Etwas von der Größe des Universums

von Jón Kalman Stefánsson 
4,0 Sterne bei5 Bewertungen
Etwas von der Größe des Universums
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Ein warmherziges Buch, welches Szenenartig die Erlebnisse der Bewohner Islands erzählt. Mit vielen literarischen Diamanten

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Inhaltsangabe zu "Etwas von der Größe des Universums"

Am Beginn der Geschichte steht der Tod, doch in Wahrheit zelebriert dieser Roman das Leben: über mehrere Generationen hinweg wird von Ari und seiner Familie erzählt; von der Leidenschaft zwischen Mann und Frau, von verbotener Liebe, Gewalt, Kummer, Betrug und Bedrückung. In Aris Familie werden Glück und Unglück eben gleichermaßen von einer Generation in die nächste gereicht. Am vorläufigen Ende dieser Reihe steht Ari selbst, auf dem Weg zu seinem Vater, mit dem er noch eine Rechnung offen hat, bevor dieser stirbt.
Jon Kalman Stefánsson vermag diese raue Schönheit des Lebens, die auch der isländischen Landschaft eingeschrieben ist, in seiner archaischen und ergreifenden und dann doch wieder vollkommen heutigen und humorvollen Prosa einzufangen wie kaum eine anderer Autor seiner Generation.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783492057950
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:400 Seiten
Verlag:Piper
Erscheinungsdatum:01.02.2017

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    ralluss avatar
    rallusvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein warmherziges Buch, welches Szenenartig die Erlebnisse der Bewohner Islands erzählt. Mit vielen literarischen Diamanten
    Islands Mystik

    Island. Zweitgrößter Inselstaat in Europa. Das am dünnsten besiedelte Land in Europa mit knapp 330.000 Einwohnern. Und so weit weg vom Festland, nahe des nördlichen Polarkreises gelegen. In Island gibt es maximal durchschnittlich sechs Sonnenstunden, die Temperaturen bewegen sich im Durchschnitt zwischen minus drei und plus dreizehn Grad.

    Trotzdem hat dieses Land schon immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt. Sei es die seit fast tausend Jahren nicht veränderte Sprache, die sich eine alte Sprachform beibehalten hat, und bei der Fremdwörter umgehend in eigene Begriffe geändert werden. Sei es die etwas mystische Musik, die aus Island kommt. Künstler wie Björk, Sigur Ros oder Arstidir (Man verzeihe mir die nicht isländische Schreibweise) verbreiten eine dunkle warme Atmosphäre, die anders ist als das, was man musikalisch gewohnt ist.

    Leider habe ich dieses Land noch nie besucht, aber Bücher darüber, sind einfach zu besorgen und zu lesen. So auch das vorliegende mit dem allumfassenden Titel: Etwas von der Größe des Universums. (den Originaltitel wage ich nicht mit der gegebenen Übersetzung zu vergleichen )

    So mythisch Island auch sein mag, dort leben auch Menschen, die ganz normale Sehnsüchte haben, die lieben, leiden und das Glück suchen. Eben in einer mysthischen Atmosphäre, die Jon Kalman Stefansson fast ganz am Anfang dem Leser vor Augen führt.

    „[…] alles andere ist weg, die Einwohner von Keflavik können sich eine Weile von der Welt erholen, es gibt sie nicht mehr. Nur Luft und Schnee sind um sie her. Nur Schneeflocken, dieses Weiß vom Himmel. Botschaften, Küsse, die auf unserer Stirn schmelzen. Alles andere ist verschwunden, die Tankstelle, die Geschäfte gegenüber, das Kino, die Hafenstraße, die Hringbraut, nur ein kurzes Stück weiter weg, die Arbeitslosigkeit, der leere Hafen, der Weihnachtsschmuck, die Reklameschilder. Da ist nur der Schnee, er rieselt ohne Unterlass die ganze Nacht herab und verbindet die Erde mit dem Himmel, was wahrscheinlich wichtiger ist, als uns bewusst ist […]“

    Es sind kurze Momente, manchmal nur wenige Seiten lang, die wir bei den Protagonisten verbringen dürfen. Der Autor springt in der Zeit hin und her, beschreibt einige glückliche oder unglückliche Situationen in deren Leben und die Gedanken der Handelnden.

    „Wie viele Tage verbringen wir im Verlauf eines Lebens auf diesem Planeten, die wirklich wichtig sind, an denen sich wirklich etwas ereignet, wodurch das Leben bereichert wird und abends heller scheint als am Morgen? Wie viele solcher Tage?“

    Dabei kämpfen die Männer und Frauen meist mit ihrer harten Arbeit (wenn sie welche haben), für feine Kunst oder abschweifende Gedanken ist meist keine Zeit, es gilt, das Leben zu meistern, etwas zu essen auf den Tisch zu bekommen. Doch so manches Mal fliehen die Gedanken in die Zukunft: Was sein wird, was sein könnte.

    „Gedichte sind okay, man kann sie als Decke benutzen, wenn es kalt ist in der Welt, sie können Transparente außerhalb der Zeit sein, mit merkwürdigen Zeichen darauf, aber sie haben furchtbar wenig zu sagen, wenn die Knochen müde geworden sind, das Leben dich ausgesondert hat und die Kaffeetassen das Einzige ist, was dir abends die Hände wärmt.“

    Doch das zentrale Thema, die innigste Naturerfahrung haben die Isländer mit oder auf dem Meer. Hier sind die Erfahrungen am stärksten, mit sich selbst zu sein, das tagelange Zusammenleben auf engstem Raum, der Überlebenskampf gegen die See wird am intensivsten gespürt. Und am wichtigsten ist die Freiheit, die jeder dort erlebt.

    „Jeder Mensch braucht seine Freiheit, wiederholte Siggi, diesmal nur für sich selbst, in Gedanken, vielleicht erinnerte er sich gerade an etwas Wesentliches. Freiheit, sagte Jakob, die gibt es auf See, Freiheit heißt zur See zu fahren. Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Vater das sagen gehört habe.“

    Die Geschichten, die Stefansson uns erzählt, die Sehnsüchte in Aris Familie, die Erlebnisse, haben eines gemeinsam: Sie sind von Leben durchtränkt, von dem Willen etwas zu erleben. Doch auch die unerfüllten Träume sind Gegenstand der Betrachtungen, Sehnsüchte, die jahrelang geheim gehalten wurden.

    „Die schlimmsten Höllenqualen, sagt Jakob, nachdem er lange geschwiegen, den Brief auf den Küchentisch und Margrets Tagebücher auf den Couchtisch angesehen hat, müssen die durchmachen, die nicht genug gelebt haben. Die höchstens zur Hälfte gelebt haben. Die weder gut noch böse gewesen sind.“

    Stefansson weiß wovon er schreibt, hat er doch jahrelang in den verschiedensten Jobs in Island gearbeitet. Diese raue Authentizität spürt man beim Lesen des Buches, zwischen der Dunkelheit, dem Alltag, blitzen dann immer wieder diese Juwelen der Gedanken, diese Aphorismen auf, die durchaus auch mal die Größe eines Universums haben können. Die Sprünge sind verwirrend und verhindern einen Fluss der Geschichte, aber nach einigen Seiten habe ich gespürt, dass das erzählte Leben die Geschichte dieses Buches ist.

    Etwas von der Größe des Universums ist ein dunkles, aber schimmerndes Buch. Ein Buch, welches einem viel Kraft und Ruhe geben kann.

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    M
    michael_lehmann-papevor 2 Jahren
    Ein sprachliches und emotionales Erlebnis, aber auch schwere Kost

    Ein sprachliches und emotionales Erlebnis, aber auch schwere Kost

    Wenn man als Leser Eltern ist, Sohn oder Tochter hat, dann sind bereits die ersten Seiten neiderdrückend, hoch emotional, hervorragend geschrieben, mitten hineinführend in eine spürbare, intensive, raue Atmosphäre, bei der sich Personen und Landschaft, Nähe und Distanzen bestens ergänzen.

    Aber auch für jeden „Nicht-Eltern“ Leser ist das unglaublich Traurige zugänglich, die Stärke der Frau erschließbar, dieses verwundete Herz nahegehend.

    In Kevlavik.

    „Diesem seltsamen Ort abseits der Straße mit ein paar Tausend Einwohnern, einem leeren Hafen, Arbeitslosigkeit, Autohändlern, mobilen Hamburgerbuden und einem so flachen Umland, dass es aus der Luft aussieht, wie gestocktes Meer“.

    Öde, düster, nicht nur ein wenig verlassen. Wie der Ort, so die Menschen. Und mit einer bildkräftigen Sprachgewalt beschrieben, dass es im Lauf der Lektüre fast zu viel wird an Dichte. Einfach so, nebenbei, kann man diesen Roman kaum lesen, eher Schritt für Schritt und Wort für Wort muss an all das, was Stefansson verdichtet beschreibt, auf sich wirken lassen.

    Wobei jenes von der Größe des Universums im Kern die Familie ist. Jede Familie, im Besonderen natürlich jene, deren Geschichte über einige Generationen hinweg Stefansson im Roman beschreibt.

    Und dazu gehört natürlich, nicht unbedingt in der Mitte der Ereignisse, aber als wichtige Person, jene Lilla gesetzt ist, die gleich zu Beginn einen herzzerbrechenden Verlust erleidet, von dem sie sich einerseits für sich selber nie wieder erholen wird, in dem anderseits aber vielleicht auch begründet liegt, warum sie den andern, gerade den Jüngeren wie Ari und dem Ich-Erzähler, so zugewandt ist.

    „Es kostete sie große Kraft, zu lügen, dabei zu lächeln und dieses Lächeln vor der Tochter beizubehalten, damit sie in den letzten Stunden ihres Lebens etwas Schönes sah und darum glaubte, der Tod sei lediglich ein kleiner Seitenschritt“.

    „Ihr Lächeln konnte Lilla durchhalten, aber an den Tränen, die ihr dabei aus den Augen liefen, war nichts zu ändern. Sie hielt ihre Tochter fest, doch auf der anderen Seite hielt der Tod viel fester“.

    So auf den Punkt. So dicht in die Figur eindringend und den Leser dabei unaufhaltsam mitnehmend, diese Intensität hält Stefansson dabei durch den Roman hinweg durch. In dem die Härte des Lebens nicht gemildert wird. Und das bei Weitem nicht der letzte Todesfall mit Folgen ist, den Stefansson geschehen lässt. Wenn auch nicht alle so dramatisch sind, wie der des Mannes, der betrunken ins eisige Wasser fällt.

    Was nicht immer einfach zu verstehen ist in den vielfältigen Querverbindungen der auftretenden Personen und, wie erwähnt, auch sprachlich dem Leser einiges abfordert, weil kaum (erholsame) „leichte“ Teile in der Erzählung zu finden sind. Alles wirkt doch wuchtig, schwer, untereinander distanziert, im Kern bereits melancholisch „zur Welt gekommen“. Dem das Land selbst mit seinen langen Phasen an Dunkelheit und der schroffen Landschaft bestens korrespondiert. Was Stefansson so sehr nutzt, dass die Landschaft fast als eigenständige Person dem Buch ihren Stempel aufdrückt. In der der Sohn mit dem Vater, bevor es zu spät ist (und es ist schon recht spät) grundlegendes noch zu klären hat auf dieser Seite des Lebens.

    Sprachlich hervorragend, bildkräftig, schroff in den Personen, deren „Weiche“ Seiten Stefansson schon aufzeigt, die aber im Zwischenmenschlichen kaum zum Tragen kommen. Keine Einfache oder leichte Lektüre, die aber durchaus an die wesentlichen existenziellen Fragen von Verbundenheit, Sterben, Tod, Trennung, Wärme und Kälte beständig herangeht.

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    fraeulein_lovingbookss avatar
    fraeulein_lovingbooksvor 2 Jahren
    Etwas von der Größe des Universums

    Inhalt

    Am Beginn der Geschichte steht der Tod, doch in Wahrheit zelebriert dieser Roman das Leben: über mehrere Generationen hinweg wird von Ari und seiner Familie erzählt; von der Leidenschaft zwischen Mann und Frau, von verbotener Liebe, Gewalt, Kummer, Betrug und Bedrückung. In Aris Familie werden Glück und Unglück eben gleichermaßen von einer Generation in die nächste gereicht. Am vorläufigen Ende dieser Reihe steht Ari selbst, auf dem Weg zu seinem Vater, mit dem er noch eine Rechnung offen hat, bevor dieser stirbt.

    Jon Kalman Stefánsson vermag diese raue Schönheit des Lebens, die auch der isländischen Landschaft eingeschrieben ist, in seiner archaischen und ergreifenden und dann doch wieder vollkommen heutigen und humorvollen Prosa einzufangen wie kaum eine anderer Autor seiner Generation.
    (Quelle: Piper )

    Meine Meinung

    Zuerst möchte ich mich beim Piper Verlag für das Rezensionsexemplar bedanken.

    Ich war mir zu Beginn der Lektüre nicht bewusst, dass dieses Buch einen Vorgänger hat – im Buch oder auf dem Klappentext ist davon nichts vermerkt, was ich sehr schade fand.
    In „Fische haben keine Beine“ behandelt der Autor auch Aris Geschichte und hätte man Kenntnisse durch besagte Lektüre gehabt, dann hätte man diesen Roman auch besser verstanden.

    Ich hatte so meine Schwierigkeiten mit dem Lesen der Geschichte von Ari und seiner Familie – gut einen Monat (den gesamten Februar) habe ich zum Lesen gebraucht. Es ist kein Buch, das man so nebenbei lesen kann. Man muss sich in Ruhe hinsetzen und mit  voller Konzentration eintauchen.
    Der Schreibstil ist nicht einfach, sondern anspruchsvoll und schwierig zu lesen. Unachtsamkeit rächt sich sofort. Wenn zwischen den einzelnen Lesestunden ein paar Tage vergangen sind, musste ich immer die letzten ein bis zwei Kapitel lesen, damit ich überhaupt wieder reingekommen bin. Leider muss ich sagen, das mir das nicht besonders gut gefallen hat und auch dazu geführt hat, das ich immer seltener Leselust auf die Geschichte hatte.
    Die Erzählperspektive ist gewöhnungsbedürftig und wirkt, als würde ein Außenstehender alles erzählen und kommentieren, was dazu führte, das ich mit den Charakteren (Ari, seine Freunde und seine Familie) nicht wirklich warm wurde. Sie blieben mir zu farblos. Ihre Handlungen waren für mich nicht immer nachvollziehbar und es wirkte, als würde ich die Geschichte in einen Stummfilm in Schwarz-Weiß sehen. Manchmal habe ich sie einfach nicht vestanden.

    An sich ist die Grundgeschichte, die hinter „Etwas von der Größe des Universums“ wirklich interessant. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, gepaart mit der Familiengeschichte, ist interessant gestaltet. Man erfährt viel über Aris Kindheit, seine Jugend und auch seine Beziehung zu den Eltern wird geschildert. Einige Kapitel handeln von seiner Großmutter, die in einem ganz anderen Island als jetzt gelebt hat.
    Die Darstellung der Insel und der Natur ist ein Traum – ich bin schon lange ein Island-Fan und habe mich wieder in dieses schöne Land verliebt.
    Allerdings hatte ich, wie schon oben beschrieben, so meine Schwierigkeiten beim Lesen und Vestehen der Geschichte. Für meinen Geschmack war die Geschichte zu anspruchsvoll – was aber vielleicht auch nur an meinem Alter liegt. Bisher habe ich wenige Bücher gelesen, die diese Art von Anspruch an den Leser stellen. In ein paar Jahren möchte ich die Geschichte noch einmal lesen und schauen, ob ich sie dann besser verstehe.

    Von mir gibt´s nur eine bedingte Lese- und Kaufempfehlung.
    Nicht für jeden was.

     Sterne

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor 2 Jahren
    Liebe und Leid auf Island

    Liebe und Leid auf Island 

    Zurück nach Keflavík: Wer vor zwei Jahren bereits Jón Kalman Stefánssons sehr beeindruckenden Roman „Fische haben keine Beine“ gelesen hat, dem wird gleich einiges bekannt vorkommen: Es ist jener Ari, der damals in seine Heimat zurückkehrte, gerade seine Frau verlassen hatte, nicht sicher war, ob er sie noch liebte und der seinen Vater treffen wollte, den er schon lange nicht gesehen hatte. Und mit dem es einiges zu klären gab. Jener Ari begegnet uns jetzt wieder.

    „Etwas von der Größe des Universums“ setzt mehr oder weniger am gleichen Punkt ein. Im Vorgängerroman war der Erzähler so aktiv durch Vergangenheit und Gegenwart gestreift, hatte hier und dort angehalten, von Aris Vorfahren erzählt, vor allem seinen Großeltern und ihrer Liebe, ihrem Leben, dass die Geschichte um Ari zwar nicht zu kurz kam, aber kaum vorangeschritten war. Und so befindet er sich auch jetzt auf dem Weg zu Jakob, seinem Vater, mit dem das Verhältnis seit jeher schwierig war.

    Der gerade neu im Piper Verlag erschienene Roman „Etwas von der Größe des Universums“ ist ohne Kenntnis von „Fische haben keine Beine“ lesbar, dennoch fühlt man sich womöglich etwas fester im Sattel bei der Lektüre dieses Romans, wenn man den Vorgänger kennt. Wenn man die Protagonisten vielleicht noch ein wenig präsent hat. Ich habe es als hilfreich empfunden, und für mich war der neue Roman dann auch so etwas wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten – auch wenn ich nicht bei allen gleich wusste, wo ich sie schon einmal gesehen hatte.

    Wir erfahren hier mehr aus Aris Kindheit und Jugend, lesen über die Beziehung seiner Eltern, die kurz, aber intensiv war. Und auch die Geschichte von Aris Großmutter Margrét geht weiter: Sie hat in ihrem Leben sowohl großes Glück als auch Unglück erlebt. Letztlich gibt es einiges in Aris Vergangenheit, das ihn immer noch beschäftigt, aufwühlt und das für ihn nicht abschließend geklärt ist. Auch um diese Geschehnisse geht es in Stefánssons neuem Roman.

    Sein Stil ist hier wiederum präzise, mal kurz und auf den Punkt, dann wieder bildreich und ausgeschmückt. Auch bezieht er Konkretes wie zuvor auf das Allgemeine, beginnt zu philosophieren, wenn auch nicht mehr so häufig und einprägsam wie in der Vorgeschichte.

    „… da zieht rasch eine dunkle Wolke über sein Gesicht, denn die, die sterben, verwandeln sich in Schweigen, sie können nicht mehr mit einem reden, einem vielleicht nicht einmal mehr zuhören – alles, was wir ihnen sagen, verschwindet spurlos im Nichts.“ S. 324

    Letztlich hat mich „Etwas von der Größe des Universums“ weniger gepackt als „Fische haben keine Beine“: Ich habe den Vorgänger deutlich runder in Erinnerung, habe mich beim Lesen weniger verloren gefühlt, obwohl Stefánsson in beiden Romanen springt, den Leser immer wieder neu ins kalte Wasser wirft und doch wieder auffängt, an die Hand nimmt und weiter führt in seiner Geschichte. Egal, ob wir uns nun gerade in der Vergangenheit befinden, in der wir wiederum Aris Großmutter begegnen, ob wir Ari als Jugendlicher bei der Arbeit zusehen oder als längst Erwachsener, der die Dinge mit seinem Vater klären will. Stefánsson behält die Fäden fest in der Hand.

    Insgesamt geschieht hier wenig, hat der Roman wenig Handlung im Sinne eines Agierens, eines Tuns. Es ist ein langsames Erzählen, das immer wieder stockt. Der Ich-Erzähler, der oft lange völlig in den Hintergrund tritt, ist hier greifbarer, scheint real, wo ich vorher mutmaßte, dass es ihn vielleicht gar nicht gebe. Ich hätte mir die Geschichte etwas weniger verschleiert gewünscht, ein wenig entschlossener, zielstrebiger. Dass Jón Kalman Stefánsson ein großer Autor ist, steht dabei für mich außer Frage, dass er schreiben kann und Geschichten zu erzählen hat. Am Ende mag es einfach der Zeitpunkt gewesen sein, zu dem die Lektüre des Romans persönlich gerade einfach nicht ganz gepasst hat.

    Ich möchte dazu ermuntern, diesen Autor zu lesen, sich nach Island und auf die raue See entführen zu lassen, mit den Fischern auf das Meer herauszufahren und sich mit ihren Familien an den Tisch zu setzen. Es lohnt sich. Wer „Fische haben keine Beine“ noch nicht kennt, dem würde ich empfehlen, damit zu beginnen (das Taschenbuch ist für April angekündigt), nötig ist es für das Verständnis von Stefánssons neuem Roman aber keineswegs.

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    Ginevras avatar
    Ginevravor einem Jahr

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    »Diese Prosa donnert und funkelt wie das Meer an einem isländischen Sommertag.« Independent

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