Mit Samstagabend im Lakeside Supper Club erzählt J. Ryan Stradal keine spektakuläre Geschichte – und genau darin liegt die große Stärke dieses Romans.
Im Mittelpunkt stehen mehrere Generationen einer Familie, deren Leben untrennbar mit einem traditionsreichen Supper Club in Minnesota verbunden ist. Der Roman beginnt im Jahr 1934 und spannt den Bogen über fast neun Jahrzehnte bis in die Gegenwart. Immer wieder wechselt Stradal zwischen verschiedenen Zeiten und Perspektiven und erzählt von Liebe, Verlust, Verantwortung und der Frage, was Heimat eigentlich bedeutet. Es geht ebenso um das Festhalten an Traditionen wie um die Schwierigkeit, loszulassen und den eigenen Weg zu finden.
Was mir besonders gefallen hat, ist die Art, wie Stradal seine Figuren zeichnet. Niemand ist nur gut oder nur schlecht. Alle handeln nachvollziehbar, machen Fehler, tragen Verletzungen mit sich herum und versuchen auf ihre Weise, das Richtige zu tun. Dadurch wirken die Charaktere außergewöhnlich lebendig und entwickeln im Laufe des Romans eine enorme Tiefe.
Und genau diese Figuren sind es, die den Roman so besonders machen. Es gab Momente, in denen ich laut lachen musste – oft wegen der wunderbar trockenen Dialoge oder der skurrilen Situationen. Kurz darauf wurde ich von einem Schicksal oder einer leisen Szene so berührt, dass ich mit den Tränen kämpfen musste. Dieses Wechselspiel aus Humor und Melancholie gelingt Stradal beeindruckend gut. Er erreicht diese Wirkung nicht durch künstliche Dramatik, sondern allein durch seine Figuren und ihre Lebensgeschichten.
Auch wenn Essen und die Küche immer wieder eine wichtige Rolle spielen, ist dies keineswegs ein kulinarischer Roman. Vielmehr nutzt Stradal den Supper Club als Symbol für Familie, Gemeinschaft und Erinnerungen. Die eigentliche Geschichte handelt von Menschen, ihren Beziehungen und davon, wie vergangene Entscheidungen Generationen später noch nachwirken können.
Der ruhige Erzählstil muss einem liegen. Wer ausschließlich auf Spannung und Tempo setzt, wird hier möglicherweise Geduld brauchen. Für mich entstand die Faszination aber gerade aus den leisen Momenten, den feinen Dialogen und den vielen kleinen Beobachtungen des Alltags. Je weiter die Geschichte voranschritt, desto stärker entwickelte sie einen Sog, sodass ich das Buch am Ende nur ungern aus der Hand gelegt habe.
Samstagabend im Lakeside Supper Club ist ein warmherziger, kluger und zutiefst menschlicher Roman über Familie, Zusammenhalt und die Frage, was wir von früheren Generationen mitnehmen – und was wir hinter uns lassen sollten. Ein Buch, das lange nachhallt und zeigt, dass die größten Geschichten oft dort entstehen, wo das Leben ganz gewöhnlich scheint.
Für mich eines der schönsten literarischen Bücher des Jahres.
5 von 5 Sternen.