Rio Bar

von Ivana Sajko 
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Rio Bar
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Eine fast unerträgliche Studie des menschlichen Hasses auf alles was „anders“ ist. Eine Kriegserzählung ohne Helden, Unschuldige und Pathos.

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Inhaltsangabe zu "Rio Bar"

Eine Frau sitzt in einer Bar und trinkt, um zu vergessen. Sie berichtet vom Krieg und von der Hochzeit in jener Nacht, in der er begann. Ivana Sajko erzählt bewegend, kraftvoll und mit abgründigem Humor eine bittere Geschichte aus einer Welt in Trümmern.

Das Hochzeitskleid wird in diesem Roman zu einem Utensil für alle Lebenslagen. Ivana Sajko zerschneidet es zu Verbänden für Verwundete und Damenbinden, sie schläft in ihm in einem Flüchtlingslager, verschmilzt mit ihm zur Siegesfahne und bedeckt sich damit, als sie nach dem Krieg ihren Bräutigam bei den Behörden suchen geht, die die Listen der Toten und Vermissten verwalten. Den Krieg erspürt sie mit ihrem Körper, sie denkt mit ihrem Körper und zeigt, dass es nicht reicht, Dinge zu 'wissen' - man muss sie 'spüren', um sie zu verstehen. Aus der Perspektive einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, denkt Sajko in diesem 'Roman in acht Monologen für acht Schauspielerinnen in weißen Hochzeitskleidern ' über die Unmöglichkeit der Liebe, das Warten auf den 'Richtigen', die Einsamkeit und die Heimatlosigkeit nach.

'Atmosphärisch dicht und in einer starken, bildhaften, geradezu körperlichen Sprache macht Ivana Sajko das Trauma eiiner kriegszerstörten Frau spürbar, die ein "Minenfeld zwischen den Schläfen trägt, das im Begriff ist, jeder zeit zu explodieren.' Maike van Schwammen auf 'ARTE' am 18.3.2008

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783882217155
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:192 Seiten
Verlag:Matthes & Seitz Berlin
Erscheinungsdatum:01.03.2008

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    MilaWvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Eine fast unerträgliche Studie des menschlichen Hasses auf alles was „anders“ ist. Eine Kriegserzählung ohne Helden, Unschuldige und Pathos.
    „[...] nach den Soldaten mit Gewehren werden Frauen voller Hass kommen [...]"

    „Es ist nichts Besonderes geschehen. Die übliche Scheiße: Zuerst die Faust, dann der Ziegelstein, dann die Kugel und am Ende eine Bombe.“ S. 140

    In Kroatien ist Krieg, eine Frau sitzt im Bunker. Sie trägt noch ihr Brautkleid, der Bräutigam ist verschollen, genau wie ein Großteil der Gäste. Doch sie wird überleben, egal was es kostet.
    In Kroatien ist der Krieg vorbei, eine Frau sitzt in der Rio Bar in einem namenlosen Küstenort und betrinkt sich, denkt über ihr Leben nach. Nachts geht sie mit Männern mit, an deren Gesichter sie sich morgens nicht mehr erinnern kann und doch kann sie ihrer Vergangenheit nicht entfliehen.


    Ivana Zajko ist eine umstrittene Autorin. Unschwer zu verstehen weswegen. Sie präsentiert eine strikt weibliche Sichtweise auf den Krieg. Ohne eine einzige Szene an der Front und ohne Schilderung der Kriegsereignisse schafft sie es, die Schrecken des Krieges klarzumachen. Dabei erzählt sie von unrühmlichen Dingen, die in einer Erzählung über Kriegshelden keinen Platz haben, dem Alltag des Überlebenskampfes, der Menschen zu MörderInnen, Huren, Mafiosis, AlkoholikerInnen, Arbeitsunfähigen, Traumatisierten… kurz menschlichen Wracks macht. Aber auch die Bürokratie im Umgang mit den Verschollenen des Krieges ist ein bestimmendes Thema.
    Die Prägung der Autorin im Theatermilieu ist spürbar. Die einzelnen Szenen sind nur lose verbunden, es gibt unvermittelte Zeitsprünge und erst mit der Zeit ergibt sich ein Gesamtbild. Genres, Textsorten und Erzählweisen werden chaotisch gemischt, dazwischen immer wieder Monologe der Braut, die zwischen Wut und Verzweiflung schwanken.
    Das Ganze ist schwer zu lesen, oft schwer verdaulich (ich habe über Wochen immer Abschnitte gelesen), aber insgesamt sehr nahrhaft, zumindest, wenn man sich Zeit zum Nachdenken lässt.
    Zajkos Hauptperson spuckt einen ihren ganzen Hass und ihre ganze Verzweiflung entgegen. Das ist oft brutal und obszön, mit sehr klaren Worten. Es gibt viel Erbrochenes, (Menstruations)-blut, Fäkalien, Eier, ertränkt in Alkohol und gekrönt mit Schokosauce. Sofern man nicht allzu zart besaitet ist, entdeckt man aber klare Worte und viele starke Szenen.
    Es gibt Anmerkungen, die die realen Ereignisse, auf denen der Text basiert, anhand von Lexikonartikeln und Zeitungsartikeln nüchtern dargestellt. Das macht eindrücklich klar, dass der Text einen realen Hintergrund hat und die Wunden noch lange nicht geheilt sind. Trotzdem wird der Text ohne Grundkenntnisse über den Jugoslawienkonflikt schwer zugänglich sein.
    Eine sehr ungewöhnliche Herangehensweise an den Krieg, die blinde Flecken beleuchtet und weder Helden noch unschuldige Opfer präsentiert, sondern eine fast unerträgliche Studie des menschlichen Hasses auf alles was „anders“ ist.

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    inseltiger
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    Hallogenvor 9 Jahren

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