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marstraveller

vor 2 Jahren

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Die Erzählung, die in das (Rollen-)Gewand der originalen, aber geheim gehaltenen Ergänzung zu Daniel Defoes Klassiker gehüllt ist, beeindruckt vor allem dadurch, dass sie den Sprachduktus der Vorlage auf glänzende Weise trifft, die Vorstellungen und Überzeugungen eines Menschen zu Beginn des 18. Jahrhunderts sehr überzeugend widerspiegelt und diese dabei gleichzeitig als vorurteilsbeladenes, überhebliches Kolonialdenken entlarvt.


Das, was Robinson hier auf der Basis seines schlechten Gewissens (weil er in der ursprünglichen Version einiges verschwiegen oder bewusst falsch dargestellt hat) als Ich-Erzähler zu Papier bringt, bezieht sich vor allem auf seine Zeit mit „Freitag“, der sich jetzt endlich (!) innerhalb der Literatur das Recht auf einen eigenen Namen erkämpft. Der Autorin gelingt es, einen Ton zu treffen, der einer Figur aus dem 18. Jahrhundert angemessen ist. Die inneren Widerstände gegenüber Ansichten und Wahrheiten, die aus moderner Sicht so selbstverständlich erscheinen, werden sehr überzeugend veranschaulicht. Wenn man bedenkt, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch in den Köpfen der Menschen unseres Jahrhunderts längst nicht ausgestorben sind, hat die Erzählung auch innerhalb ihrer Fiktion durchaus einen aufklärerischen Charakter (ganz im Sinne Kants und passend zum Zeitalter, in dem Robinson Crusoe entstand).


Die Stärke des Buches liegt meiner Meinung nach neben der herausragenden Sprachgestaltung vor allem darin, dass die Autorin die Gratwanderung meistert zwischen unseren Vorstellungen von Toleranz und Menschenwürde und dem, was Robinson als Kind seiner Zeit möglich war. So wird zwar die schrittweise Annäherung zwischen Robinson und Siriaku deutlich, aber ohne Robinsons europäisches Herrschaftsdenken auszulöschen oder zu verleugnen. Der Umgang mit seinem „Diener“ führt dazu, dass Robinson so manche Strukturen und Vorstellungen hinterfragt und sich auf einen mehr partnerschaftlichen Kontakt einlässt, aber es wird auch deutlich, dass die alten Strukturen nach der Rückkehr in die Zivilisation sofort wieder dominant sind. Eine Chance, sich wirklich als Menschen und nicht als Herr und „Wilder“ zu begegnen, haben die beiden nur, wenn sie der europäischen Kultur den Rücken kehren. Hier eröffnet die Erzählung durchaus Bezüge zu aktuellen Fragen, wie etwa welchen Platz Menschen aus anderen Kulturen in Europa haben und wie die „Einheimischen“ ihnen begegnen sollten.


Auch wenn nur ein kleiner Ausschnitt aus Robinsons Inselleben präsentiert und zeitlich sehr gerafft dargeboten wird, kann sich der Leser dennoch stets in Bezug auf den größeren Handlungs- und Zeitverlauf orientieren. Nur bei der „Rettung“ von der Insel werden offensichtlich genaue Kenntnisse der literarischen Vorlage vorausgesetzt, die ich leider nicht hatte. So war für mich nicht ganz nachvollziehbar, wieso jetzt das englische Handelsschiff auftaucht und was es mit der angesprochenen Meuterei auf sich hat. Hier fehlten mir ein paar erläuternde Übergänge. (Ich würde hierfür einen halben Stern bei der Bewertung abziehen, was ja aber nicht möglich ist. Deshalb bleibt es bei 5 Sternchen.)


Fazit: Die Erzählung ist unterhaltsam, besticht durch einen faszinierenden Sprachstil und vermittelt dem Leser den Impuls, die eigenen Denkstrukturen (vor allem in Bezug auf fremde Kulturen) zu hinterfragen. Sowohl die originelle Thematik als auch die ungewöhnliche Sprachgestaltung machen diesen Text innerhalb der Gay-Fiction zu einem kleinen Juwel.

Autor: J. Walther
Buch: Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe
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