Marie-Claire und Anahita haben keine Kinder. Und das ist eigentlich gut so. Der richtige Partner ist ihnen nie über den Weg gelaufen, die Karriere als erfolgreiche Podcasterin bzw. als Politikerin hatte Priorität. Doch dann wird Marie-Claire von ihrer Frauenärztin mit der Einsicht konfrontiert, dass mit fast vierzig Jahren die fetten fruchtbaren Jahre zu Ende gehen. Gleichzeitig fragt sich Anahita, ob sie eine erfolgreiche Senatorin für Familien sein kann, wenn sie selber alleinstehend ist. Sollten beide nicht doch ein Kind bekommen? Wollen sie überhaupt? Ist eine Frau ohne Mutterschaft überhaupt eine richtige Frau? Oder liegt das wahre Glück nicht in der Selbstbestimmtheit? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht leicht und gleichzeitig tickt die biologische Uhr unfassbar laut.
Jackie Thomae hat mit Glück einen Roman geschrieben, der ein meiner Meinung nach sehr wichtiges Thema in den Mittelpunkt stellt: kinderlose bzw. kinderfreie Frauen, also Frauen, die sich bewusst gegen Mutter- und Elternschaft entschieden haben. Denn diese Frauen gibt es – auch wenn die Gesellschaft dies immer noch schwer begreift und entweder mit Mitleid („Es hat wohl nicht geklappt.“) oder Überzeugungseifer („Warte nur, bis du den richtigen Mann triffst!“) reagiert. Glück hätte deswegen ein Plädoyer in Romanform werden können, das die Lebens- und Erfahrungswelten dieser Frauen aufzeigt, verständlich macht und vor allem betont: Muttersein ist nicht das höchste Ziel im Leben einer Frau!
Leider verschenkt Thomae aber das Potential ihres Romans. Zwar lässt sie ihre Figuren sich durchaus mit den Möglichkeiten und Grenzen von Mutterschaft auseinandersetzen und beleuchtet ein potentiell kinderfreies Leben; gleichzeitig reflektiert sich, wie die Gesellschaft Mütter und Nicht-Mütter betrachtet und welche Erwartungen sie auf beide projiziert. Doch der Roman wirkt auf den knapp 420 Seiten überfrachtet: Thomae führt zahlreiche Nebenfiguren ein, die mit einer oder beiden Hauptfiguren in Verbindung stehen und die dem Thema weitere Perspektiven und Nuancen hinzufügen sollen. Die Gedanken der Nebenfiguren sind bisweilen interessanter als die der Hauptfiguren, länger als ein Kapitel dürfen wir sie jedoch nicht begleiten, was die Geschichte für mich brüchig macht. Hinzu kommt im zweiten Teil die Utopie (oder Dystopie?) einer Pille, die die Menopause der Frau außer Kraft setzt und quasi lebenslange Fortpflanzung garantiert. Für die einen mag das ein gelungener Twist sein, mir selber war dieser Handlungsstrang zu fiktiv in einer Geschichte, die sonst so fest in der Berliner Medien- und Politikszene verankert ist.
Der Stil wirkt stellenweise sperrig. Thomae formuliert verschachtelte, metaphernreiche Sätze, die einem die beiden Protagonistinnen nicht näherbringen. Zudem lässt sie beide Figuren in einem lamentierenden Tonfall von ihrer Situation erzählen. Natürlich ist dies aufgrund der Thematik berechtigt, beide verharren aber über lange Zeit in ihren Gefühlen, ohne in irgendeiner Form ins Handeln zu kommen. Zum Schluss entscheiden sich beide bewusst gegen Kinder, ein starkes Zeichen und genau das, was ich in diesem Roman gesucht habe. Der Weg dahin war jedoch lang – und wird im Epilog dann doch gebrochen. Glück ist für mich daher in seiner Erzählstrategie nicht konsequent, die positive Vision eines kinderfreien Lebens wird nur teilweise erzählt.
Insgesamt ist Glück ein Roman, der meine Erwartungen nicht erfüllen konnte. Die guten und wichtigen Gedanken gehen im emotionalen Dauergetöse der Figuren unter, das Ende hat mich sogar enttäuscht. Durchschnittliche drei Sterne für ein thematisch mutiges Buch, das sich erzählerisch jedoch selbst im Weg steht.






















