Jürgen Roth , Stefan Gärtner Benehmt euch!

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Inhaltsangabe zu „Benehmt euch!“ von Jürgen Roth

Seit Jahren wird es immer schlimmer: KRACH, rund um die Uhr. Es wird gekeift, geschrien, gezetert, und sitzt man im Auto, wird sinnlos gehupt. Lässt man solchen Menschen die Vorfahrt, fahren sie stumpf wie ein Sack Kühe vorbei, ohne eine Hand zu rühren. Fahrradwege benutzen sie stets telefonierend und entgegen der Fahrtrichtung, und sind sie mal zu Fuß unterwegs, wissen sie gar nicht, was Fahrradwege sind. Der Unwille, sich als Teil eines Miteinanders zu verstehen, ist mit Händen zu greifen. Die Verrohung der Sitten macht dabei vor keiner Schicht halt. In den sogenannten bürgerlich-gebildeten Kreisen geht es keinen Deut besser zu als zwischen den durch Werbeindustrie und Hochkochmedien aufgestachelten Randgruppenexistenzen: Großstadtkretins, die den Nachwuchs durch das Lokal oder Zugabteil lärmen lassen, weil sie glauben, das mache sie zu Italienern; Biohedonisten, die mit dem Elterngeld nichts Besseres anzufangen wissen, als das Baby in den Flieger nach Neuseeland zu zerren; mündige Bürger, die das Internet als Bedürfnisanstalt nutzen – das Diktat der »Selbstverwirklichung« rottet die letzten Reste des Sozialsinns aus. ›BENEHMT EUCH!‹ ist eine helle, schnelle Klage- und Streitschrift wider Stumpfheit und Rücksichtslosigkeit, Krach als Ausdruck sozialen Rowdytums und Schamferne als Bote unentrinnbaren Schwachsinns.
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  • Ein Pamphlet für gutes Benehmen.

    Benehmt euch!

    Iudas

    13. November 2013 um 13:31

    Auf dieses Buch habe ich ganz ehrlich gewartet und ich war sofort begeistert, als ich es auf meinen Streifzügen durch die Hallen der Buchmesse bei DuMont entdeckte. Mit seinem schwarzen Cover, auf dem in neongrünen Großbuchstaben der prägnante, ansprechende Titel prangt, hatte es sofort meine Aufmerksamkeit. »Benehmt euch!«, das ist die Aufforderung, die das kürzlich erschienene Werk der beiden Autoren Stefan Gärtner und Jürgen Roth im Titel trägt und dem Leser zuruft. Ganz offensiv verkaufen die beiden ihr Buch als Pamphlet und geben damit schon eine erste Richtung vor. Und beschönigend oder flauschig-gemütlich ist an diesem etwas über 100 Seiten dünnen Büchlein nichts – da steckt mehr Pfeffer drin als in so manchem dicken Wälzer. Stefan Gärtner (Jahrgang 1973) war von 1999 bis 2009 Redakteur im bekannten Politsatiremagazin Titanic, ab 2010 bis Anfang 2013 schrieb er zusammen mit Oliver Nagel für das Onlinemagazin The European. Neben seiner Aktivität als Kolumnist, trat er auch als Biograph und Sprachpfleger in Erscheinung. Sein Autorenkollege Jürgen Roth (Jahrgang 1968) lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Frankfurt a. M. mit Schwerpunkt auf Satire, Sprachenpflege und Fußball, publiziert bei diversen Zeitungen wie Titanic, taz und konkret. Weiterhin ist er Lehrbeauftragter der Sprachwissenschaft. Und diese beiden Journalisten haben ein Anliegen. Mit offenen Augen gehen sie durch Deutschland und legen ihre Finger genau auf die wunden und schon offen eiternden Stellen der Gesellschaft. Ihre Aufforderung »Benehmt euch!« geht an all die Rüpel und rücksichtslosen Menschen, an die Lärmschleuderer, Sittenverwahrloser, Egozentriker und Ellenbogenmenschen. In vier Kapiteln nehmen sie unterschiedliche Aspekte sittlicher, sprachlicher und gesellschaftlicher Verwahrlosung unter die Lupe und betreiben neben der Betrachtung diverser Fälle – meist gegriffen aus dem Umfeld der Autoren oder Berichten diverser Zeitschriften und Blogs – auch Ursachenforschung für das seit etwa der Mitte der 90er Jahre zu beobachtende zunehmend schlechter werdende Benehmen der Menschen untereinander. Begonnen wird mit einer Analyse der »Verrohung« – Menschen, die sich lieber gegenseitig die Türen feste ins Gesicht schlagen, statt dem anderen freimütig offenzuhalten, lautstarke Gespräche über das Intimste und Persönlichste eines Menschen und Respektlosigkeit seinen Mitmenschen gegenüber, die sich in allen Lebensbereichen äußert und zu fast schon militanten Blüten führt. Da wird der rücksichtnehmende Autofahrer, der gerade noch so einen Unfall mit einem verantwortungslos auf rutschigem Eis vor ihm herschlingernden Fahrradfahrer verhindern konnte, von diesem doch prompt mit dem zu des Deutschen Lieblingsbeleidigung avancierten »Arschloch« betitelt. Oder man wird mit Nachbarn konfrontiert, die sich an keine Ruhezeiten gebunden zu fühlen scheinen und Lärm und Krach machen, wann es ihnen in den Kragen passt. Da möchte man doch manchmal am liebsten einen dicken Knigge hinüberwerfen. Weiter geht es mit der »Verblödung« der Menschen. Gärtner und Roth werfen einen kritischen Blick auf unsere Bildungseinrichtungen, die mehr und mehr zu ökonomischen Fabriken verkommen, die einfach nur noch dafür da sind, den Menschen, der durch ihre Tore geht, zu funktionierenden Arbeitern, nicht mehr mündigen und wissbegierigen Menschen zu erziehen. Alles Streben läuft nur noch auf Wirtschaftlichkeit und sogenannte »Turbobildung« hinaus. Eigenes, selbstständiges Denken – das war einmal. Ein Blick ins stupide, täglich auf das Millionenpublikum herabrieselnde TV-Programm beweist das. Was dann folgt, nennen die beiden Autoren treffend »Verkindung« – wenn sich gereifte Menschen zu großen Kinder zurückbilden, die sich ihren erwachsenen Pflichten nicht mehr bewusst zu sein scheinen und Verantwortung rigoros ablehnen. Dieses Phänomen der Infantilisierung greift zunehmend um sich und lässt Menschen jeglicher Couleur glauben, das Leben sei ein Ponyhof mit angeschlossener Schokoladenfabrik, in der man alles jederzeit und überall haben, tun und lassen kann. Da fragt man sich, wie, mit Blick auf all die sich in Selbstverwirklichungstiraden ergehenden ewigpubertären Erwachsenen, Jugendliche noch zu ordentlichen sittsamen Menschen heranwachsen sollen. »Verderben« ist das vierte und letzte Kapitel des Pamphlets und hier werden sämtliche Argumente noch einmal zusammengefasst und die Ursache für die Zerstörung sittlicher Werte und guten Benehmens benannt. Aber dabei möchten es beide Autoren nicht belassen, denn sie wollen nicht nur fordern, sondern auch eine Lösung für das Dilemma anbieten. »Benehmt euch!« hat mir von der ersten bis zur letzten Seite so gut gefallen, wie in letzter Zeit selten ein Buch – und erst recht der vielen Sachbücher, die auf dem Buchmarkt umhertoben und das Prädikat »Sachbuch« nur deshalb bekommen, weil sie eben nicht anderweitig zuordenbar sind. Es ist keine leichte Kost, denn Gärtner und Roth sind Sprachakrobaten, die gern kreative Wortneuschöpfungen einfließen lassen und dem hypotaktischen Satzbau sehr zugeneigt scheinen. Sätze, die eine halbe Seite in Beschlag nehmen und mehr Satzzeichen enthalten als so mancher Schüleraufsatz eines Neuntklässlers, sind keine Seltenheit. Wissenschaftliche, gehobene und vor allem ausgefeilte Sprache auch nicht. Um dem Gedankengang und den Ausführungen, die sehr gut aufeinander aufbauen, auch folgen zu können, ist Konzentration unabdingbar, doch die sollte man jedem guten Buch zuteil werden lassen. Wenn man einmal in den Stil gefunden hat und sich auch von manchen sprachlich hochgestochenen Argumentationen eines Adorno oder Nietzsche nicht abbringen lässt, lässt sich das Buch in einem geradezu rasanten Tempo verschlingen und zieht einem in seinen Bann. Es rüttelt auf und öffnet dem Leser, dessen Augen vor der Realität noch nicht gänzlich durch Daily-Soaps eingeseift und verklebt sind, diese wieder. Bei vielen Exempeln wird man ausrufen: »Ja, genauso etwas habe ich auch schon festgestellt!«, herzhaft lachen oder einfach erschüttert dasitzen, weil einem klar wird, dass man auch schon in diesem Schema ist. Gärtner und Roth schießen scharf und nehmen auch kein Blatt vorm Mund, bleiben aber trotzdem immer sprachlich korrekt. Gerade das zeichnet dieses Buch auch aus. Einzig bei der Problemverortung bleiben beide Autoren meines Erachtens nach zu einseitig und sehen den Kasus Knacksus nur im Kapitalismus, dessen Auswirkungen mit seiner Konsum(enten)gesellschaft erst eine derartige Verrohung hervorrief. In einer Gesellschaft, in der jeder alles zu jeder Zeit haben kann, Werte nichts mehr wert sind (sie sprechen von einem Wertevakuum) und sich jeder selbst der Nächste ist, können ein friedliches, harmonisches Miteinander und moralische Werte nicht mehr die tragende Rolle spielen. Aber was trägt dann noch die Gesellschaft? Und cui bono? Wer weiß, vielleicht werden Gärtner und Roth weiterhin ein kritisches Auge auf diese Probleme haben und bald wieder mit einer solchen Abhandlung in Erscheinung treten. Wünschenswert wäre es. Ob es das Problem einer immer egozentrischeren und rücksichtsloseren Gesellschaft lösen wird, ist fraglich. Dafür ist das Buch nicht für die breite Allgemeinheit gemacht und spricht nur einen kleinen Teil von Lesern an, die auch bereit sind, sich mit den Argumenten auseinanderzusetzen. Ich danke dem DuMont für die Zusendung des Rezensionsexemplares.

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