„Buch des Jahres“ prangt in großen Buchstaben auf der Bauchbinde. Absender sind die L.A. Times, die N.Y. Times und America Today. Was zunächst wie ein Gütesiegel unabhängiger, renommierter Tageszeitungen klingt, entpuppt sich schnell als peinliches Kollegenlob. J.R. Moehringer, der Autor der „Tender Bar“ ist nämlich Schreiber bei der L.A. Times, und widmet einen nicht geringen Teil seines Debutromans seinen Versuchen, bei der N.Y. Times einen Redakteursjob zu ergattern. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mir die Lektüre dieser kaum verschlüsselten Autobiografie vermutlich erspart.
Zwar ist das Buch über den heranwachsenden J.R. gut geschrieben, aber die Geschichte selbst ist sowas von unspannend. Da wächst jemand in bescheidenen Verhältnissen in einem kleinen Küstenort im Nordosten der USA auf und träumt davon, etwas aus seinem Leben zu machen – Journalist bei einer führenden Zeitung zu werden. Mehr oder weniger episodisch erfahren wir von Kindheit und Jugend, erster Liebe und Berufswahl des Jungen, erzählerisch geklammert von der Bar als Zufluchtsort und Heimat. Ich musste mehrfach an die Waltons denken, als ich das Buch als, nur dass die Handlung nicht in der Wirtschaftskrise der 30er, sondern in den 60er Jahren spielt.
So harmlos und alltäglich ist das, was Moehringer zu erzählen hat. Erst ganz am Ende spitzt sich die Geschichte mal zu: In einem Streit mit dem lange verschwundenen Vater, und dann durch den 11. September. Ich hätte mir etwas mehr von dem gewünscht, was einen Roman gut macht: Einen Konflikt, eine dramatische Entwicklung. Was mir ferner auf die Nerven ging, war die Selbstbezüglichkeit, die ab einem bestimmten Alter der Hauptfigur Teil der Abhandlung wird: Die Verherrlichung des Schreibens, von Schriftstellern und der Literatur. Das finden natürlich manche Leser toll, die Lesefans nämlich, aber für mich ist es ein schnell durchschaubares Manöver, ein billiger Trick, um Herzen zu gewinnen und Begeisterung beim Leser zu entfachen. (Nicht, dass ich Moehringer seine Liebe zur Literatur nicht glaube, aber ihre Schilderung erfüllt eben auch einen Zweck.)
Ferner hätte ich gern mehr Fiktion gehabt. Die Idee, die eigene Familiengeschichte für so wichtig und außergewöhnlich zu halten, dass man sie zum Romangegenstand macht, ist zwar weit verbreitet, aber eine grelle, vermessene Selbsterhöhung. Auch hier reicht das Geschehene nicht. Ein höherer Anteil fiktiver Elemente hätte dem Roman mehr Tiefe und Abgründigkeit gegeben.
Was ist gelungen? Sicher die psychologische Darstellung der Hauptpersonen, die Prägung des Jungen durch die Männer vor Ort. Daneben die Dialoge aus der Bar, die man sich kaum ausdenken kann, sondern erlebt und gesammelt haben muss. Sie sind pointiert erzählt und geben dem Buch eine angenehm humorvolle Note.
Fazit: Nicht von der Werbung irreführen lassen, diesen Roman können Sie getrost übergehen.






