Jörn Leonhard

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Der überforderte Frieden

Neu erschienen am 09.10.2018 als Hardcover bei C.H.Beck.

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Rezension zu "Die Büchse der Pandora" von Jörn Leonhard

Zeitenwende
michael_lehmann-papevor 5 Jahren

Zeitenwende

Nicht nur die „Urkatastrophe“ des 20 Jahrhunderts (bis dato, die eigentliche Sprengung alles menschlich bis dahin vorstellbaren folgte noch) bildet der erste Weltkrieg, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine Zeitenwende.

Die Welt ging völlig anders gestaltet aus dem Krieg heraus als wie sie in den Krieg hineinging. Politische Systemwechsel, ausgeblutete Völker, neue Weltmächte, Revolutionen, die politische Landkarte nach 1918 war nicht nur in manchen Ländergrenzen neu gezogen.

Diese Veränderung, auch in manch „Kleinem“ in jenen auch einfachen Menschen, die Leonhard in ihren Aussagen und Erlebnissen aufnimmt und einarbeitet, sind es in erster Linie, welchen Leonhard in aller sachgerechter Darstellung auch der äußeren Verläufe des ersten Weltkrieges Rechnung trägt.

Es ging ja beileibe nicht nur um „Kerngebiete“, ganze Imperien trafen aufeinander, Kolonialmächte, deren Geschichte sich drastisch veränderte in die ein oder andere Richtung hin seit und mit dem Kriegsbeginn (am 1. August 1914 erklärte Deutschland Russland den Krieg) ebenso wie das osmanische Reich und die Kräftebalance in Europa nicht mehr in gleicher Form existierten wie zuvor. Ebenso, wie Migrationsströme entstanden, globalisierte Mobilisierung erstmalig in den Raum trat und ein anderes Selbstbewusstsein (u.a. in Kanada, Australien und Neuseeland) auf den Plan trat.

Ein Krieg, der von so gut wie allen Beteiligten schon früh nach seinem Ende als „Umbruch von revolutionärem, ja universellen Charakter“ gekennzeichnet wurde.

Denn „die beispiellose Gewalterfahrung des Weltkrieges endete nicht mit den formalen Friedensschlüssen nach 1918, sondern setzten sich in Europa und der ganzen Welt im Namen neuartiger und radikaler Ideologien fort und steigerten sich noch“.

Diese Beobachtung ist einer der Dreh- und Angelpunkte des Buches, denn solche Entwicklungen fielen 1918 nicht einfach aus der Luft, sondern haben in den Kriegsjahren und durch die wechselnden Strategien auf allen Seiten ihre bereits vor dem Krieg bereiteten Wurzeln aufgenommen, vertieft, verändert, auf den Weg geschickt. Eine Entwicklungslinie zu all dem, was „danach“ kam, die Leonhard, zumindest hintergründig, teils deutlich hinweisend, in seinen vielfachen, fundierten und sehr detaillierten Darlegungen vor Augen führt.

Eine „Epochenwende“, die nicht erst in späteren Zeiten in der Rückschau deutlich wurde, sondern die bereits den Beteiligten während ihres Geschehens und vor allem direkt nach Ende des Krieges deutlich war. Vielleicht trifft die einfache Floskel vom „Ende der guten alten Zeit“ es fast auf den Punkt, wie Thomas Mann es im „Zauberberg“ andeutet.

„Der tiefe Bruch wurde zum prägenden Merkmal“.

Der Weg hin zum Krieg, Entgleisung und Eskalation in Sommer und Herbst 1914 (mit schon nach ersten Desillusionierungen im Volk, aber auch in Teilen der Führung nach knapp einem halben Jahr), Stillstand und Bewegung der Frontlinien 1915, der massive, brutale „Abnutzungskrieg“ samt oft sinnlosem „Durchhalten“ unter immensem Blutzoll 1916, die beginnende Erosion auf der einen und die zunehmende Expansion auf der anderen Seite 1917 und der zermürbende Zerfall 1918, intensiv und breit in der Darstellung legt Leonhard alles wissenswerte vergleichend und mit weiter Perspektive in diesen Hauptteilen des Buches vor.

Wie er ebenso die „Konkurrenz neuer Ordnungsmodelle“ (Kriege im Frieden) bis 1923 aufführt und, beeindruckend zum Schluss, die „Hypotheken“ des ersten Weltkrieges für das 20. Jahrhundert komprimiert und treffend aufführt.

Alles in allem eine umfassende, differenzierte, aber dabei nicht ständig anstrengend kleinteilig wirkende Gesamtschau, welche die Entwicklungen und Brüche vor, im, nach und durch den ersten Weltkrieg explizit vor Augen führt.

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