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marstraveller

vor 4 Jahren

(9)

Für alle, die „Benjamins Gärten“ von J. Walther geliebt haben und wissen möchten, wie die Titelfigur sich weiterentwickelt hat, ist „Phillips Bilder“ ein uneingeschränkter Lesegenuss. Aber auch für alle Leser, die den Debütroman nicht kennen und die eine gelungene Coming-of-Age-Geschichte zu schätzen wissen, ist das neue Buch der Autorin eine wunderbare Bereicherung.


Die Handlung ist ungefähr vier Jahre nach „Benjamins Gärten“ angesiedelt, der Hauptschauplatz ist wieder die Natur, insbesondere Benjamins Garten. Viele Motive des Debütromans werden wieder aufgenommen, erhalten aber eine neue Akzentuierung, so dass man nie den Eindruck von Redundanz hat, sondern es sich eher anfühlt, als kehre man an bekannte Orte zurück und begegne dort erneut den lieb gewonnenen Menschen, Tieren und Dingen.


Alle Figuren aus „Benjamins Gärten“ tauchen auch im dritten Roman der Autorin auf; man erfährt, was aus ihnen geworden ist und erhält Einblicke in ihr jetziges Leben. Benjamin spielt eine zentrale Rolle, steht aber, wie der Titel „Phillips Bilder“ schon suggeriert, nicht im Mittelpunkt der Handlung. Er bildet zusammen mit seinem Freund gleichsam nur den Rahmen für Phillips Geschichte, vor allem aber stellen sein Haus und sein Garten und nicht zuletzt seine Hängematte :) die wunderschöne Kulisse für die Handlung dar.


Die Titelfigur, die sich in einer Phase der Orientierungslosigkeit an der Schwelle zum Erwachsenwerden befindet, landet mehr zufällig als gezielt in Benjamins Garten und verbringt dort etwa vierzehn Tage, in denen sie ein wenig in den Tag hinein lebt, neue Menschen kennen lernt, sich auf eine heiße Affäre mit einem geheimnisvollen und sehr anziehenden jungen Mann einlässt und sich schließlich über sich selbst und ihren möglichen Platz im Leben ein wenig klarer wird.


Dadurch dass dem Leser das Geschehen ausschließlich aus Phillips Perspektive vermittelt wird, gewährt die Autorin auf eindringliche und anschauliche Weise einen Einblick in die Erlebniswelt und Psyche des Heranwachsenden. Ähnlich wie in „Benjamins Gärten“ steht auch in diesem Roman jedoch nicht die Selbstreflexion des Protagonisten im Vordergrund, sondern sein Blick auf die ihn umgebende Alltagswelt. Aus der Art, wie er diese wahrnimmt und welche Details im Vordergrund stehen, kann der Leser Rückschlüsse auf Phillips Innenwelt ziehen. Der Blick des Protagonisten ist dabei häufig durch seine Liebe zur Fotografie geprägt. Er nimmt seine Umgebung stellenweise nur durch den Sucher wahr und verleiht ihr dadurch seine persönliche Interpretation.


Die Erzählweise ist still, unaufdringlich, wie ein ruhiger Fluss; sie öffnet den Blick für die kleinen Gesten des Alltags, in denen sich jeweils ein Meer von Bedeutungen spiegelt. Vieles wird nur angedeutet und fordert den Leser dadurch auf, zwischen den Zeilen zu lesen und den Subtext zu erfassen. Die Dialoge sind knapp, nur auf das Wesentliche reduziert, der Hauptakzent liegt auf den Wahrnehmungen der Titelfigur, die so verdichtet vermittelt werden, dass sie den Leser einerseits vollständig in die Geschichte eintauchen lassen und ihm andererseits ein breites Spektrum an Deutungsmöglichkeiten eröffnen.


Auch wenn Phillip als Figur meiner Einschätzung nach weniger Tiefe besitzt als der Protagonist des Debütromans „Benjamins Gärten“ und für meinen Geschmack die Geschichte etwas zu versöhnlich endet, kann ich dieses Buch uneingeschränkt allen empfehlen, die sich von einer ruhigen, stellenweise fast meditativen Erzählweise und einer warmherzigen Coming-of-Age-Story fesseln und begeistern lassen möchten.

Autor: J. Walther
Buch: Phillips Bilder
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