Der Block

von Jérôme Leroy 
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Der Block
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im Original schon 2011 vor der Präsidentschaftswahl erschienen und 2017 noch genauso aktuell. Eigentlich bitter.

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Zwei einsame Männer in der Nacht der Entscheidung: Hochliterarischer Krimi über den Aufstieg der neuen Rechten.

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Inhaltsangabe zu "Der Block"

Eine Regierungsbeteiligung der extremen Rechten in Frankreich. »Der Block« beschreibt ein erschreckendes Szenario, das immer wahrscheinlicher wird – und wie es dazu kommen konnte.

Blutige Aufstände in den französischen Vorstädten, die Zahl der Toten steigt unaufhörlich. Die Partei der äußersten Rechten – der Patriotische Block – steht kurz vor dem Einzug in die Regierung. In dieser Nacht kann das Schicksal Frankreichs kippen, und sie ist für drei Menschen der Höhepunkt einer 25-jährigen Geschichte aus Gewalt, Geheimnissen und Manipulation.

Agnès führt als Parteivorsitzende die Verhandlungen. Ihr Ehemann Antoine wartet in seiner luxuriösen Pariser Wohnung auf das Ergebnis, Stanko, der Chef des paramilitärischen Ordnerdienstes der Partei, versteckt sich in einem schäbigen Hotelzimmer. Antoine ist morgen vielleicht Staatssekretär – Stanko jedenfalls soll morgen tot sein.

Ein Vierteljahrhundert lang waren die beiden wie Brüder. Ein Vierteljahrhundert lang waren sie bei allen Aktionen dabei, die den Patriotischen Block an die Macht gebracht haben. Ein Vierteljahrhundert lang sind sie vor nichts zurückgeschreckt. Sie haben dieses Leben geliebt, und sie bereuen nichts.

Jérôme Leroy legt mit »Der Block« eine atemberaubende Milieustudie vor; eine Innenansicht der Strömungen, die sich in der extremen Rechten verbünden. Ein hochaktueller und literarischer Thriller aus einem Milieu, das unter Hochdruck steht – nicht nur in Frankreich.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783960540373
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:0 Seiten
Verlag:Edition Nautilus GmbH
Erscheinungsdatum:01.03.2017

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    Gulans avatar
    Gulanvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Zwei einsame Männer in der Nacht der Entscheidung: Hochliterarischer Krimi über den Aufstieg der neuen Rechten.
    Der Wolf frisst Kreide.

    „Scheiße, Stanko, wach auf! Der gesamte Block lässt dich fallen. Wir stehen kurz davor, an die Regierung zu kommen, mein Junge. Ist dir das klar? Darauf warten wir seit fast fünfundvierzig Jahren. Alle. Und wenn wir, um die letzte Stufe zu erklimmen, einen der Unsrigen opfern müssen, selbst wenn du das bist, Stanko, wird keiner lange zögern.“ (S.68)

    In Frankreich brennen die Vorstädte, seit Monaten gibt es schon blutige Unruhen, die TV-Sender blenden sogar inzwischen einen Live-Bodycount ein. Die konservative Regierung wird der Situation nicht mehr Herr und bricht mit einem Tabu – sie führt Koalitionsverhandlungen mit dem rechtsextremen Bloc Patriotique. In der Nacht der Verhandlungen sind zwei Männer ganz allein: Antoine Meynard, Ehemann der Parteivorsitzenden und Anwärter auf ein hohes Amt in der neuen Regierung, und Stéphane Stankowiak, Sicherheitschef des „Block“ und nun in Ungnade gefallen.

    Beide Männer sind alte Freunde. Meynard ist Schriftsteller, ein Intellektueller, mit Agnès, der Parteichefin, verheiratet und ihr hemmungslos verfallen („Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden“, S.9). Meynard ist nicht unbedingt ein Rassist, aber er berauscht sich an der Gewalt, war früher regelmäßig mit Stanko unterwegs. Nun sitzt er in einer Luxuswohnung und wartet auf Agnès, die die Verhandlungen führt. Zur gleichen Zeit hockt Stanko in einer billigen Absteige. Er ist auf der Flucht, man will seinen Kopf. Stanko stammt aus zerrütteten Verhältnissen, hat sich früh einer Hooligan-Gruppe angeschlossen. Er ist ein Proll, ein Rassist. Beim Militär lernte er Meynard kennen, der ihn unter seine Fittiche nahm. Beim Block ist der homosexuelle Stanko dann zum Chef der parteieigenen Schläger- und Sicherheitstruppe aufgestiegen. Nun ist aber die Nacht der langen Messer angebrochen, der zukünftige Koalitionspartner verlangt Stankos Kopf und die Verantwortlichen des Block sind bereit, ihn zu opfern, auch Meynard unternimmt nichts dagegen.

    Die literarische Form, die Autor Jérôme Leroy für diesen Roman gewählt hat, ist höchst anspruchsvoll. Leroy selbst erklärt im Nachwort, dass er die Form der klassischen Tragödie gewählt hat, mit der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Dabei benutzt ein bei den zwei Hauptfiguren ein „Ich“ für Stanko und das „Du“ für Meynard. Beide sind in dieser Nacht allein mit sich und ihren Gedanken. Als Handlung passiert nicht viel, stattdessen resümieren die Protagonisten ihr Leben und ihre Zeit beim Block und geben dem Leser einen authentischen Einblick in die Köpfe rechter Parteifunktionäre.

    Also verstehen die Armen, was los ist, was wirklich los ist, nur dass sie es nicht unbedingt in Worte fassen können. Und dann wählen sie uns, die einzige echte Alternative, die Partei, die alle anderen gegen sich hat. Was glauben Sie? Genau so sind wir zur größten Arbeiterpartei Frankreichs geworden. (S.187)

    Der Roman ist selbstredend ein Schlüsselroman. Auch wenn Leroy aus juristischen Gründen allzu direkte Parallelen vermeidet, spiegelt sich im Roman die Geschichte der französischen extremen Rechte und insbesondere des Front National wider. Meynard und Stanko reflektieren in ihren inneren Monologen die Geschichte einer Bewegung, eine Geschichte der Gewalt, die ihren Marsch durch die Institutionen angetreten hat, sich gehäutet hat, ein modernes Antlitz verpasst hat, um nun als kühle, aber immer noch gefährliche Technokraten den Zugang zur Macht zu erhalten.

    Ich dachte immer, dass wir, wenn der Block eines Tages die Macht ergreifen würde, aus Frankreich ein neues Sparta machen würden. Wir würden den Museln, den Negern und den Juden wieder ihre Heloten-Plätze zuweisen. (S.30)

    Die Lektüre des Romans ist durch die gewählte Form alles andere als bequem. Ich muss zugeben, dass ich zur Mitte des Buches so meine Mühe hatte, mich durch Stankos und Meynards inneren Monologe und Erinnerungen, die zwischen Larmoyanz und „Je ne regrette rien“ schwanken, zu arbeiten. Doch es lohnt sich definitiv. In der aktuellen Situation, in der die neuen Rechten vielerorts plötzlich salonfähig werden, ist ein solcher Roman noir ein klares politisches Statement. Der Wolf mag Kreide gefressen haben, aber er ist immer noch ein Wolf.

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    miss_mesmerizeds avatar
    miss_mesmerizedvor einem Jahr
    Kurzmeinung: im Original schon 2011 vor der Präsidentschaftswahl erschienen und 2017 noch genauso aktuell. Eigentlich bitter.
    Jérôme Leroy - Der Block

    Eine Nacht in Paris. Zwei Männer lassen uns an ihren Gedanken teilhaben. Antoine Maynard, Schriftsteller, Intellektueller und Ehemann der bald wichtigsten Frau im Land wartet auf ihre Rückkehr. Im Fernsehen betrachtet er die aktuellen Meldungen zu den seit Wochen anhaltenden Aufständen. Schon 752 Tote. Das wird der Partei in den laufenden Verhandlungen helfen. Er erinnert sich zurück an seine Anfänge, einerseits intelligenter Schüler, der die meiste Zeit mit Bücher verbrachte, gleichzeitig aber auch Karriere als brutaler Einheizer der extremen Rechten, der Jagd auf Muslime, Schwarze und Juden gleichermaßen machte. Doch der rechte Pöbel ist salonfähig geworden und am Ende dieser Nacht werden sie gleich mehrere Ministerien besetzen. Begleitet bei seinem Aufstieg hat ihn Stéphane Stankowiak, Stanko, der neue Leute rekrutierte und für den Straßenkampf ausbildete. Aber Stanko ging einmal zu weit und heute Nacht ist die Order ausgegeben, ihn zu lynchen. Beide Männer warten auf ein Zeichen, das die Grübeleien beendet und doch können sie sich vor den Erinnerungen nicht schützen. Individuelle Erinnerungen, die den fatalen Aufstieg einer extremen Partei beschreiben.

    Man muss bei der Besprechung des Buchs eigentlich von hinten anfangen. Das Nachwort des Autors ist wichtig bei der Einordnung seines Romans, den er selbst als „Roman noir“ bezeichnet und somit die Grenze zwischen Gut und Böse verwischt und die gesellschaftskritische Relevanz verdeutlicht. Die Fiktion versucht möglichst nah an der Realität zu bleiben, da sie diese zum wesentlichen Inhalt hat – aber wie kann man über eine extreme politische Partei schreiben, ohne juristische Konsequenzen gleich mit einzukalkulieren? Ein schmaler Grat, der Jérôme Leroy zweifelsohne gelungen ist. Man erkennt den Front National, obwohl er entsprechende Modifikationen vorgenommen hat. Es sind aber auch nicht die ganz prominenten Gesichter der Partei, die ihm Roman handeln, sondern zwei fiktive Nebenerscheinungen, die in dieser Weise real sein könnten oder auch nicht.

    Die beiden Ich-Erzähler könnten verschiedener kaum sein, umso interessanter aber, wie sie den Weg zu dieser Partei und dort offenbar eine Ersatzfamilie gefunden haben. Antoine, als Autor wenig beachtet trotz der erzielten Erfolge. Sein Talent im Umgang mit der Sprache und seine Liaison mit der Lieblingstochter des „Alten“, in den 80ern und 90ern unangefochtene Nummer 1 der Partei, macht ihn wertvoll für die Bewegung, kann er doch sprachlich passend neue Zielgruppen erschließen. Interessiert an Geschichte und bedingt durch seine eigene Familie ist er bestens vertraut mit den Geschehnissen in der Welt und doch ist die Partei für ihn attraktiv – womöglich aber liegt hier der besondere Reiz in seiner Ehefrau, für die er seinen Beruf und sein Leben opfert und die heute die Nummer 1 ist und bald auch im Land die wichtigste Person sein wird.

    Das extreme Gegenteil davon ist Stanko. Spross einer geradezu typischen Arbeiterfamilie. Als Jugendlicher schon hat er die Untreue der Mutter beobachtet, zugesehen, wie sein Vater die Arbeitslosigkeit im Alkohol ertränke und war bald schon Opfer eines Pädophilenrings geworden. Entwurzelt mit wenig Bildung hat er schnell den Weg zu radikalen Schlägertrupps gefunden. Trotz aller Bemühungen Antoines seinen Intellekt ein wenig zu fördern, ist Stanko doch immer der primitive Arbeiter fürs Grobe geblieben. Und jetzt braucht und will man ihn nicht mehr.

    Verwundert schaut man aus Deutschland auf das Nachbarland und den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Front National. Wer, mit auch nur einem Funken verstand, kann diese Partei unterstützen? Jérôme Leroy gibt Antworten in seinem Roman:
    „On nous cache tout. On nous dit rien. Man verheimlicht uns alles. Man sagt uns gar nichts, singt Jacques Dutronc. Genau dieses primitive Ressentiment treibt, unausgesprochen, den Durchschnittsfaschisten an“

    Das Gefühl von den Regierenden nicht ernstgenommen zu werden und Wesentliches verheimlicht zu bekommen, lässt den kleinen Mann zu denjenigen rennen, die Wahrheit und Ehrlichkeit versprechen. Die große Masse jedoch bleibt passiv-apathisch in ihrem Alltag gefangen. Schon lange interessieren sie sich nicht mehr für das, was über ihr eigenes Heim hinausgeht. Sicherlich extrem formuliert, aber in der Aussage nicht zu verachten:
    „Du fragst dich in dieser Nacht wirklich, was eher deinen Respekt oder dein Opfer verdient: eine Gesellschaft, in der neun von zehn Paaren, wenn sie aus dem Kino kommen, zuerst ihr Handy wieder einschalten, bevor sie miteinander sprechen, oder eine Gesellschaft, in der eine junge, verschleierte Frau fähig ist, sich an einem Grenzposten selber in die Luft zu jagen, im Namen ihres Volkes und ihres Glaubens?”

    Wer kurz vor der Präsidentschaftswahl am 23.4. und 7.5.2017 verstehen will, weshalb der FN mit seiner Anführerin Marine Le Pen durchaus eine Chance hat, sollte zu Leroys Roman greifen. Und wer endlich einen Anstoß braucht, nicht mehr nur zuzuschauen, was sich in Europa gerade an extremen Parteien widerstandslos formiert, sollte dieses Buch ebenfalls lesen. 

    Kommentare: 2
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    Boriss avatar
    Borisvor einem Jahr
    Z
    zbaubfvor einem Jahr

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