J. C. Squire Wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte. Und andere abwegige Geschichten.

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Inhaltsangabe zu „Wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte. Und andere abwegige Geschichten.“ von J. C. Squire

Eins vorweg: In diesem Band sind Essays und Schriftstücke von völlig unterschiedlichen Personen gesammelt, die größtenteils nicht mal Schriftsteller sind. Deshalb kann man dieses Buch genausowenig pauschal bewerten wie eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das einzige verbindende Element ist, das sie alle mehr oder minder spekulativ sind. Die Autoren haben einfach den Gedanken "Was wäre, wenn ..." auf die Weltgeschichte bezogen. Mit Science-Fiction-Literatur hat das nur im weitesten Sinn etwas zu tun, denn kaum einer der Aufsätze ist literarisch gestaltet. Wenn man erzählende Literatur erwartet, sollte man von dem Buch also die Finger lassen. Das soll allerdings nicht heißen, dass diese Chose per se langweilig wäre. Im Gegenteil, einige sind recht interessant, zum Beispiel die Story die darüber fabuliert, was passiert wäre, wenn Napoleon nach seiner Niederlage nach Amerika entkommen wäre. Dagegen sind auch absolute Schlaftabletten darunter, zum Beispiel ein Beitrag Winston Churchills oder ein Aufsatz über einen alternativen Lebenslauf Lord Byrons. Es hängt wohl auch zum Großteil davon ab, ob man einen inhaltlichen Bezug herstellen kann, d.h. ob man überhaupt im Detail weiß, von was die da fabulieren. Ich habe zum Beispiel so geringe Kenntnisse von der politischen Situation nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, dass mir der Artikel über Lincoln einfach vom Inhaltlichen her verschlossen blieb.<p> Bei anderen ist es einfacher, denn alle haben den gleichen Fehler: Sie vereinfachen viel zu stark. Eine entscheidende Wendung der Weltgeschichte zieht innerhalb kurzer Zeit so weite Kreise, dass man unmöglich eine weitere Entwicklung prognostizieren kann. Zum Beispiel: Im ersten Weltkrieg besiegte Hindenburg die Russen bei Tannenberg in Ostpreußen. Man kann allerdings nicht sagen: Hätten die Russen diese Schlacht gewonnen, wäre ein großer Teil des Reiches 70 Jahre lang unter kommunistischer Herrschaft gewesen. Im Gegenteil -- dann hätte das deutsche Oberkommando wohl nie Lenin nach Russland gebracht, der Kommunismus wäre nie in dieser Form entstanden. Aber man muss auch berücksichtigen, wie die Westmächte reagiert hätten, die USA, einige Schlachten an der Westfront wären völlig anders verlaufen, Adolf Hitler wäre nie eingezogen worden, hätte nie eine Verwundung davongetragen, der Versailler Vertrag hätte nie in seiner Form bestanden usw. Dabei wird einem schnell klar, dass Geschichte ein ähnlich chaotisches System wie das Weltklima ist. Ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann theoretisch Jahre später einen Orkan in China auslösen, einzig auf Grund der Bewegung eines Luftmoleküls das wiederum in Wechselwirkung mit anderem steht. Deshalb halte ich es auch für grundfalsch, Geschichte als große, unvermeidbare Entwicklungen zu verstehen, die sich in der ein oder anderen Form ereignen müssen. Mann kann bestenfalls mit Strömungen herumexperimentieren, die aus der menschlichen Natur ableitbar sind. Wenn man die arbeitende Bevölkerung unterdrückt, wird sie sich wehren, und sowas wie Kommunismus entsteht. Druck erzeugt Gegendruck. In dem Maßstab bleibt der Sachverhalt übersichtlich, wenn man aber versucht abzuwägen, warum sich Lenin und nicht Trotzki durchsetzte, sind so viele Variablen zu berücksichtigen, dass man auch einfach vom Zufall reden kann. <i>--Christian Plötz</i>
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