Jacqueline Harpman

 4,2 Sterne bei 294 Bewertungen

Lebenslauf

Jacqueline Harpman, 1929 in Etterbeek, Belgien, geboren, ist eine der großen Stimmen der französischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ihre Familie musste vor den Nationalsozialisten nach Casablanca fliehen und konnte erst nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehren. Nach einem Studium der französischen Literatur begann sie eine Ausbildung zur Ärztin, die sie jedoch aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung nicht abschließen konnte, und wandte sich dem Schreiben zu. Im Jahr 1980 machte sie ihren Abschluss als Psychoanalytikerin. Harpman schrieb über 15 Romane und gewann zahlreiche Literaturpreise.

Quelle: Verlag / vlb

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Neue Rezensionen zu Jacqueline Harpman

Cover des Buches Ich, die ich Männer nicht kannte (ISBN: 9783608966701)
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Rezension zu "Ich, die ich Männer nicht kannte" von Jacqueline Harpman

Steve91
Dystopischer Roman über eine Welt ohne Männer, ohne alltägliche Dinge und voller Fragen

In Harpmans Erzählung verfolgen wir das Leben einer zuerst Jugendlichen, dann Frau, die aus ihr unbekannten Gründen mit 39 anderen Frauen in einem Keller gefangen ist. Sie ist die einzige, die als junges Mädchen dort eingesperrt wurde und auch die einzige, die nie das Leben vor den Ereignissen erlebt hat.
So kann sie nichts mit den Erzählungen und Ausführungen der Frauen über das Leben außerhalb des Kellers und des Käfigs anfangen, ist aber neugierig und zunehmend aufmüpfig. Als ein Alarm ihre Bewacher in die Flucht schlägt, schaffen die Frauen es zu fliehen und es beginnt für die Truppe eine Reise durch die verwaiste und ihnen mittlerweile unbekannte Welt. Die Protagonistin lernt dabei zu überleben, neugierig zu bleiben, lernt Schreiben, Lesen und Rechnen sowie weitere elementare Dinge des Lebens. Zwangsläufig erfährt sie nie, wie die Welt vor der Katastrophe war und zwangsläufig lernt sie nie Männer kennen.
Als sie durch ihr Alter und dem natürlichen Verlauf des Lebens als letzte ihrer Gruppe übrig bleibt, beginnt sie, ihre Geschichte niederzuschreiben. Und diese Geschichte lesen wir nun.

Toll geschrieben und mitreißend lädt die Geschichte zum Nachdenken ein. Was passiert, wenn sich alles ändert? Wenn wir irgendwann alleine sind? Wie kann man leben, ohne das zu kennen, was wir den Alltag und das Leben nennen und was passiert, wenn kleine Schnipsel davon in unser Leben zurückkehren? Auf welche Annehmlichkeiten können wir verzichten? 

Klare Leseempfehlung!

Gefängnis und Freiheit

Ich, die ich Männer nicht kannte. Ein interessanter Buchtitel. Er suggeriert etwas. Aber er kann auch in die Irre führen. Denn für mich klingt dieser Titel nach einer Handlung, die irgendwie an Männern herumkritelt. Doch das steht hier nicht unbedingt zentral. Nicht unbedingt. Aber irgendwie schon. 

Jacqueline Harpman. Eine 1929 geborene belgische Autorin. Dieses Buch hier erschien 1995 in französischer Sprache, unter dem Titel „Moi qui n'ai pas connu les hommes“. 1998 erschien es auf Deutsch unter dem Titel „Die Frau, die die Männer nicht kannte“ bei Hoffmann und Campe. Und eben jetzt bei Klett-Cotta. Und eben jetzt eroberte es die Literaturwelt. Warum passierte dies nicht schon 1998, warum erst jetzt? Hat sich in der Welt etwas verändert, dass eben solche Dystopien gerade jetzt einschlagen wie eine kleine Bombe. In meinen Augen ja, obwohl es auch damals schon diese Männer gab, die die Welt irgendwie erstarren lassen. Dennoch, 1998 war eine völlig andere Zeit. Das Internet hatte noch einen Weg vor sich, bevor es die heutige Wertigkeit erlangte. Irgendwie absurd, wenn man mit dem heutigen Wissen auf dieses Gestern schaut, es wirkt fast etwas fragil, wenn man daran denkt, wie dieses Damals funktionierte. Was aber wieder den Gedanken aufkommen lässt, dass manche Schätze aus dieser Zeit keine Bühne bekommen haben. Oder besser gesagt weniger Bühne. Denn dieses Buch hier ist ein Schatz!

Meine persönliche Welt drehte sich noch nicht so sehr um die Literatur, ich war auf der Suche, nach dem eigenen Platz und nach dem ultimativen Erleben, Konzerte, Festivals, Dissen und Menschen, Liebe. Und die Ethnographie natürlich. Ab und zu auch einen Roman. Aber eben nur ab und zu. Wie dies bei anderen Menschen sicher ähnlich verlief. Denk ich mir so.

Jacqueline Harpman, 1929 geboren, erlebte den 2. Weltkrieg hautnah. 1940 marschierte Deutschlands Armee nach Belgien und 1940 floh Jacquelines Familie nach Casablanca. Der Vater von Jacqueline war Andries Harpman, ein jüdisch-holländischer Geschäftsmann. Was dies mit einem 10/11-jährigen Mädchen macht, kann sich jeder aussuchen. Eine Verbindung zu diesem Buch hier ist fast nicht auszuschließen.

40 Frauen sitzen in einem Gefängnis. Männliche Wärter. Keine Kommunikation zwischen Gefangenen und Wärtern. Keinen Blick nach draußen. Die Zeit verschwimmt. Die Frauen kennen sich nicht aus der Welt davor, haben auch so kaum eine Erinnerung an dieses Davor. Sie bekommen Nahrung und ein paar weitere Dinge des täglichen Bedarfs. Sehr wenige Dinge. Und sind gefangen. Dann ertönt ein Alarm. Und durch einen sehr glücklichen Zufall gelangen sie in die Freiheit. Und finden eine Welt vor, die völlig unbekannt erscheint, in der sie ihren Platz finden müssen, in der sie der Tristesse irgendetwas entgegensetzen müssen. Ihre eigene Menschlichkeit, die in dem erlittenen Grauen etwas verschwunden erscheint. 

Manche vergleichen dieses Buch mit feministischen Sichten, mit der Atwood, mit ihrem Report, kann man auch. Aber dieses Buch ist mehr. Nicht nur die Frauen sind die Leidtragenden, dies sind sie im Report ja auch nicht. Die menschliche Welt, das menschliche Miteinander wurde hier ausgelöscht. Wie dies auch in dem Grauen passierte, dass die Erde in den Dreißigern/Vierzigern erlebte. Uniformen tragende Wärter. Und gefangene Menschen. Nur wenigen gelingt die Flucht. Und Hilfe ist nicht ersichtlich. Wie dies die jüdische Welt erlebte. In vielerlei Ausprägungen. 

Und dennoch, obwohl dieses Buch das Grauen porträtiert, das Menschsein hat auch seinen Platz. Eine gewisse Hoffnung. Die in uns innewohnt. In manchen von uns! 

Denn was macht ein Leben lebenswert? Die Freiheit, die Mitmenschen, die Werte, der Besitz, die geistige Beschäftigung, die Sinnlichkeit, der Nachwuchs, das Weitergeben können?!?!

Lesen!

Cover des Buches Ich, die ich Männer nicht kannte (ISBN: 9783608966701)
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Rezension zu "Ich, die ich Männer nicht kannte" von Jacqueline Harpman

PigletandherBooks
5 Sterne

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ ist eine außergewöhnliche feministische Dystopie, die im vergangenen Jahr auf BookTok eine beeindruckende Wiederentdeckung erlebt hat. Bereits 1995 erschienen, erzählt Jacqueline Harpman die Geschichte einer namenlosen Protagonistin, die gemeinsam mit neununddreißig weiteren Frauen in einem unterirdischen Gefängnis lebt. Tag und Nacht existieren nur durch künstliches Licht, der Alltag folgt einer monotonen Routine und außerhalb der Gefängnismauern scheint es keine greifbare Wirklichkeit zu geben. Gerade dieses minimalistische Setting erzeugt eine beklemmende Atmosphäre und einen enormen Sog, der mich das Buch kaum aus der Hand legen ließ. Besonders faszinierend fand ich jedoch nicht nur das Setting selbst, sondern auch die Art und Weise, wie Harpman erzählt. Der Roman verzichtet fast vollständig auf Erklärungen und nutzt bewusst Leerstellen. Die zahlreichen offenen Fragen entpuppen sich als zentrales erzählerisches Mittel. Statt die Welt vollständig zu erklären, zwingt Harpman ihre Leser*innen dazu, selbst Bedeutung zu konstruieren. Genau darin liegt für mich die besondere Stärke des Romans.Achtung Spoilerwarnung!


Während des Lesens wollte ich unbedingt erfahren, warum die Frauen eingesperrt wurden, wer die Wärter wirklich sind, weshalb plötzlich alles zusammenbricht und in welcher Welt die Geschichte überhaupt spielt. Doch Jacqueline Harpman verweigert genau diese Antworten. Stattdessen entsteht ein Roman, der weniger als klassische Science-Fiction funktioniert, sondern vielmehr als philosophische Parabel über Identität, Erinnerung und Menschsein. Gerade weil die Geschichte keine eindeutigen Lösungen anbietet, hallt sie noch lange nach dem Lesen nach.


Je mehr ich mich anschließend mit den verschiedenen Interpretationen und mit Harpmans Leben beschäftigte, desto deutlicher wurde für mich, dass diese Offenheit kein erzählerischer Makel, sondern eine bewusste Entscheidung sein muss. Die fehlenden Erklärungen lenken den Blick weg vom „Was ist passiert?“ und hin zu den eigentlichen Fragen des Romans: Wie entsteht Identität ohne gesellschaftliche Prägung? Was bedeutet Freiheit für einen Menschen, der sie nie kennengelernt hat? Und wodurch wird Menschlichkeit überhaupt definiert?


Besonders spannend finde ich außerdem die feministische Dimension des Romans. Obwohl Männer titelgebend sind, kommt im gesamten Buch kein einziger Mann selbst zu Wort. Männlichkeit bleibt eine bloße Erzählung, eine Erinnerung anderer Frauen, während die namenlose Erzählerin ihre Vorstellung von der Welt ausschließlich aus Beobachtung der weiblichen Figuren heraus entwickelt. Dadurch hinterfragt Harpman nicht nur Geschlechterrollen, sondern auch, wie Wissen, Erinnerung und Identität überhaupt entstehen, vor allem in einer Welt, die nicht durch ein Patriarchat geprägt ist.


Anfangs war ich frustriert über die vielen unbeantworteten Fragen. Heute würde ich sagen, dass genau diese Offenheit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ zu einem der faszinierendsten Romane macht, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Es ist eines dieser Bücher, das nicht mit dem Umblättern der letzten Seite endet, sondern erst danach seine eigentliche Wirkung entfaltet. Der Drang es direkt nochmal zu lesen ist unheimlich groß, weil man glaubt, dann zwischen den Zeilen doch noch eine Antwort zu finden. 

Gespräche aus der Community

Cover des Buches Ich, die ich Männer nicht kannte
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Saga_Egmont

Der internationale Sensationserfolg in neuer deutscher Übersetzung.

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116 BeiträgeVerlosung beendet

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