Isaac Rosa Im Reich der Angst

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Inhaltsangabe zu „Im Reich der Angst“ von Isaac Rosa

Die Kleinfamilie von Carlos, Sara und dem 12-jährigen Pablo wird von einem Jungen aus Pablos Schule bedroht. Als die Eltern erfahren, dass Pablo erpresst und verprügelt wird, beginnt der Vater, seinen Sohn zu protegieren. Carlos und Pablo halten vor der Mutter geheim, dass der Vater den Sohn jeden Tag von der Schule abholt und regelrecht überwacht - nur zu dessen Sicherheit, versteht sich. Doch bald lässt auch Carlos sich von dem Jungen erpressen und verprügeln und gibt ihm immer mehr Geld, ohne dass er dadurch in Ruhe gelassen würde. Als Carlos seinen Schwager, einen Polizisten, einschaltet, eskaliert die Situation. Fesselnd und eindringlich beschreibt Isaac Rosa die lebenszerstörende Macht der Angst.

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  • Rezension zu "Im Reich der Angst" von Isaac Rosa

    Im Reich der Angst
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    01. September 2011 um 09:42

    „Ganz allmählich dehnt die Angst in der Stadt ihren Herrschaftsbereich aus, mit einer Vorliebe für öffentliche Orte. Selten nur zieht sie sich von einem bereits eroberten Territorium zurück, stattdessen gewinnt sie weitere hinzu, die sie ihrem Besitz zuschlagen kann. Genaugenommen sind wir es, die wir uns zurückziehen, wir geben nach, verlassen einen Raum, der fortan der Angst ausgeliefert ist. Manchmal leisten wir Widerstand, wir kämpfen, ertragen die innere Unruhe, weil wir einen Raum, der uns gehört, nicht aufgeben wollen, und verlassen den Platz schließlich doch, wir betreten diese Ecke des Parks nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr, meiden dieses und jenes Viertel, spazieren nicht nach Herzenslust am Stadtrand herum und nehmen ab einer gewissen Uhrzeit ein Taxi und nicht die U-Bahn. Dieselben Orte, die nun der Angst gehören, waren früher Räume des Spiels, Territorium der Kinder und Heranwachsenden, ein Ort des Versteckspielens, des Rückzugs, der ersten Küsse und Berührungen, der vor den Augen der Erwachsenen verborgenen Handlungen.“ Nach etwa einhundert Seiten dieses unter die Haut gehenden Romans des Spaniers Isaac Rosa („Das Leben in Rot“) reflektiert der Protagonist Carlos mit diesen Gedanken nicht nur seine eigene Angst, sondern die einer ganzen Schicht. Es ist eine „Angst davor, zu verlieren, nicht zu haben, nicht zu sein, vor dem Monatsende blank dazustehen, im Alter mittellos zu sein, sich nicht mehr so viel leisten, keinen Urlaub machen zu können, zu fallen und nicht mehr auf die Beine zu kommen, außen vor zu bleiben.“ Die Angst von Carlos ist typisch für die Mittelschicht, jene die viel zu verlieren haben, aber sich nicht wirklich schützen können. Immer wieder, parallel zur Handlung des Buches, lässt Isaac Rosa seinen Protagonisten über seine Angstvorstellung und seine Panik nachsinnen. Denn sie besteht schon vor und unabhängig von dem, was ihm und seiner Familie geschieht. Als Sara, die Ehefrau von Carlos –beide haben einen gut dotierten Job- feststellt, dass in der letzten Zeit immer wieder persönliche Gegenstände aus der Wohnung verschwinden, verdächtigen sie die dunkelhäutige Putzfrau, die ohne Papiere bei ihnen arbeitet, und sie werfen sie hinaus. Diese Entscheidung ist Teil einer, Carlos durchaus bewussten, Fremdenfeindlichkeit, die einen nicht geringen Teil seiner Phobien ausmacht, und derer er sich phasenweise wieder schämt, weil er ja nicht so einer „von denen“ ist. Dennoch könnten viele seiner die Handlung immer wieder unterbrechenden Überlegungen aus dem Buch von Thilo Sarrazin abgeschrieben sein. Der Leser ahnt es von der ersten Seite und wird dann bald auch in seiner Vermutung bestätigt: es ist der gemeinsame Sohn Pablo, 12 Jahre alt, der seine Eltern seit Wochen bestiehlt. Die Eltern verdrängen das Naheliegende so lange, bis eines Tages Pablo, voller Schrammen, blauer Flecken und Wunden, verstört aus der Schule kommt. Ein Junge aus seiner Klasse erpresst seit längerer Zeit Pablo, und der, um in Ruhe gelassen zu werden, muss immer wertvollere Gegenstände und vor allem immer wieder Geld aus Mutters Geldbörse seinem Peiniger abliefern. Carlos handelt, indem er seinen Sohn fortan zur Schule bringt, und ihn dort auch abholt. Dass er damit über eine lange Zeit seinen eigenen Job vernachlässigt, zeigt keine Folgen, sehr wohl aber seine erfolglosen und kleinmütigen Gespräche mit dem Klassenlehrer und dem Direktor. Der Erpresser und Peiniger ist minderjährig, seit langen immer wieder durch solche Straftaten auffällig, doch die Offiziellen sagen, sie könnten nichts tun. Man kann als Vater eines Sohnes beim Lesen die Gefühle von Carlos nachvollziehen, auch die kalte Wut und die Ohnmacht, die in ihm aufsteigen. Doch da ihn die Angst schon seit jungen Jahren vollständig im Besitz hat, hat Carlos keine Kraft, dem Jungen als kräftiger Erwachsenen und mutiger Vater entgegenzutreten. Er wird über kurz oder lange selbst zum Erpressten und gibt dem Jungen immer mehr Geld. Gleichzeitig schmiedet er mit seinem Sohn Pablo ein Schweigekomplott gegenüber der ahnungslosen Mutter, die von beiden in dem Glauben gelassen wird, das Problem sei längst gelöst. Doch er kann nicht heraus aus dem „Reich der Angst“. Selbst als sich durch die Hilfe eines verwandten Polizisten eine Lösung anzubahnen scheint, setzt ihre Herrschaft sich fort. Isaac Rosa führt seinen Leser in die Abgründe der menschlichen Angst und zeigt gleichzeitig mutig und angreifbar, wie eine schwache Gesellschaft voller Angst sich quasi kampflos der Gewalt und dem Terror ergibt. Insofern ist dieser Roman eine kritische Zeitansage nicht nur für Spanien. Nicht umsonst ist dieser Roman mittlerweile in zwölf verschiedene Sprachen übersetzt worden, glücklicherweise in diesem Jahr für Klett-Cotta auch von Luis Ruby ins Deutsche.

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