Wären nicht bereits drei erfolgreiche Teile ihrer Krimi Reihe erschienen, so könnte man annehmen, dass „Der irische Löwe“ Annelie Wendebergs Debütkrimi wäre. So ist es aber nicht, denn „Der irische Löwe“ siedelt sich zwar zeitlich vier Jahre vor Wendebergs Krimidebüt „Teufelsgrinsen“ an, und damit folgten noch zwei weitere spannende Ermittlungen mit der legendären Protagonistin Anna Kronberg, jedoch zeigt dieser vierte Krimi keine Fortsetzung ihrer aufbauenden Reihe, sondern eine Art Vorgeschichte. Ein Prequel in dem erzählt wird, wie alles begann und in dem wir Anna Kronberg verblüffend nahe kommen können… Und unglaubliches über sie erfahren… Ein bildhafter und atmosphärischer grundsolider Krimi im schäbigen und dreckigen London um 1885.
Erschienen im KiWi Verlag (http://www.kiwi-verlag.de/)
Inhalt:
"Wie alles begann – das Prequel zur Anna-Kronberg-Serie
Das Prequel zur Anna-Kronberg-Serie: London, 1885. Anna versteckt sich als vorgebliche Krankenschwester im schlimmsten Slum der Stadt und behandelt Prostituierte, Bettler und Kleinkriminelle aller Art. Keiner weiß von ihrem Doppelleben und dass sie tagsüber als Dr. Anton Kronberg im Guy’s Hospital praktiziert. Als der irische Dieb Garret O’Hare, der aus einer Schusswunde blutet, tief in der Nacht in ihre Wohnung einsteigt und auf ihrem Bett zusammenbricht, nimmt ihr Leben eine unerwartete Wendung – nicht nur, weil sie Zuneigung zu dem hünenhaften Dieb mit der Löwenmähne empfindet."
Zum Schreibstil:
Der vierte Anna Kronberg Fall sollte der erste Anna Kronberg Fall werden. Zumindest auf der chronologischen zeitebenen betrachtet. Kann man bei einem Prequel, bei einer Vorgeschichte, von einer Fortsetzung reden? Fall 1 oder Fall 4? Eigentlich spielt es auch hier gar keine Rolle. Zwar bauen sich die Krimis der Anna Kronberg Reihe bisher aufeinander auf, sind an sich abgeschlossen und eigenständig, aber lassen sich problemlos auch einzeln lesen. So erscheint es mir mit diesem typischen Prequel auch. Ich kenne bisher nur Annelie Wendebergs Debütkrimi „Teufelsgrinsen“ und bin bisher noch nicht dazu gekommen, ihre beiden weiteren Fälle im alten London mit Anna Kronberg „Tiefer Fall“ und „Die lange Reise“ zu lesen und kennenzulernen. Die deutsche Autorin besitzt eine ganz besondere Art des Schreibens. Sie schreibt ihre Krimis und Romane sogar auf Englisch und lässt diese anschließend wieder ins Deutsche übersetzen. Warum? Das bleibt wohl ihr Geheimnis? Annelie Wendeberg überrascht und unterhält mich auch hier in diesem recht kurzen, soliden und gewohnt atmosphärischen Krimi gleichermaßen. Sie findet mit ihrer Wortwahl und ihrem Stil schon auf den ersten ersten Seiten eine besondere Verbundenheit zu Vorgeschichte und dem Leben von Anna Kronberg. Viel Sympathie, Idyll (soweit man die dreckigen und miefigen Gassen Englands, bzw. Londons als solches betiteln kann) und schafft sofort eine Nähe zum gespannten und gebannten Krimileser. Sehr bemerkenswert und gekonnt formuliert und entsprechend eingestreut und verwebt sind all die historisch geprägten und zeitgemäßen Landschaftsbilder und Kulissen. Angefangen von den Zuständen auf den Straßen und Gassen, Fäkalien, Dung und Dreck. Die Räume der Klinik, die Behandlungsmöglichkeiten, medizinische Fortschritte, Kleidung, Stand, Adel und Gerät. Gesellschaftsformen und Umgangston… Um nur einige der stimmigen Spielräume der Ausarbeitung zu nennen. Für Neuleser und Einsteiger in die Anna Kronberg Reihe wirkt dieser Krimi als ideale Basis und als Türöffner. Für Kenner und treue Leser der bisherigen Fälle um und mit Anna Kronberg, ist dieses Prequel eine interessante und erweiternde Informationsquelle. Neben verschwörerischer Spannung, einer sich anbahnenden und unmöglichen Liebe und verhängnisvollen Verstrickungen, wirkt die Autorin hier eher ruhig, erzählend und einleitend, zwar setzt die Autorin auch hier wie gewohnt auf atemberaubende Ermittlungen, Sabotagen, Verrat und Spannung, jedoch auch stark auf Kulissen, englischer und irischer Kultur und Gesellschaftsformen, Sitten und Eigenarten der Protagonisten und Rollen samt Nebenrollen. Autorin Annelie Wendeberg schafft es auf den ersten verstrichenen Seiten bereits den Leser einzubinden und eine Nähe zu der rechtschaffenden Anna Kronberg aufzubauen. Erste Fragen tauchen auf, Dinge stellen sich als Schleierhaft dar, und auch Anna selbst, sowie der körperlich Eindruck schindende Ganove Garret O´Hare birgt seine Geheimnisse aus der Vergangenheit und kommt Anna, bzw. Anton näher als ihr lieb ist, bzw. lieb sein sollte… Durch einen sehr sympathischen und ausgefeilten Mix aus Spannung, Ermittlung und Kulisse sorgt Annelie Wendeberg immer wieder für verblüffende Recherchen, enormes Herzblut, grandiose Unterhaltung und unglaubliche Verstrickungen und Verschwörungen. Ein Krimi, der auch ohne übertriebene Metzelei und Blutvergießen für Eindruck und Unterhaltung sorgt. Schriftstellerin A. Wendeberg nutzt ein geschicktes schriftstellerisches Werkzeug, um bereits in Anna Kronbergs Identität und Vergangenheit den Grundstein und die Verknüpfung zur nachfolgenden Reihe zu legen oder bei Bekanntheit der bisherigen Fälle einen Rückblick mit Aha-Effekt zu wagen.
Schauplätze:
Die geformten, zeitgemäß realen und überaus detaillierten Schauplätze haben mich wirklich absolut überzeugt und begeistert. Hier gibt es nicht nur Orte des Grauen und des Mordes. Nein, hier gibt es enorme Atmosphäre, Vegetation, Flair, hartes Leben, Kampf ums Ansehen, Klassengesellschaft, Armut, Dreck, Not, sowie Gemütlichkeit, Kultur, Einfluss und eine Reise ins alte London seiner Zeit. All die atemberaubende Kulisse wird stets gespickt mit Nuancen aus damaligen Begebenheiten, Formalitäten, Einrichtung und Technik. Riten, Sitten, Gesetz, Recht und der Irischen und Englischen Kultur. Autorin Annelie Wendeberg gibt in ihrem Krimi immer ein authentisches und zeitgemäßes Bild der Schauplätze wieder. Dies bezieht sich nicht nur auf das Stadt- oder Inselbild, nein, sie entführt den Leser an die Örtlichkeiten, zeigt das Leben und Leiden der Familien, der Wissenschaftler, des Hospitals, der düsteren Gewerbe, der Prostitution und bietet einen Hauch von Jack the Ripper. Hier lobe ich die intensive und authentische Recherche der Autorin. Sie schreibt mit viel Hintergrund, eigenem Wissen und Erfahrungen und ausgiebiger Kenntnis. Hier spürt der Leser viel Herzblut und Verbundenheit zur damaligen Epoche, zur Insel und zur Geschichte rund um die Armut und dem Kampf ums Überleben. Sehr genau hat sie die Eindrücke eingefangen und gibt diese im Buch an die Leser weiter. Auch wenn ihr Fokus teils auf viele Details und Umschreibungen liegt, so wirkt es nicht überladen oder aufgesetzt, nein, Annelie Wendeberg hat in trefflichen Momenten immer ein sehr genaues Bild der Umgebung geschaffen und überzeugt und überrascht den Leser.
Charaktere:
Hier lernen wir natürlich Anna Kronberg selbst kennen und erfahren von ihrer Gutmütigkeit, ihrer Rechtschaffenheit und ihrem Doppelleben im Spital. Ihre aufopfernde Rolle als Krankenschwester in St. Giles und ihren geheimnisvollen Vergangenheiten. Ihr Doppelleben wird dabei zwar nur kurz angerissen, reicht jedoch aus, um eine Vorstellung dieser Löwenaufgabe zu bekommen. Denn man stelle sich vor, ihr Geheimnis würde auffliegen?... . Als einzige Krankenschwester weit und breit, die für ihre Arbeit in den meisten Fällen nicht entlohnt werden will, versorgt sie Schusswunden und Entzündungen, sie diagnostiziert, erkennt erstmals die Syphilis, die sich zur damaligen Zeit stark verbreitet, wen wundert es… sie nimmt Abtreibungen vor und wirkt beinahe wie die Mutter Teresa für die Prostituierten der Gegend. Man spricht über sie und sucht sie hilfesuchend auf. Die Realität im 19. Jahrhundert.
Aber auch viele andere Anwohner, Leute und Menschen, die in St. Giles leben, lernt man während der Lektüre besser kennen. Vom Bordellbetreiber bis zur gebeutelten Prostituierten, vom Besitzer einer Gaststätte bis zum Bettler oder Straßenjungen ist alles dabei. Die Autorin gibt dem Leser schonungslose Einblicke in die Gedanken, in das Leben und die Gefühle und Probleme der Menschen der damaligen Epoche. Sehr tief und authentisch. Ein Pool aus wichtigen Hauptrollen und ergänzenden Nebenrollen mit Sogwirkung
Neben dem Fokus auf den hünenhaften Garret und der Begegnung mit Anna, erleben wir viele einflussreiche Persönlichkeiten und Konstellationen. Und nicht nur die Opfer hinterlassen eine Handschrift. Zwielichtig, düster, derb, kaltblütig, korrupt und machthungrig. Die Autorin schenkt den Lesern ein genaues Bild ihrer ehrgeizigen Hauptprotagonistin Anna Kronberg und bewahrt jedoch auch einige Geheimnisse ihrer Vergangenheit und ihres Denkens. Bei der Ausformung und Darstellung der einzelnen Charktere aus Haupt- und Nebenrollen hat die Autorin aus den Vollen geschöpft. Wendeberg schafft hier ein stimmiges Bild der Persönlichkeiten und formt das passende Umfeld, die passende Aura und den Status der Charaktere gleich dazu. Eine sehr runde und feine Mischung aus Hauptprotagonisten und wichtigen Nebenrollen, die jedoch auf nur knapp 200 Seiten Buch kaum ihre ganze Entfaltung aufbieten können.
Meinung:
Es ist sicherlich eine tolle Idee, Neuleser für die erfolgreiche Reihe um Anna Kronberg zu gewinnen, und auch bereits bekennende Leser weiter zu informieren und mit Sachverhalten zu füttern. Das Buch kommt recht schmal daher, ein wirklicher Krimi ist es trotz Rahmenhandlung und dem Verbrechen und der Suche nach einen Serienkiller nicht im eigentlichen oder üblichen Sinne. Für einen wirklichen Krimi, oder für einen wirklichen vierten Fall, fehlt es an vielen Stellen an Tiefe und Ausweitung. Ich würde „Der irische Löwe“ beinahe als verlängerte Leseprobe oder als Bonusmaterial bezeichnen. Als eigenständiges vollkommendes Buch jedoch eher nicht. Da muss ich ehrlich sein.
Zwar haben mir die wenigen Seiten gut gefallen, ich habe viel erlebt, war gebannt, hatte Aha-Momente und bekam gleich Lust auch die beiden weiteren mir noch unbekannten Fälle zu lesen. Da das Buch jedoch recht schmal und handlich ist, sehe ich es als leichte Urlaubslektüre oder als Schmankerl für Zwischendurch. Die Kürze ist hier wirklich mein größter Kritikpunkt. So kennt man Annelie Wendeberg mit mindestens doppelt so vielen Seiten und Intensität. Dennoch möchte ich auch gewisse Punkte hervorheben, die mir gefallen haben. Hier ist einmal der Umgang mit den hiesigen Sitten, das gelobte Ansehen der Leute, die Macht des Deckmantels der Vertuschung und des Schweigens, die Korruption, das Geld und auch der schnelle Abstieg und Verlust von allen Lebensgrundlagen und vor allem der Einfluss der Reichen und die Ausbeutung der Armen. Eine große Kluft zwischen Arm und Reich. Schmutzig, derb, unverschönt und klar. Eine dezente und zart aufgefächerte Liebe, die schier unmöglich erscheint und für Anna neue Gefahren bringt, aber auch Halt und eine starke Schulter. Vertrauen muss sie jedoch erst lernen. Eine perfekte Mischung und ein perfekter Mix aus zwei wichtigen Säulen, auf denen dieser kurze Krimi gebaut ist.
Autorin Annelie Wendeberg bedient viele Emotionen und glänzt mit kleinen Spannungsspitzen und Erholungsinseln und Überraschungen und den vielen Problemen der Epoche und auch den Problemen auf den Weg der Machenschaften und Intrigen und der Mordermittlung. Bestialische Verstrickungen, abgründige Hintergründe und die Schicksale spielen hier eine zentrale Rolle im Krimi, das macht das Buch erst zum richtigen Krimigenuss, gepaart mit unschlagbar sympathischen und sehr unsympathischen Charakteren.
Die Autorin:
"Annelie Wendeberg ist eigentlich Umweltmikrobiologin (UFZ, Leipzig; Adjunct Professorin, Uppsala). Doch eines schönen Wintermorgens schlug sie die Augen auf und dachte sich: »Ich schreib mal was.« Seither versucht sie Forschung – ihre Leidenschaft – leicht verständlich und spannend in Blogartikeln zu vermitteln. Sie schreibt über alles Mögliche, was irgendwie mit Wissenschaftlern, Biologie, Umwelt, Ökologie und vor allem Mikrobiologie zu tun hat. Des Nachts bringt Annelie Leute um. Auf dem Papier (ach Quatsch, Bildschirm!). Eigenartigerweise klappt das auf Englisch am besten. Keiner weiß, warum. Sie publizierte ihre Bücher selbst, und das Indie-Autorenleben stellte sich als unerwartet wilder Ritt heraus. Sie lernte die Tricks und Fallen des Online-Marketings kennen, infiltrierte Leser-Communities, stolperte über Trolle und hatte hitzige Konversationen mit Piraten, die ihr zeigten, wie man E-Books ordentlich formatiert. Nachdem ihr erstes Buch Zehntausende Leser in den USA gefunden hatte, schickte Annelie zaghaft ein Exemplar an den KiWi-Verlag. Seitdem ist sie eine glückliche Indie-Autorin mit Verlagsanschluss."
Zum Cover:
Das Cover ist eine stimmige Einladung zum spannenden Krimi. Es reiht sich nahtlos in die vorhandene Reihe ein und zeigt Wiedererkennungswert.
Fazit:
Das Buch ist der ideale Einstieg für neue Leser, und eine gelungene Informationsquelle für bereits treue Leser der Anna Kronberg Reihe. Man kann es lesen, man wird jedoch auch nicht unbedingt viel vermissen, wenn man sich diese Lektüre entgehen lässt. Mindestens 150 Seiten mehr wären wünschenswert gewesen. So lobe ich die wenigen Seiten mit guten 3 Sternen +.