Jürg Liechti

 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von Null Bock auf Therapie, Im Konflikt und doch verbunden und weiteren Büchern.

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Rezension zu "Null Bock auf Therapie" von Jürg Liechti

Das Chancenpotential familiärer Ressourcen für die Therapie
michael_lehmann-papevor 5 Jahren

 

In Bezug auf die Kinder- und Jugendlichentherapie stellen sich zwei Elemente in den letzten Jahren als zunehmende von Bedeutung dar.

 

Zum einen steigt die Zahl psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Und zum zweiten stellt sich mehr und mehr die Summe familiärer Bindungen und familiärer Gefühle als wichtiges Instrument dar, sowohl für die Motivation von Kindern und Jugendlichen zur therapeutischen Hilfe als auch für die Effizienz therapeutischer Maßnahmen.

 

Auf Basis dieser Erkenntnisse bieten die Herausgeber in diesem Band einen breiten und differenzierten Blick auf das vorhandene „Familienpotential“. Auf die tiefe Bedeutung „sicherer Bindungen“ als unabdingbare Grundlage für eine psychisch gesunde Entwicklung ebenso, wie vorhandene (Bindungs-) Konflikte ein nicht zu unterschätzendes Reservoir an „Ressourcen“ darstellen.

 

Diese beiden expliziten Betrachtungen im Buch gerade als „Gegensatzpaar“, „sichere Bindungen – vorliegende Konflikte“, sind als Einstieg in das Buch und die Thematik vorrangig zu empfehlen. In Verbindung mit dem dargestellten „5- Phasen – Konfliktlösungsmodell“ bieten beide Kapitel eine wichtige Grundlegung für den wissenschaftlichen Blick auf Chancen und Risiken der Einbindung familiärer Ressourcen in den Therapieverlauf.

 

Gerade auch weil der Angang zur Therapie zwischen Erwachsenen und Jugendlichen sehr verschieden sich gestaltet, ist die Besinnung auf die familiären Gefühle als „Ressourcen“ in der Kinder- und Jugendtherapie letztlich unverzichtbar. Was im Buch klar zum Ausdruck kommt und argumentativ überzeugend dargestellt wird.

 

„Erwachsene nehmen unter Leidensdruck von sich aus Hilfe in Anspruch. Bei seelisch belasteten Kindern sind es die Eltern, die Handeln“. Und damit sind zumindest die Eltern umgehend Teil des therapeutischen Prozesses.

 

In diesem Sinne sind auch die Einlassungen zur „systemisch-bindungsbasierten Motivationspraxis“ im Buch zu lesen. Je sorgfältiger das Gefühls- und Beziehungsgeflecht im therapeutischen Prozess von Beginn an gesehen und thematisiert werden kann, desto höher steigen die Chancen auf eine sich steigernde Motivation der jugendlichen Klienten. Eine Beziehungsarbeit, die dann auch Misserfolge („Jetzt sind wir zusammen gescheitert“) als Ressource noch konstruktiv zu nutzen weiß.

 

Anhand ausgewählter Einblicke in das ein oder andere Fallbeispiel wird die Gratwanderung in der Therapie mit Jugendlichen ebenfalls deutlich. Grenzüberschreitungen, Relativierungen, „sich erproben bis zu ausreizen“ gehören zu einer „normalen“ Entwicklung dazu und nur im Rahmen der Bindungen wird deutlich werden können, wo Leid“ beginnt und wo „gesunde Erprobung auch gegen den Strich“ aufhört.

 

Im Gesamten eine, auch in der Sprache, komplexe und fundierte, durchaus auch praxisorientierte, wissenschaftliche Annäherung an einen wichtigen und wesentlichen Bereich eines erfolgreichen therapeutischen Handelns an und mit Kindern und Jugendlichen.

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Rezension zu "Im Konflikt und doch verbunden" von Jürg Liechti

Rezension zu "Im Konflikt und doch verbunden" von Jürg Liechti
michael_lehmann-papevor 8 Jahren

Nicht nur betrachten, sondern auch Einbeziehung des Umfeldes

Es gehört zu den konstituierenden Grundlagen, schon in der Namensgebung zu erstehen, der Systemischen Therapie, dass das soziale „System“ mit in den Therapieverlauf einbezogen wird. Im rahmen therapeutischer Sitzung durch Aufstellungsarbeit oder in symbolischen Handlungen ist dies Gang und Gäbe, wie aber sieht es in der Realität aus, wenn die am System beteiligten Personen faktisch und real mit einbezogen werden sollen?
Nicht leicht ist überhaupt die Bereitschaft für eine solche Einbeziehung herzustellen und im dann auftretenden Mehrpersonen-Setting ergeben sich umgehend neue, problematische Situationen.

An der Schnittstelle zum „System“ des Klienten setzen Liechti und Liechti-Darbellay an. Ausgehend von den Erfahrungen, dass der Versuch des Einbezugs von Angehörigen oft entmutigende Erfahrungen nach sich ziehen kann. Dennoch aber, und dies ist die tragende Grundlage auch für dieses Buch, ist offenkundig, das in den Ressourcen der relevanten Beziehungen wesentliche Elemente für einen konstruktiven Therapieverlauf vorhanden sind. Die „gemeinsam genutzte Vernunft“ ist und bleibt eine der stärksten therapeutischen Methoden der systemischen Therapie.
Gut, dass die Autoren dies noch einmal ausdrücklich betonen und auf den 250 Seiten des Buches ausführlich Methoden, Anregungen, selbstverständlich auch Begründungen und Wege für diese konstruktive Einbeziehung gelungen aufzeigen und praktisch mit auf den Weg geben. Basierend auf neustens wissenschaftlichen Betrachtungen, unter anderem die Formulierungen zur Bindungstheorie von Großmann und Großmann, aber auch aktuelle Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaften. Eine Erarbeitung, die durch die Einleitung plastisch auf den Weg gebracht wird und an einem ausführlichen Fallbeispiel zeigt, wie zum einen die systemische Therapie ihren Grundansatz postuliert und wie das gesamte System sodann konstruktiv für den Klienten als nutzbare Ressource eingebracht werden kann.

Im gesamten Buch ist so jederzeit der rote Faden erkennbar, das Mehrpersonen-Setting zum Gegenstand praktischer Reflektion und praktischer Anwendung zu machen. Ein wichtiger Schritt hierzu ist, oft betont und verschiedentlich eingebracht im Buch, dem Klienten nicht als „Fachmann oder Fachfrau“ Lösungen anzubieten, sondern ihn, getreu des systemischen Ansatzes, immer grundlegend als Experten seiner eigenen Leidenssituation wahrzunehmen. Umgehend wird dann deutlich, dass jeder und jede seine Angehörigen automatisch in sein inneres Verständnis seines Lebens mit einbezieht. Vielfach sind diese und weitere Grundlegungen der Autoren, die aus allen wesentlichen theoretischen und praktischen Richtungen beleuchten, wie zentral die Angehörigenarbeit und die damit verbundenen grundlegenden Kommunikations- und Bindungsstrukturen zu bewerten sind.

Im Kern leiten all diese Erkenntnisse dann zu dem über, was die Autoren als „Therapeutisches Team“ bezeichnen. Dies besteht aus Klient/in, aus den für das konkrete Problem relevanten Beziehungspersonen und aus (mindestens) einer Fachperson (Therapeut/in). Als grundlegende Herangehensweise an eine systemische Therapie verstanden, erfolgt fast als Automatismus die Einbeziehung mehrer Personen im Rahmen einer konkreten Therapiearbeit.

Wie das geht, in welchen Schritten der therapeutische Prozess sich sodann unterteilt, dies ist Thema des letzten Teils des Buches, mitsamt einer Praxisstudie zum Erweis des Nutzens.

Nicht nur in den vielfältigen praktischen Bezügen und Beispielen, vor allem auch in der ausführlichen und vielseitigen Darlegung der (zwingenden) Notwendigkeit der Einbeziehung (Problem-) relevanter Beziehungspersonen bietet das Buch einen deutlichen Gewinn für den systemisch Tätigen und es gelingt durchaus, das zu Anfang benannte Problem einer gewissen Hilflosigkeit der Fachexperten diesen Mehrpersonen-Settings gegenüber ebenso vielseitig zu begegnen. Mit dem ziel, „kommunikative Rahmenbedingungen zu schaffen, um stagnierende Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen. Ein Ziel. Für das dieses Buch mit seinem speziellen blick auf die Angehörigenarbeit einen wichtigen Baustein darstellt.

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