Tolmin im 16. Jahrhundert.
Ein sympathischer Mensch ist er nicht, dieser Vikar. Er ist brutal, er prügelt, er ist unbeherrscht und er hält sich für etwas Besonderes. Sein persönlicher Konflikt zwischen dem Zölibat und seinen leidenschaftlichen Gefühlen entlädt sich in der Überzeugung, die Gabe der Heilung zu besitzen.
Die anderen Männer in seiner Umgebung sind allerdings auch nicht besser. Zum Beispiel sein Neffe Peter, der überaus egoistisch ist und andere Menschen, besonders Frauen, nur ausnutzt. Das bekommt besonders die arme Katrica zu spüren, die von Peter geschwängert und vom Vikar in den Wahnsinn getrieben wird.
Der Vikar wiederum wird von seinen Kollegen gemobbt, er fühlt sich allein gegen Alle.
In der ebenfalls im Buch abgedruckten Novelle begegnen wir dem die Vikar erneut. Er ist älter geworden, aber seine Zerrissenheit ist geblieben. Am Ende überwiegt seine Lust, die er in seinen religiösen Wahn, er könne Tote zum Leben erwecken, integriert.
Der Autor hat einen sehr ungewöhnlichen Schreibstil, an den ich mich erst einmal gewöhnen musste. Im Text finden sich immer wieder längere Zitate in Latein und Italienisch, die ich mir zunächst mühsam übersetzt habe. Erst später habe ich gesehen, dass am Ende des Romans die Übersetzungen dieser Textpassagen abgedruckt sind.
Nach diesen Anfangsschwierigkeiten habe ich diesen Roman, der mit den Dogmen der katholischen Kirche abrechnet, mit großem Genuss gelesen.
Im Mittelpunkt steht die Frage der Sünde, die Frage, ob Leidenschaft etwas Verdammenswertes oder etwas Normales ist. In der damaligen Zeit konnte dieser Konflikt nur im Wahnsinn enden.
Die slowenische Literatur ist hierzulande relativ unbekannt, das soll die von drei Verlagen herausgegebene slowenische Bibliothek, zu der dieses Buch gehört, ändern. Ich hoffe auf viele weitere Entdeckungen in einer für mich unbekannten literarischen Landschaft.
Dieses Buch ist jedenfalls ein guter Auftakt und sei Allen empfohlen, die die abgetretenen Pfade des Mainstreams gern einmal verlassen.
Zölibat und Leidenschaft


