„Als ich Maria war“ von Jutta Richter und Jacky Gleich ist ein Bilderbuch, das mit seinem ernsten Ton auffällt – allerdings weniger durch gelungene Umsetzung als durch eine problematische Darstellung von Ausgrenzung. Obwohl sowohl Autorin als auch Illustratorin vielfach ausgezeichnet sind, überzeugt mich dieses Buch insgesamt nicht.
Erzählt wird aus der Ich-Perspektive eines kleinen Mädchens, das in der Schule gemobbt wird. Erst in der zweiten Hälfte wird deutlich, dass sie eine Person of Colour ist – ein erzählerischer Kniff, der zunächst interessant wirkt, sich aber als fragwürdig erweist. Denn ihr Schwarz-Sein ist im Buch nicht positiv oder empowernd besetzt, sondern verstärkt ihr Anderssein und ihre Isolation. Die eigentlichen Probleme – Diskriminierung und Rassismus – werden nicht klar benannt, stattdessen scheint das „Besonders-Sein“ des Kindes selbst das Problem zu sein.
Besonders irritierend finde ich, dass die Ich-Erzählerin trotz ihrer Perspektive durchgehend Objekt und Opfer bleibt. Sie hat keinen Namen, oft nicht einmal ein Gesicht, keine hörbare Stimme nach außen. Sie wehrt sich nicht: nicht gegen das Mobbing, nicht gegen die Entscheidungen der Erwachsenen, nicht gegen die Rollen, die ihr aufgezwungen werden. Sie schweigt und erträgt – bis hin zur Rolle des Schafs, die sie im Krippenspiel spielen soll. Diese Passivität wird nicht hinterfragt, sondern erscheint normal.
Auch die Erwachsenenfiguren enttäuschen: Die Mutter bietet keine wirkliche Unterstützung, der Lehrer erscheint autoritär und unsensibel. Das Mädchen bleibt allein mit ihren Erfahrungen. Ihre einzige aktive Handlung ist das Schreiben eines Wunschzettels an das Christkind – Hoffnung wird hier ausschließlich ins Religiöse, nicht ins eigene Handeln oder in solidarische Beziehungen verlagert.
Die Bildsprache verstärkt die Problematik: Die Hautfarbe des Mädchens wird durch vollständige Nacktheit betont, was stereotype Assoziationen reproduziert. „Schwarz“ wird nicht als politische Selbstbezeichnung oder Identität reflektiert, sondern lediglich als Farbbeschreibung genutzt – ohne Kontext, ohne Einordnung, ohne Stärkung.
Am Ende bleibt unklar, ob sich für das Mädchen etwas verändert. Für Schwarze Kinder bietet das Buch keine positive Identifikationsfigur, für weiße Kinder erzeugt es vor allem Mitleid – und auch das ist keine wünschenswerte Perspektive.
So bleibt „Als ich Maria war“ ein deprimierendes Buch, das Ausgrenzung zeigt, ohne ihr etwas entgegenzusetzen. Es stellt Leid aus, statt Handlungsmöglichkeiten oder Unterstützung sichtbar zu machen – und verschenkt damit die Chance, wirklich stärkend oder aufklärend zu wirken.