Abbie wacht auf und ihr Ehemann Tim schaut sie mit Tränen in den Augen auf. Doch sie bemerkt schnell, dass etwas stimmt. Anscheinend hatte sie einen Unfall. Doch Abbie ist nicht mehr Abbie, sondern ein KI-Roboter, ein Cobot. Sie beginnt sich an das Leben zu gewöhnen und immer mehr Erinnerungen tauchen auf. Was ist wirklich passiert? War es ein Unfall, bei dem sie zu tote gekommen ist oder steckt etwas -Anderes dahinter?
Das war schon ein sehr besonderes Buch. Denn wann liest man schon mal aus der Sicht von KI?
Aber eigentlich besonders hat das Buch die Perspektive gemacht. Zugleich ist es auch der Punkt, warum es für mich länger gedauert hat, überhaupt in das Buch reinzukommen. Denn dass man aus der Sicht einer KI die Welt entdeckt, war nicht einmal so seltsam, weil der Abbie-Roboter mit Gefühlen entwickelt wurde. Daher wirkte die neue Abbie in den meisten Situationen wie ein Mensch, was aber, wenn man darüber nachdenkt, sehr gruslig war.
In der Gegenwart hat man die Du-Perspektive gehabt. Gleichzeitig hat man noch einen Handlungsstrang in der Vergangenheit, die Zeit, in der sich Tim und die echte Abbie sich kennengelernt haben. Da hat man die Wir-Perspektive und ich war lange irritiert, wer denn nun das Wir ist. Sind das die Angestellten von Tim?
Denn Tim ist Chef seiner eigenen Firma, die eben KI-Roboter entwickeln – Scott Robotics. Bei mir hat es wirklich lange gebraucht, bis ich verstanden habe, wer das Wir nun ist.
Durch die beiden Perspektivformen war eine gewisse Distanz zu den Figuren. Bei der Du-Perspektive war man noch relativ nah an Abbie dran. Bei der Wir-Perspektive hatte man nur eine beobachtende Perspektive. Im Nachhinein machen die Perspektiven total Sinn und sind eigentlich sehr genial. Dennoch hat es mir das Buch dadurch etwas schwergemacht. Durch die Distanz war es eben schwierig emotional der Geschichte zu verfolgen. Als ich mich nach etlichen Seiten daran gewöhnt hatte, war ich auch emotional involviert, aber dieser Weg bis dahin, war etwas mühsam.
Allerdings muss ich dazu sagen, dass es der Spannung dabei keinen Abbruch getan hat. Die Geschichte war gut erzählt und ich wollte wissen, wie es weitergeht. Das lag auch daran, dass die Hauptthemen gut aufgearbeitet waren.
Im Kern ging es um KI, Autismus und toxische Beziehung. Am Anfang hatte ich etwas die Sorge, dass der Autismus von Abbies und Tims Sohn Danny sträflich vernachlässigt wird und man darauf nur einen oberflächlichen Blick bekommt, aber dem war nicht so. Am Anfang ging es erst einmal um das Thema KI und als Dannys Erkrankung wichtig wurde, hat man auch dieses näher beleuchtet. Ich habe aus dem Buch zum Heller-Syndrom einiges mitgenommen, was mir vorher gar nichts gesagt hat. Es hat mich dann noch einmal auf eine andere Art sehr berührt, als ich das Nachwort/Danksagung gelesen habe. Das hat der Geschichte im Nachgang noch einmal eine besondere Tiefe gegeben. Vor allem, als er erklärt hat, dass es ein Aspekt der Krankheitsbehandlung wirklich so gab. Menschen sind manchmal einfach schrecklich.
Das Thema toxische Beziehung schwang die gesamte Zeit als ein Damoklesschwert über der Geschichte.
Bei dem Buch „Die Fremde in meinem Haus“ von dem Autor habe ich kritisiert, dass mir zu viele Themen nur angeschnitten wurden und sie dadurch oberflächlich blieben. Darum hatte ich auch hier anfangs Sorge, dass es ähnlich wird. Doch in diesem Buch hat er den Hauptthemen genügend Platz gelassen, weshalb mir das Buch auch in diesem Aspekt deutlich besser gefallen hat.
Ich hatte von Anfang an eine Vermutung auf was das Buch hinausläuft. Besonders wenn man sich den englischen Originaltitel anschaut, war das eine offensichtliche Schlussfolgerung. Es gab einige Wendungen mit denen ich nicht gerechnet habe, aber am Ende kam es dennoch auf meine Vermutung heraus. Das fand ich tatsächlich etwas enttäuschend, weil ich dennoch auf einen Kniff gehofft habe, der mir richtig überrascht. Normalerweise lese ich Bücher nur und stellte keine Theorien auf. Aber bei diesem hat sich diese mir regelrecht aufgedrängt. Was ich also damit sagen möchte: Das Buch war mir etwas zu vorhersehbar.
Die Figuren waren interessant. Die KI-Abbie… war mehr sehr sympathisch, wenn das auch irgendwie sehr befremdlich gewirkt hat. Die echte Abbie, die man ja in der Vergangenheit mitbekommen hat, war ein Freigeist. Kein Wunder, da sie ja Künstlerin war. Sie hat viele Wandlungen durchlaufen und sie tat mir leid. Denn Tim wurde von Anfang an als sehr schwierig beschrieben. Allein wie er als Chef agiert hat. Leute, wenn ihr so einen Chef habt, haut ab. Ich kann nicht verstehen, wie man länger als nötig mit so jemand verbringt. Aber wahrscheinlich beschäftigt mich das Thema gerade auch, weil ich nebenbei „Die Assistentin“ von Caroline Wahl lese und nicht verstehen kann, wie man sich sowas antun kann.
Ansonsten gab es da noch einige andere Figuren, die aber ziemlich nebensächlich gegenüber Abbie und Tim wirkten. Danny, ihr Sohn, war kaum greifbar. Durch ihn hat man vor allem die Symptome vom Heller-Syndrom mitbekommen.
Fazit: Ich fand das Buch gut. Der Einstieg war etwas schwierig durch die gewählten Perspektiven, wenn sie auch letztendlich sehr logisch waren. Die Thematiken waren interessant und gut aufgearbeitet. Ich fand das Buch nur etwas zu vorhersehbar und Tim war ein toxischer Arsch. 4 Sterne.