Rezension zu "Practicing Stalinism: Bolsheviks, Boyars, and the Persistence of Tradition" von J. Arch Getty
Gusti_DaimchenKaum ein anderer westlicher Historiker kennt sich mit der politischen Geschichte der Sowjetunion in den 1920er und 1930er Jahren so gut aus wie Arch Getty. Zeitlebens hat sich Getty ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt. Er ist, wenn man so will, ein Ein-Themen-Historiker. Seine Studien zur Funktionsweise des Sowjetsystems in der Zwischenkriegszeit und zur Geschichte staatlicher Gewalt unter Stalin ruhen stets auf einem breiten Quellenfundament. Bei seinen Recherchen in russischen Archiven schaut sich Getty auch solche Aktenbestände an, die andere Historiker für unwichtig halten und links liegen lassen. Ständig erschließt er Quellenmaterial, das bisher gar nicht oder nur wenig benutzt wurde, und er gewinnt dem Quellenmaterial interessante Erkenntnisse und Thesen ab, die anderen Historikern jede Menge Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bieten. Gettys Stärken sind auch in seinem Buch "Practicing Stalinism" zu beobachten: Profundes Wissen über den historischen Hintergrund und das historische Personal; Entwicklung von Thesen unter Rückgriff auf eine staunenswerte Vielzahl von Quellen; eine gut lesbare Darstellung.
In seinem Buch beschäftigt sich Getty mit einem Thema, das zu den Klassikern der Russland- und Sowjetunionforschung gehört: Das Spannungsverhältnis zwischen formalen Institutionen einerseits und informellen Praktiken andererseits. Mittlerweile gilt es als Binsenweisheit, dass Institutionen im Zarenreich und in der Sowjetunion zwar bestanden, aber "schwach" waren. Herrschaftsausübung vollzog sich in informellen Strukturen, in personalen Beziehungsgeflechten. Es sind die Akteure, die für das Verständnis des politischen Prozesses von Bedeutung sind, weniger die offiziellen Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen. Getty bedient sich der gängigen Begriffe, mit denen informelle Praktiken und Strukturen bezeichnet werden: Patrimonialismus; Patronage/Klientelismus; Netzwerke; Cliquen; Clans. Er grenzt sich von der älteren westlichen Forschung ab, die im Fortbestehen traditionaler Herrschaftsformen im 20. Jahrhundert einen Anachronismus sah, einen Beleg für eine "unvollständige" Modernisierung. Getty ist stattdessen der Meinung, gerade am sowjetischen Beispiel lasse sich zeigen, dass traditionale und moderne Herrschaftsformen einander nicht ausschließen müssen, sondern in einer eigentümlichen Symbiose koexistieren können. Informelle Praktiken, wie sie sich in der Sowjetunion beobachten lassen, sind für Getty kein "Fremdkörper", kein Atavismus, keine Anomalie. Das Fortbestehen traditioneller politischer Praktiken nach der Revolution von 1917 ist aus Gettys Sicht damit zu erklären, dass diese Praktiken für die Bolschewiki einen konkreten Nutzen gehabt haben und zum Funktionieren des Sowjetsystems beigetragen haben müssen.
Getty präsentiert in seinem Buch keine in sich geschlossene, chronologisch fortschreitende Geschichte. Er möchte sein Buch als Sammlung von Essays verstanden wissen, die informelle Herrschaftspraktiken in der Sowjetunion der 1920er und 1930er Jahre aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Getty beschränkt sich allerdings nicht auf die Zwischenkriegszeit. Immer wieder geht er weit zurück in die Vergangenheit, um Kontinuitäten in der Geschichte der russisch-sowjetischen Herrschaftspraxis aufzuzeigen. Er arbeitet die historischen Wurzeln jener Praktiken heraus, die unter den Bolschewiki eine Renaissance erlebten und auf den heutigen Betrachter zunächst anachronistisch wirken. Warum entstand in der frühen Sowjetunion keine Bürokratie nach westlichem Muster? Warum wurden Politik, Herrschaft und Verwaltung in so auffälliger Weise vom persönlichen Faktor dominiert? Warum waren Personen wichtiger als Institutionen? In Anlehnung an Max Weber charakterisiert Getty die Herrschaft der Bolschewiki bzw. Stalins als patrimonial. Patrimoniale Herrschaft beruht auf persönlichen Beziehungen der politischen Akteure. Sie ist das Gegenstück zur sogenannten legal-rationalen Herrschaft, die auf bürokratischen Prozeduren und der Anwendung von Regeln beruht. In einem legalen-rationalen Herrschaftssystem ist der persönliche Faktor unwichtig. Die politischen Akteure stecken in einem Korsett aus Regeln, Gesetzen, Vorschriften, die es einzuhalten gilt. In einem patrimonialen Herrschaftssystem hingegen ist der persönliche Faktor ausschlaggebend. Regeln, Gesetze und Vorschriften mögen existieren, aber es liegt im Ermessen der Akteure, sie einzuhalten - oder zu brechen, zu umgehen, zu missachten. Die politischen Akteure sind Erfüllungsgehilfen eines Herrschers oder Führers. Sein Wille ist für die Akteure maßgebend, nicht Dienstvorschriften und geregelte bürokratische Verfahren.
Die acht Kapitel des Buches sind nicht alle gleichermaßen gelungen und überzeugend, aber durchweg anregend und aufschlussreich. Im ersten Kapitel untersucht Getty einige Elemente der politische Kultur, die für das Zarenreich und die Sowjetunion charakteristisch waren: Geheimniskrämerei; Misstrauen gegenüber Fremden und Außenstehenden; Kommunikation zwischen Herrschern und Beherrschten mittels Bittschriften; die hohe Bedeutung von ehrenvollen Auszeichnungen; das System der Kollektivhaftung bzw. Kollektivverantwortung (krugovaja poruka); die große Distanz zwischen Herrschern und Beherrschten. Wenn in der frühen Sowjetunion keine Bürokratie nach westlichem Vorbild entstand, dann lag das daran, dass die Bolschewiki in einem antagonistischen Verhältnis zur Mehrheit der Bevölkerung standen. Um sich an der Macht halten und ihre utopischen Ziele verwirklichen zu können, musste die Kommunistische Partei auf Mittel zurückgreifen, die einer Normalisierung und Bürokratisierung von Herrschaft und Verwaltung entgegenstanden. Regellosigkeit war die unabdingbare Voraussetzung für die Herrschaft der Bolschewiki. Die Kommunisten betrachteten sich selbst als Schar von Auserwählten. Ihre Mission bestand darin, den "objektiv" vorgezeichneten Geschichtsprozess voranzutreiben. Die skrupulöse Einhaltung von Regeln wäre dabei nur hinderlich gewesen.
Das zweite Kapitel ist dem Lenin- und Stalin-Kult gewidmet. Lenins Leichnam wurde einbalsamiert und in einem Mausoleum ausgestellt, weil die Partei den Gründervater des Sowjetstaates über seinen Tod hinaus als Identifikationsfigur nutzen wollte. Der Stalin-Kult sollte die Bevölkerung eines Landes mit schwachen Institutionen an eine weithin sichtbare Führer- und Vaterfigur binden. Der Stalin-Kult besaß ein größeres Integrationspotential als die für das einfache Volk nahezu unverständliche Ideologie der Bolschewiki. Getty zufolge waren beide Kulte tief in der russischen Tradition verwurzelt: Herrschende und Beherrschte konnten sich den Staat nicht als etwas Abstraktes und Unpersönliches vorstellen. Der Staat musste immer in einer Person verkörpert sein, sei es der Zar, sei es der Diktator Stalin. Aus Stalins starker Stellung an der Spitze der Machtpyramide ergab sich fast zwangsläufig der personalisierte Charakter der Herrschaft. Die Nähe und der Zugang zu Stalin entschieden über den Grad der Teilhabe an der Macht, nicht der Besitz eines offiziellen Amtes oder die formelle Mitgliedschaft in einem wichtigen Gremium. Die sowjetische Geschichte der Stalin-Zeit bietet für diese Tatsache zahllose Beispiele. Im dritten Kapitel beleuchtet Getty die Arbeitsweise der drei wichtigsten Parteiorgane, die nach der Revolution geschaffen wurden: Sekretariat des Zentralkomitees; Politbüro; Orgbüro. Diese drei Gremien entwickelten sich niemals zu bürokratischen Institutionen im Weberschen Sinne. Ihre Zuständigkeiten wurden nicht eindeutig geregelt; der Kreis der Teilnahme- und Entscheidungsberechtigten war diffus. Die Parteiführer zeigten kein Interesse daran, diese Regellosigkeit abzustellen, legten sie doch großen Wert darauf, sich mit allen nur denkbaren Sachfragen befassen zu können, wenn ihnen der Sinn danach stand. Feste Regeln bedeuten immer auch Einschränkung, und an einer Einschränkung ihrer Befugnisse und Zuständigkeiten waren die Parteiführer nicht interessiert. Im vierten Kapitel untersucht Getty die Arbeitsweise des ZK-Apparates, der den drei Führungsgremien nachgeordnet war. Im ZK-Apparat gab es Funktionäre, die sich für rationale und regelgebundene Arbeits- und Entscheidungsprozesse an der Parteispitze einsetzten, jedoch keinen Erfolg hatten. Mit Stalins allmählichem Aufstieg zum diktatorischen Alleinherrscher wurden alle formalen Institutionen vollends bedeutungslos.
Nachdem er die wichtigsten Machtorgane im Moskauer Zentrum behandelt hat, wendet sich Getty im fünften Kapitel den Machtstrukturen in den Regionen der Sowjetunion zu. Er analysiert die Herrschaftsweise der Provinzpotentaten. Moskau betrachtete die auf Patronage und Kooptation beruhenden Netzwerke, Cliquen und Clans der Gebietsparteisekretäre nicht ohne Missfallen. Die lokalen Machthaber durften aber lange Zeit weitgehend ungehindert schalten und walten, weil die Parteiführung auf starke und handlungsfähige Akteure in den Provinzen angewiesen war. Anhand etlicher Quellenbeispiele zeigt Getty, dass Stalin den Netzwerken der Gebietsparteisekretäre ambivalent gegenüberstand. Einerseits waren sie Transmissionsriemen, die dem Moskauer Zentrum den Durchgriff auf die Regionen ermöglichten; andererseits bestand stets die Gefahr, dass sie eigene Interessen verfolgten und die Beschlüsse und Weisungen des Zentrums ignorierten oder nur halbherzig umsetzten. Spätestens an dieser Stelle ahnt der kundige Leser, was ihn in den Kapiteln 6 bis 8 erwartet. Und seine Ahnung bewahrheitet sich. Getty widmet sich in den letzten drei Kapiteln einem Thema, das ihn schon lange beschäftigt: Die Beziehungen zwischen Zentrum und Regionen am Vorabend des Großen Terrors und die Liquidierung der lokalen Machthaber und ihrer Netzwerke in den Jahren 1937/38. Getty bietet eine Unmenge an Quellen auf, um einige Thesen zu bekräftigen, die er schon seit vielen Jahren vertritt: Seit den frühen 1930er Jahren habe Stalin mit verschiedenen Mitteln versucht, die Gebietsparteisekretäre zu disziplinieren, stärker an die Leine zu legen. Die neue Verfassung von 1936 und das neue Wahlrecht hätten die Provinzpotentaten mit der Sorge erfüllt, "antisowjetische Elemente" könnten das System destabilisieren. Die Massenrepressionen des Großen Terrors seien auf Druck "von unten" zustande gekommen. Stalin habe dem Drängen der Provinzfürsten nachgegeben und eine landesweite Säuberung genehmigt, mit der alle "antisowjetischen Elemente" unschädlich gemacht werden sollten. Gleichzeitig habe er beschlossen, sich auch der Provinzherrscher zu entledigen, und zwar gewaltsam, da andere, gewaltfreie Mittel ohne Erfolg geblieben waren. Während des Großen Terrors wurden schließlich 69 der 71 Gebietsparteisekretäre liquidiert.
Für diese Thesen musste Getty in der Vergangenheit viel Kritik von Fachkollegen einstecken. Auch diesmal bleibt er eine Erklärung schuldig, warum sich Stalin zur Vernichtung der lokalen Machthaber entschloss. Vielleicht gibt es dafür keinen nachvollziehbaren Grund. Dass die Beziehungen zwischen Zentrum und Regionen stark belastet oder irreparabel geschädigt waren, kann man aus Gettys Darstellung jedenfalls nicht ableiten. Stalins Motive bleiben im Dunkeln. Überhaupt tritt Stalin im Buch viel zu selten in Erscheinung, was angesichts des Titels verwundert. Getty schreibt viel über den Stalinismus, aber wenig über den Namensgeber dieses politischen Systems. Cliquenwirtschaft und Clanstrukturen auf lokaler und regionaler Ebene wurden mit dem Großen Terror nicht beseitigt; sie bestanden fort, und zwar bis zum Ende der Sowjetunion. Im Epilog schlägt Getty einen Bogen zur Gegenwart. Auch unter Vladimir Putin funktioniert Herrschaft in Russland auf patrimonialer Grundlage. Getty bietet für diese Tatsache, die unstrittig sein dürfte, viele Belege. Zum Schluss versucht Getty die eingangs aufgeworfene Frage zu beantworten, warum im späten Zarenreich und in der Sowjetunion zwar eine sozioökonomische, aber keine politische Modernisierung erfolgte. Getty sieht einen engen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und modernen westlichen politischen Systemen, die sich durch Gewaltenteilung, Parlamentarismus und Bürokratie auszeichnen. Der Kapitalismus habe in Russland nie richtig Fuß gefasst, so Getty, und mit der Revolution von 1917 seien alle Aussichten zunichte gemacht worden, dass er jemals tiefe Wurzeln schlagen werde. Daher hätten in der Sowjetunion traditionelle politische Praktiken fortbestehen können. Da der Kapitalismus nicht zur Entfaltung habe gelangen können, seien all jene Entwicklungen ausgeblieben, die für die Entstehung eines modernen politischen Systems notwendig seien. Deshalb sei Herrschaft in Russland bis heute patrimonial.
Getty hat ein lesenswertes Buch über politische Praktiken in der frühen Sowjetunion vorgelegt. Die einzelnen Kapitel sind quellengesättigt und thesenreich. Sie bieten viel Material, an dem man sich als Historiker "abarbeiten" kann. Aufgrund der speziellen Thematik und der eher analysierenden als erzählenden Vorgehensweise ist das Buch nur für Fachleute geeignet, die sich mit der politischen Kultur Russlands und der Sowjetunion befassen.
(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Februar 2016 bei Amazon gepostet)





