Jürgen Seidel Das Paradies der Täter

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Inhaltsangabe zu „Das Paradies der Täter“ von Jürgen Seidel

Eine unvorstellbare Lüge und ein fataler Konflikt Argentinien, 50er Jahre. Im Colegio Friedrich, der deutschen Schule in La Plata, herrscht eine explosive Stimmung. Denn hier lernen Kinder aus jüdischen Emigrantenfamilien zusammen mit Kindern von Naziverbrechern – und bilden zutiefst verfeindete Gruppen. Tom, der 17-jährige Sohn eines untergetauchten Nazis, kommt neu an die Schule, und noch bevor er den anderen klar machen kann, wer er ist, begegnet er dem jüdischen Mädchen Walli – und verliebt sich in sie. Aus Liebe – und aus Scham – und auch aus Rebellion gegen seinen Vater verschweigt Tom Walli und den anderen seinen wahren Familienhintergrund und behauptet, auch er sei Jude. Eine unvorstellbare Lüge – die schnell zu fatalen Konflikten eskaliert.

Interessanter Ansatz zu den Themen "Nationalsozialismus", "Kriegsverbrechen" und "Aufarbeitung", verpackt in eine Art Krimi-Liebesgeschichte

— LaLecture
LaLecture

Sprachlich kunstvoll und historisch wichtig, aber vielleicht gerade deshalb auch etwas schwer verdauliche Kost.

— fireez
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  • Spannender Ansatz zum Thema Nationalsozialismus

    Das Paradies der Täter
    LaLecture

    LaLecture

    28. February 2014 um 20:17

    Inhalt Argentinien in den 50er Jahren: Viele Nazis sind nach dem Krieg hierher geflüchtet, um einem Prozess in Deutschland zu entgehen, auch die Eltern des 17-jährigen Tom. Auf Toms neue Schule gehen jedoch nicht nur die Kinder von Nazis sondern auch die von Juden, die es geschafft haben, als Deutschland zu flüchten, was unweigerlich zu Spannungen zwischen den Schülern führt. Gleich am ersten Tag gerät Tom zwischen die Fronten, als er in einer Prügelei Partei für die Schwächeren ergreift, ohne zu wissen, dass es sich im Juden handelt. So wird er ein Mitglied der "Kippot", einer Gruppe jüdischer Schüler, die nicht ahnen, dass Toms Vater ein Nazi ist. Aus Liebe zu dem jüdischen Mädchen Walli verschweigt er seine Herkunft. Als ein Mitschüler ermordet wird und eine Mappe mit belastenden Akten verschwindet, stecken Tom und seine Freunde plötzlich tiefer in den Konflikten zwischen Juden und Nazis, als sie geahnt haben, und sein Geheimnis ist bald seine kleinste Sorge. Meinung Der Schauplatz und der Konflikt waren es, die mich auf diesen Roman aufmerksam gemacht haben, denn ich habe zwar schon einige Bücher über den zweiten Weltkrieg gelesen, aber kaum eins, das sich mit den Nationalsozialisten und ihren Taten nach dem Krieg auseinandersetzt. Beispielsweise wusste ich nicht einmal, dass die deutschen Kriegsverbrecher in Argentinien mit offenen Armen empfangen wurden und dass dort so teilweise Nazis mit geflohenen Juden zusammengelebt haben. Die Thematik ist schon mal ein großer Pluspunkt. Es geht um Aufarbeitung, die Frage, was genau jeder einzelne während des Krieges bzw. der NS-Zeit verbrochen bzw. hat geschehen lassen (eine Frage, die sich Tom, auf seinen Vater bezogen, oft stellt) und den Versuch, die Schuld, die man fühlt, wieder gut zu machen - alles wichtige Themen, die geschickt in die Handlung eingebettet werden. So schweigt Toms Vater beharrlich über seine Rolle im Nazi-Regime, während die Mutter meint, die Schuld, die sie fühlt, durch einen Eintritt in die jüdische Gemeinde begleichen zu können. Gleichzeitig weist "Das Paradies der Täter" auch eine typische Jugendbuchhandlung auf und handelt von Freundschaft und Liebe, aber auch einem Mord und diversen Schikanen zwischen den Gruppen der "Kippot" und der "Weißen", die dem Buch gegen Ende etwas von einem Krimi verleihen. Es gibt sogar eine überraschende und ausführliche Auflösung am Ende, die alle Andeutungen und ungeklärten Fragen des Buches aufklärt und beantwortet. Trotzdem zieht sich das Ganze ziemlich in die Länge und wirkt etwas viel auf einmal. Kein Wunder, dass die Liebesgeschichte dabei dann nicht sonderlich gut ausgebaut ist und viel zu einfach wirkt. So interessier sich Walli zum Beispiel von Anfang an ebenfalls für Tom und die einzige Hürde zwischen ihnen sind seine Lügen bezüglich seiner Religion. Auch die Reaktion der jüdischen Freunde auf die Wahrheit schlägt überraschend schnell wieder einigermaßen in Wohlwollen um, mal abgesehen davon, dass der ganze Konflikt mit der Lüge über Toms Herkunft von Anfang an ziemlich konstruiert gewirkt hat. Mit den Charakteren hatte ich ebenfalls ein Problem. Tom wirkte von Anfang an viel zu gut auf mich. Er hasst seinen Nazi-Vater und will unbedingt die Wahrheit wissen, er setzt sich selbstlos für die Schwächeren ein und riskiert sogar sein Leben für Menschen, die er nicht kennt. Auch Walli war ganz klar darauf ausgelegt, dem Leser zu gefallen und insgesamt haben mir bei den "Guten" die Ecken und Kanten gefehlt. Tiefe hatte meiner Meinung nach allein der Konflikt zwischen Tom und seinem Vater bzw. der Vater, der als Charakter wirklich sehr interessant ist. Über ihn und seinen winzigen Wandel am Ende hätte ich sehr gerne mehr erfahren. Was den Schreibstil angeht bin ich recht zwiegespalten. Einerseits liest sich der Roman sehr flüssig und ich konnte die Straßen Argentiniens und die Figuren immer klar vor Augen sehen. Andererseits schreibt Tom (der die Geschichte Jahre nach der Handlung aus der Ich-Perspektive erzählt) manchmal seltsam ungefiltert, schweift mit den Gedanken ab und verwendet seltsame Vergleiche, die für ihn vielleicht Sinn machen, für den Leser jedoch nicht unbedingt. Diese Art zu schreiben macht vielleicht Sinn, wenn die Geschichte im Präsens erzählt wird und man in einer Art Bewusstseinsstrom wiedergeben will, was die Person in diesem Moment denkt, doch wenn die Hauptfigur die Geschichte Jahre nachdem sie passiert ist erzählt, kann man davon ausgehen, dass sie sie auch besser strukturiert aufschreiben kann. Fazit "Das Paradies der Täter" hat definitiv einen spannenden Ansatz zum Thema "Nachkriegszeit" und durchaus einige interessante Handlungsstränge zu bieten, die Figuren sind jedoch größtenteils enttäuschend flach, die Liebesgeschichte viel zu einfach gestrickt und der Schreibstil etwas anstrengend. Ich vergebe 3,5 Sterne.

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  • Sprachlich kunstvoll aber schwer verdaulich

    Das Paradies der Täter
    fireez

    fireez

    23. October 2013 um 13:28

    Ich stehe diesem Buch sehr zwiegespalten gegenüber. Einerseits fand ich den Aufhänger überaus interessant. Die Tatsache, dass Kinder von Nazis und jüdische Kinder zusammen an einer Schule unterrichtet werden, dass beide Gruppen quasi Tür an Tür im fernen Argentinien leben, bietet viel Konfliktmaterial und vor allem auch eine Sicht, die ich so noch nicht gelesen habe. Andererseits muss ich sagen, dass mich das Buch irgendwie einfach überfordert hat. Anfangs dachte ich, es liegt an meiner aktuellen Lesestimmung, legte es zur Seite und fing es später nochmal an. Aber es half nichts, ich fand mich einfach nicht rein und kämpfte mich nur Stück für Stück durch. Obwohl es ein Jugendbuch sein soll, fühlte ich mich, als würde ich mich durch einen russischen Klassiker kämpfen. Für jeden Germanisten ist "Das Paradies der Täter" sicher ein Hochgenuss. Der Autor beherrscht die deutsche Grammatik bis ins letzte Detail und zeigt dies auch. Ich habe noch nie so viele Konjunktive auf einem Haufen gelesen. Grammatikalisch mag das richtig sein, für den Lesefluss ist es aber doch leicht hinderlich. Statt Szenen direkt zu beschreiben, werden sie aus Toms Sicht erzählt und so muss man manchmal dreimal um die Ecke denken, um zu verfolgen, wer denn nun gerade am Zug ist. Plötzliche Zeitsprünge taten dann ihr Übriges zur Verwirrung. Die Figuren sind zahlreich. Tom ist gut beschrieben und ich hatte ihn immer vor Augen. Alle anderen blieben aber doch eher blass und es ist wohl der Anzahl der Personen geschuldet, dass ich irgendwann den Überblick verlor. Und wenn man erstmal die Personen durcheinander wirft, wird die Story bald verwirrend und die Zusammenhänge gehen flöten. Ich verlor den roten Faden, sofern es denn einen gibt, und wusste bald schon nicht mehr, worauf die Geschichte denn nun hinaus will. Die einzelnen Ereignisse sind dabei durchaus interessant, teils schockierend und auch spannend, aber das große Ganze verlor sich irgendwie. Für mich ist "Das Paradies der Täter" kein Jugendbuch. Zwar ist die Hauptfigur Tom ein Jugendlicher der 50er Jahre, aber der Handlungsbogen, die Zahl der Personen und nicht zuletzt der anspruchsvolle Schreibstil machen das Buch zu schwerer Kost. Die Sprache ist kunstvoll und korrekt und für jeden Sprachliebhaber ist das Buch sicher ein Genuss. Für mich präsentierte sich der Roman dadurch aber ziemlich sperrig und war trotz des guten Themas schwer zu bewältigen.

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  • Wie die Väter so die Söhne?

    Das Paradies der Täter
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    04. April 2013 um 14:54

      „In unserer Klasse waren wir vierzehn. Neun lasen unwillig die Bibel (oder drückten sich davor), fünf zweifelten an den Worten der Tora, weil das erlittene Unrecht zu groß und grausam gewesen war“.   So sieht sie aus, die Verteilung von Schülern und Schülerinnen in der Klasse „Mozart“ des „Colegio Friedrich“ in La Plata, Argentinien. Der einzigen deutschen Schule vor Ort. Erstmal wenig ungewohnt, mag man aus heutiger Sicht meinen. Wenn im Buch nicht das Jahr 1952 geschrieben würde. Und die Zusammensetzung der Klasse aus eben fünf jüdischen Jugendlichen und neun jugendlichen Kindern geflohener Nazis bestehen würde.   Umgehend gerät Tom Blume (wobei „Blume“ natürlich nicht der ursprüngliche Familienname ist, „unser richtiger Familienname spielt keine Rolle“. Und das mit Grund) zwischen die Gruppen. Eilt zwei Schülern in einer Rauferei zu Hilfe und findet sich unversehens als Sohn eines Kriegsverbrechers und ehemaligen Adjutanten der SS auf der Seite der jüdischen Mitschüler wieder. Was ihm durchaus Recht ist, denn Tom schämt sich zum einen zutiefst für das, was auch sein Vater gelebt hat. Ein Vater, mit dem es hart auf hart geht. Täglich. Gegen Tom. Gegen die Mutter. Und alle werden sie irgendwann aufbegehren. Mit ungewissem Ausgang.   Sicher ist Tom seine Aufnahme in die jüdische Schülerschaft aber auch aus einem anderen Gründen sehr Recht. Schon auf dem Weg zum ersten Schultag ist ihm ein Mädchen aufgefallen, das sein Herz höher schlagen lässt. Und die, ohne etwas dafür zu können, mitten hinein gerät in die harten Auseinadersetzungen zwischen den Gruppen nach dem Krieg in Argentinien. So verschweigt Tom lieber erst einmal, dass er gar kein Jude ist.   Die einen auf Schleichwegen geflohen, von Peron geschützt, unter Palmen. Wie im Paradies eben. Aber nur äußerlich, denn „die anderen“ werden nicht ruhen angesichts des Verbrechens, des Unrechtes. Der Mossad ist aktiv, unterstützt von der jüdischen Gemeinschaft vor Ort. Ein Paradies wie ein Gefängnis, äußerste Vorsicht hat zu walten und doch regt sich nirgends, zumindest bei den deutschen Männern nicht, Einsicht in das Unrecht. Wie gehabt wird gelebt.   Aber die Frauen und der ein oder andere Nachkömmling beginnen, die Fronten, aufzubrechen. Mit zunächst grausamen Folgen, mit Mord und Erpressung. Auch, weil es eine entlarvende Liste gibt, die plötzlich verschwunden ist und auf gar keinen Fall in die falschen Hände (die des Mossad) geraten darf. Und all dies geschieht nicht nur auf der „Väterebene“, sondern „die Weißen“ an der Schule führen unreflektiert die Ideologie ihrer Väter fort und gehen ganz offen gegen die andere Gruppe, die „Kippot“ vor.   Ein Hass, eine Verfahrenheit, die Jürgen Seidel ebenso intensiv erlebbar im Buch gestaltet, wie die Atmosphäre in Argentinien, das Leben der untergetauchten Deutschen, die Unfassbarkeit der getöteten Familienmitglieder auf jüdischer Seite. Greifbar wird dieses Leben in den frühen Nachkriegsjahren, das in Deutschland zumindest in diesen Einzelheiten so breit bekannt gar nicht ist.   Das eigentliche Thema des Buches aber ist die Übertragung einer zwanghaften Ideologie auch auf die eigenen Kinder und jene Momente und Entwicklungen, denen es gelingt, sich aus diesen Zwängen zu lösen.   Tom steht für eine Seite dieser Loslösung, in der Auflehnung gegen den (hoch unsympathischen) Vater, in der Liebe zu einem jüdischen Mädchen. Und auch die andere Seite wird sich damit auseinandersetzen müssen, dass da ein Nazi-Spross, mitten unter ihnen als Freund betrachtet wurde. Und noch lange nicht jeder, in beiden Gruppen nicht, wird bereit sein, sich mit der „neuen Welt“ anzufreunden und seine verhärteten Fronten zu verlassen.   Ganz nebenbei setzt Seidel diese grundlegenden historischen Sachverhalte in eine spannende Geschichte um Mord und Kidnapping hinein, in bleihaltige Auseinandersetzungen und verdeckte Beschattungen, in großdeutsches Getue und den Versuch mancher, einfach einen persönlichen Frieden mit all dem Geschehenen zu finden.   Eine spannende und historisch sachgerechte Lektüre, nicht nur für Jugendliche (sicher die erste und eigentliche Zielgruppe des Buches).

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  • Rezension zu "Das Paradies der Täter" von Jürgen Seidel

    Das Paradies der Täter
    Mr. Rail

    Mr. Rail

    27. February 2013 um 19:51

    Wenn sich ideologisches Gift in die Seele schleicht, dann zerfrisst es den Geist des Menschen. Dies ist ein schleichender Prozess in dem die Dosierung der Vergiftung täglich ein wenig gesteigert wird und an dessen Ende eine völlig manipulierte Persönlichkeit zu Handlungen in der Lage ist, die man niemals für menschenmöglich halten würde. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes – weder für menschlich, noch für möglich. Jürgen Seidel schreibt über die Vergiftung Jugendlicher im Dritten Reich. In seinen Jugendbüchern beschreibt er diesen schleichenden Prozess beginnend bei seinen Ursprüngen und pulverisiert damit tradierte Opfer- und Täterbilder. Aus einfacher Schwarz-Weißzeichnung – aus schlichtem Gut und Böse – entsteht eine schillernde Farbskala von Schuld und Verantwortung. Seidel blickt in die Seelen von Jugendlichen, die im Dritten Reich der täglichen Manipulation ausgesetzt waren. Jugendliche für die es schließlich normal war, in Rassebildern zu denken und die Verteidigung des eingeimpften Gedankenguts als völlig normal zu betrachten. Seidels offene Trilogie über die Jugend unter dem Hakenkreuz ist somit eine Seelenwanderung vom Ursprung bis in eine Zeit, in der das Grauen eigentlich längst von der Bildfläche verschwunden war. In seinem Roman „Blumen für den Führer“ hat das NAZI-Gift sich bereits Raum verschafft und die junge Reni Anstorm ist schon nicht mehr in der Lage zu erkennen, welche Realität sich hinter dem medialen Pomp der Olympischen Spiele 1936 verbirgt. Verehrung und Verblendung bereiten die Bahn für den Aufmarsch der Manipulierten. Nicht mehr aufzuhalten. Der Roman „Die Unschuldigen“ zeigt ebendiese Seelen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Verloren und geschlagen steht die deutsche Jugend vor den Trümmern der Idealbilder, die sich in ihren Seelen festgebrannt haben. 1000 Jahre können sich doch so schnell nicht in Luft auflösen. Den Blick zurück gewandt, die Zukunft unter neuen Vorzeichen undenkbar, versucht die 19jährige Heidrun als Angehörige eines SS-Kommandos durch die Beteiligung an einem Attentat, den Lauf der Geschichte zu stoppen. Vergiftet bis in die allerletzte Faser des Körpers sieht man, wie tief das Gedankengut bis zu diesem Zeitpunkt Besitz ergriffen hatte und wie schwer, wenn nicht gar unmöglich es werden würde, Geist, Seele und Herz im Nachkriegsdeutschland von diesen Schatten zu befreien. Nichts anderes als Propaganda und nationalsozialistische Prägung hatten diese jungen Menschen bis zu diesem Tage erfahren, an dem ihre Welt in Trümmer zerbrach. In seinem letzten Band dieser offenen Trilogie entführt uns Jürgen Seidel in „Das Paradies der Täter“ (CBJ-Verlag). Wir befinden uns in den 1950er Jahren und der Zweite Weltkrieg scheint überwunden. Europa konstituiert sich neu und aus dem ehemaligen Dritten Reich wird unter Aufsicht der Siegermächte Schritt für Schritt eine moderne Demokratie. Der Nationalsozialismus existiert nicht mehr – alte Machtstrukturen sind beseitigt und in zahlreichen Prozessen wurden die Täter zur Verantwortung gezogen. Aber war dies wirklich so? Hatte man die Strukturen der Nazis so nachhaltig zerschlagen? War das System vernichtet und der Weg in die Zukunft ein rosiger? Hatte man alle Täter gestellt oder gab es Wege und Netzwerke, die ihnen die rechtzeitige Flucht ermöglichten? Rattenwege ins Paradies… Südamerika hieß das Zauberwort für Nazi-Größen, die den Sprung vor der Niederlage geschafft hatten. Südamerikanische Diktaturen und lange gepflegte Netzwerke ermöglichten es denjenigen, vor denen die halbe Welt geflohen war, nun selbst zu fliehen. Aus den Verfolgern von einst wurden die Flüchtlinge der Nachkriegsjahre. Argentinien mutierte zum wahren „Paradies der Täter“. Geschützt durch die dortigen Machthaber entwickelte sich das Land zum Sammelbecken ehemaliger Nazi-Größen, die finanziell bestens ausgestattet und in alten Seilschaften verstrickt, nicht nur sich selbst retten konnten, sondern auch ihre Ideologie, ihre Menschenverachtung und ihre Grundhaltung. Ein wahres Paradies, in dem auch die Kinder dieser Täter ein neues Leben beginnen konnten. Meist musste nur der Nachname geändert werden, ansonsten konnte man auf Unterstützung staatlicher Organe und alter Freunde bauen. Ein Rattenweg ins Paradies. Genau hier setzt Jürgen Seidel in aller Tiefe an und beschreibt in sprachlich meisterlicher Art und Weise die Perversion dieser gefühlten Realität. Denn genau in diesem Paradies treffen die Kinder der Täter in ganz normalen Schulen auf die Kinder der Opfer, die vor ihnen geflohen waren. Jüdische Emigranten, dem Tod von der Schippe gesprungen, mit langen Opferlisten in Händen, entwurzelt und mit durch Nazi-Häscher gefällten Stammbäumen sitzen sie nun in gemeinsamen Schulklassen und werden auf die Zukunft vorbereitet. Täterkinder und Opferkinder – und jeder ahnt vom Gegenüber mehr als zu beweisen ist. Ein unerträglicher Gedanke, sich eine solche Schulklasse auch nur vorzustellen. Kinder, deren Familien in Konzentrationslagern ermordet wurden sitzen den Söhnen und Töchtern der ehemaligen Machthaber gegenüber und stellen fest, dass diese ein völlig unbescholtenes Leben führen dürfen. Tom, der 17jährige Sohn eines untergetauchten Nazis begegnet an seinem ersten Tag in der neuen Schule dem jüdischen Mädchen Walli. Es ist Liebe auf den ersten Blick und auch auf den zweiten Blick muss klar sein, dass diese Liebe eine unmögliche ist. Zu tief sind die Gräben, die andere gezogen haben – zu groß der Schmerz. Tom verstrickt sich, innerlich schon seit langem auf tiefstem Konfrontationskurs zum Vater und aufgewühlt von der Schuld seiner Familie, in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen gibt. Scham und Rebellion bringen ihn dazu, zu behaupten, er sei Jude. Tom positioniert sich klar und gerät damit zwischen alle Fronten. Die innere Abkehr von der eigenen Vergangenheit muss zum Bruch mit seinen eigenen Wurzeln führen und die Widersprüche in die er sich aus Liebe immer mehr verstrickt führen dazu, dass er auf Seiten seiner jüdischen Freunde mehr Misstrauen als Anerkennung findet. Als Walli zum Opfer von antisemitischen Übergriffen ihrer Mitschüler wird beginnt in Tom das eigentliche Leben zu erwachen. Er sucht seinen Weg – und der kann nur an der Seite von Walli sein. Doch lassen die komplexen Machtstrukturen, die großen und kleinen Verwicklungen und die Familien der beiden Jugendlichen einen solchen Weg zu oder endet alles, wie es schon vor Jahren endete? Jürgen Seidels „größter Wurf“! Ein Szenario, das perfider und packender nicht sein kann. Charaktere, die greifbar und fühlbar sind. Eine Konstruktion, die mehr als sprachlos macht und zwei Protagonisten, die uns verstehen lassen, wie tief das Gift der Vergangenheit noch immer in den Seelen sitzt. Eine Seelenwanderung der besonderen Art hat Jürgen Seidel in diesen drei Jugendromanen vorgelegt. Inhaltlich völlig unabhängig – nicht durch Personen oder Handlung miteinander verbunden – aber unter der Klammer der Ideologie und der Zeit ergeben alle drei Romane in ihrer Gesamtheit eine Grundlage zur Versöhnung, da Seidel nicht klagt, sondern erklärt; nicht verurteilt, sondern versteht; nicht fordert sondern hofft. Lest dies in Schulen – lest es gemeinsam – versteht die Ursachen und die Wirkung und haltet euch dann vor Augen, an welch kleinen Problemen heutzutage das Verständnis füreinander scheitert. Verdrängt nicht, welche Wirkungen entstehen können, wenn ihr euch heute selbst zur Ursache machen lasst. Geht euren eigenen Weg. Führt ein buntes Leben – kein einfarbiges….

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