hope

 (0)
Erschienen am 30.06.2005

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Rezension zu "Im Reich der Angst" von Isaac Rosa

Rezension zu "Im Reich der Angst" von Isaac Rosa
WinfriedStanzickvor 7 Jahren

„Ganz allmählich dehnt die Angst in der Stadt ihren Herrschaftsbereich aus, mit einer Vorliebe für öffentliche Orte. Selten nur zieht sie sich von einem bereits eroberten Territorium zurück, stattdessen gewinnt sie weitere hinzu, die sie ihrem Besitz zuschlagen kann. Genaugenommen sind wir es, die wir uns zurückziehen, wir geben nach, verlassen einen Raum, der fortan der Angst ausgeliefert ist. Manchmal leisten wir Widerstand, wir kämpfen, ertragen die innere Unruhe, weil wir einen Raum, der uns gehört, nicht aufgeben wollen, und verlassen den Platz schließlich doch, wir betreten diese Ecke des Parks nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr, meiden dieses und jenes Viertel, spazieren nicht nach Herzenslust am Stadtrand herum und nehmen ab einer gewissen Uhrzeit ein Taxi und nicht die U-Bahn. Dieselben Orte, die nun der Angst gehören, waren früher Räume des Spiels, Territorium der Kinder und Heranwachsenden, ein Ort des Versteckspielens, des Rückzugs, der ersten Küsse und Berührungen, der vor den Augen der Erwachsenen verborgenen Handlungen.“

Nach etwa einhundert Seiten dieses unter die Haut gehenden Romans des Spaniers Isaac Rosa („Das Leben in Rot“) reflektiert der Protagonist Carlos mit diesen Gedanken nicht nur seine eigene Angst, sondern die einer ganzen Schicht. Es ist eine „Angst davor, zu verlieren, nicht zu haben, nicht zu sein, vor dem Monatsende blank dazustehen, im Alter mittellos zu sein, sich nicht mehr so viel leisten, keinen Urlaub machen zu können, zu fallen und nicht mehr auf die Beine zu kommen, außen vor zu bleiben.“

Die Angst von Carlos ist typisch für die Mittelschicht, jene die viel zu verlieren haben, aber sich nicht wirklich schützen können. Immer wieder, parallel zur Handlung des Buches, lässt Isaac Rosa seinen Protagonisten über seine Angstvorstellung und seine Panik nachsinnen. Denn sie besteht schon vor und unabhängig von dem, was ihm und seiner Familie geschieht. Als Sara, die Ehefrau von Carlos –beide haben einen gut dotierten Job- feststellt, dass in der letzten Zeit immer wieder persönliche Gegenstände aus der Wohnung verschwinden, verdächtigen sie die dunkelhäutige Putzfrau, die ohne Papiere bei ihnen arbeitet, und sie werfen sie hinaus.

Diese Entscheidung ist Teil einer, Carlos durchaus bewussten, Fremdenfeindlichkeit, die einen nicht geringen Teil seiner Phobien ausmacht, und derer er sich phasenweise wieder schämt, weil er ja nicht so einer „von denen“ ist. Dennoch könnten viele seiner die Handlung immer wieder unterbrechenden Überlegungen aus dem Buch von Thilo Sarrazin abgeschrieben sein.

Der Leser ahnt es von der ersten Seite und wird dann bald auch in seiner Vermutung bestätigt: es ist der gemeinsame Sohn Pablo, 12 Jahre alt, der seine Eltern seit Wochen bestiehlt. Die Eltern verdrängen das Naheliegende so lange, bis eines Tages Pablo, voller Schrammen, blauer Flecken und Wunden, verstört aus der Schule kommt. Ein Junge aus seiner Klasse erpresst seit längerer Zeit Pablo, und der, um in Ruhe gelassen zu werden, muss immer wertvollere Gegenstände und vor allem immer wieder Geld aus Mutters Geldbörse seinem Peiniger abliefern.

Carlos handelt, indem er seinen Sohn fortan zur Schule bringt, und ihn dort auch abholt. Dass er damit über eine lange Zeit seinen eigenen Job vernachlässigt, zeigt keine Folgen, sehr wohl aber seine erfolglosen und kleinmütigen Gespräche mit dem Klassenlehrer und dem Direktor. Der Erpresser und Peiniger ist minderjährig, seit langen immer wieder durch solche Straftaten auffällig, doch die Offiziellen sagen, sie könnten nichts tun. Man kann als Vater eines Sohnes beim Lesen die Gefühle von Carlos nachvollziehen, auch die kalte Wut und die Ohnmacht, die in ihm aufsteigen. Doch da ihn die Angst schon seit jungen Jahren vollständig im Besitz hat, hat Carlos keine Kraft, dem Jungen als kräftiger Erwachsenen und mutiger Vater entgegenzutreten. Er wird über kurz oder lange selbst zum Erpressten und gibt dem Jungen immer mehr Geld. Gleichzeitig schmiedet er mit seinem Sohn Pablo ein Schweigekomplott gegenüber der ahnungslosen Mutter, die von beiden in dem Glauben gelassen wird, das Problem sei längst gelöst.

Doch er kann nicht heraus aus dem „Reich der Angst“. Selbst als sich durch die Hilfe eines verwandten Polizisten eine Lösung anzubahnen scheint, setzt ihre Herrschaft sich fort. Isaac Rosa führt seinen Leser in die Abgründe der menschlichen Angst und zeigt gleichzeitig mutig und angreifbar, wie eine schwache Gesellschaft voller Angst sich quasi kampflos der Gewalt und dem Terror ergibt. Insofern ist dieser Roman eine kritische Zeitansage nicht nur für Spanien. Nicht umsonst ist dieser Roman mittlerweile in zwölf verschiedene Sprachen übersetzt worden, glücklicherweise in diesem Jahr für Klett-Cotta auch von Luis Ruby ins Deutsche.

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Rezension zu "Das Leben in Rot" von Isaac Rosa

Rezension zu "Das Leben in Rot" von Isaac Rosa
WinfriedStanzickvor 7 Jahren

Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass ein 1974 geborener spanischer Autor einen solchen Roman über die Franco-Diktatur überhaupt schreiben kann, war er doch zum Zeitpunkt des beschriebenen Geschehens noch gar nicht geboren. Mit großem Ernst und völlig frei von jeder Leichtfertigkeit im Umgang mit einem schwierigen Thema hat Isaac Rosa, der als einer der wichtigen neuen Autoren in Spaniens Literaturszene gilt, erzählt von dem Schrecken und den unsäglichen Geschehnissen, die sich in den Folterkammern des franquistischen Geheimdienstes während der Diktatur abspielten. Während Hunderttausende von Deutschen, Engländern und anderen Europäern jedes Jahr an den noch recht unbebauten sonnigen Stränden des Landes sich erholten, wurden Tausende gequält, gefoltert und ermordet, zahllose Menschenleben ruiniert und Familien zerstört.

Das ganz besondere an diesem beeindruckenden Roman ist seine Anlage. Der Autor sucht eine authentische Nähe zu seinem Gegenstand, in dem er zu Beginn des Buches seinen Status als Erzähler problematisiert und seine Arbeitsweise offenlegt. Er hat nämlich aus vorgeblich historischen Namensregistern und Fußnoten sich seine Hauptfiguren erschaffen. Sie baut er dann aus, verschafft ihnen eine Identität und verfolgt ihre Entwicklung, die er immer wieder aus Interviews und Zeitungsberichten aber auch aus Quellen der Literatur unterfüttert.

Immer wieder bricht er dabei abrupt ab, wenn er glaubt nicht weiter zu kommen und beginnt mit einem neuen Puzzleteil. Permanent befindet er sich dabei im Gespräch mit imaginären Lesern und Zeitzeugen, die sein Vorhaben kritisieren, bewerten und einordnen.

Rosa tut das mit einer solchen Konsequenz und derart radikal, dass es ein großer Lesegenuss ist. Er kehrt das innere eines Romans nach außen, schreibt über Entstehungsbedingungen und die Probleme eines Autors und spart auch nicht mit eingeworfener Kritik an seinen Kollegen. So schreibt er einmal: "Auf den Bürgerkrieg kommen unsere Literaten und Filmemacher mit Vorliebe immer wieder zurück, er eignet sich als unerschöpfliche Quelle für individuelle Heldengeschichten."

Genau das möchte Rosa mit seinen Protagonisten nicht tun. Er erzählt von dem Universitätsprofessor Julio Denis und von dem Studenten Andres Sanchez. Beide geraten irgendwann in den Blick des franquistischen Geheimdienstes, werden verhaftet und verschwinden spurlos. Es gibt keine Akten über diese Vorgänge, kein Archiv hat Informationen gesammelt. Doch was ist wirklich geschehen ?

In einem schon erwähnten permanenten Dialog mit dem Leser und anderen fiktiven Zeugen versucht Isaac Rosa den immer widersprüchlicheren Fakten nachzugehen, die er über den skurrilen Professor Denis sammelt. Der lehrt Barocklyrik an der Madrider Universität und hat mit Politik nur wenig im Sinn. Doch ist seine Weltferne echt ? Versteckt er etwas anderes dahinter ? Francos Geheimdienste haben Denis in dem Verdacht mit den Gegnern des Systems zu kooperieren. Denn warum sonst hat Denis sich mit dem Studentenführer Andres Sanchez getroffen, genau einen Tag bevor es zu einem Studentenaufstand kam ?
Doch auch Sanchez gerät in den Verdacht ein Spitzel zu sein.

Isaac Rosa hat sich mit diesem historisch eher am Rande des Geschehens agierenden Figuren in die Mitte des Systems der Folter hineingeschrieben.
Es geht um den Wert, der dem Individuum in Zeiten harter Repression überhaupt noch zugesprochen wird. Und sofern ist der beachtliche Roman nicht nur ein Buch über die Franco-Diktatur, sondern ein bewegendes Zeugnis gegen die Folter überhaupt, egal wo und wann sie stattgefunden hat oder stattfindet. Seine Schilderungen berauschen sich nicht an der Gewalt, obwohl ihre Lektüre manchmal schwer zu ertragen ist.

Isaac Rosas Roman ist ein Beispiel dafür, dass die Literatur eben nicht nur von Zeitgenossenschaft lebt, sondern mehr noch vom künstlerischen Reflexionsvermögen der Literaten. Ros beschreibt eindrucksvoll, welche Deformationen die Diktatur in Spaniens Demokratie bis auf den heutigen Tag hinterlassen hat: Denkfaulheit, Angst und vorauseilender Gehorsam. Und er stellt sozusagen ein Warnschild auf, darauf steht "Vergangenheitsbewältigung" heißt noch lange nicht, dass man das Wesen der Barbarei verstanden hat. Vielleicht gelingt das auch nie.

Rosas Buch aber ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man es immer wieder versuchen sollte.

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