Jakob Arjouni Cherryman jagt Mister White

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Inhaltsangabe zu „Cherryman jagt Mister White“ von Jakob Arjouni

Achtzehn Jahre, Ostdeutscher, arbeitslos, Nazimitläufer – der Stoff, aus dem ein deutscher Held ist? Wie viel Gewalt erlaubt die Notwehr? Und wie schmutzig darf man sich die Hände machen beim Griff nach dem Glück?

Arjouni steigt über das Schwarz-Weiss-Denken hinweg

— Jari
Jari

"Um die Bilder zu vertreiben, habe ich mir andere Bilder zurechtgelegt. Sozusagen als Gegengift, als Notapotheke."

— Alathaya
Alathaya

Es fängt harmlos an, doch es ist ein Pakt mit dem Teufel: Rick arrangiert sich mit den Rechten um endlich eine Lehrstelle zu kriegen.

— Tree_Trunks
Tree_Trunks

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  • Jakob Arjouni - Cherryman jagt Mister White

    Cherryman jagt Mister White
    Jari

    Jari

    03. September 2017 um 19:48

    Die Bücher von Jakob Arjouni sind gewollt unangenehm. Das genau mag ich an ihm, dennoch musste ich leer schlucken, als bereits auf den ersten Seiten von „Cherryman jagt Mister White“ eine Katze getötet wird. Ich bin wohl etwas aus der Arjouni-Übung.Danach war ich wieder mittendrin und wieder einmal zeigte mir Arjouni, weshalb ich seine Bücher mag. Denn auch in diesem kurzen Weg stellt der Autor unsere Ansicht von Gut und Böse auf den Kopf. In diesen Bücher gelangen wir nicht eine mystische Fantasy-Welt, sondern landen knallhart auf dem Beton der Realität.Hätten wir von Ricks Fall aus den Medien gehört, wäre für uns die Sache einfach: Nazi will jüdischen Kindergarten in die Luft jagen. Dafür war die Sache ganz anders. Rick schildert in seinen Berichten an Dr. Layton, wie es tatsächlich dazu kam, dass der Junge die Kinder sogar gerettet hat.Man kann darüber diskutieren, ob Rick die Stelle gar nicht hätte annehmen sollen. Aber nach der Szene mit der Katze wissen wir, dass diese Leute nicht scherzen, wenn sie Rick damit drohen, die über 80-jährige Tante zu bedrohen. Ausserdem weiss ich aus eigener Erfahrung, wie verzweifelt man ist, wenn man jahrelang auf der Suche nach einer Stelle ist.Rick zeigt uns den Menschen in uns allen. Ja, Rick mag Superhelden, das tun wir doch alle. Doch die meisten von uns sind eben nur das, was wir sind: Menschen. Keine Superhelden mit Superkräften.Schlussendlich zeigt Rick aber auch, was passieren kann, wenn man jemanden so sehr in die Ecke drängt, dass Angriff plötzlich die beste Verteidigung ist. Nein, Rick ist kein Held, er ist der nette Junge von nebenan, der in der falschen Nachbarschaft gelandet ist, immer das Opfer, bis irgendwann Schluss ist.Aus dem Text geht mehr und mehr hervor, wie jung der Protagonist eigentlich ist. Ja, ich mag Rick und mag ihn immer noch, auch nach seiner letzten Tat. Arjouni steigt über das Schwarz-Weiss-Denken hinweg und setzt sich mit den Umständen auseinander, die einen netten Menschen zum Mörder werden lassen.Ein Mord als einfache Tat ist verabscheuungswürdig. Doch was, wenn er damit anderen das Leben gerettet hat? Plötzlich ist unsere Ansicht auf das Leben gar nicht mehr so einfach, wie wir es oft gerne hätten.

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  • Mitläufer?

    Cherryman jagt Mister White
    dominona

    dominona

    06. February 2017 um 19:20

    In einem kleinen Dorf in Brandenburg kennt jeder jeden und so eine rechte Bande kann einem das Leben ganz schön versauen. Was macht man also, wenn man unter Druck gesetzt wird ihnen zu helfen und dabei noch eine heiß ersehnte Lehrstelle herausspringt?  Ganz so einfach wie es klingt, ist es dann doch nicht, aber ich habe mich unterhalten gefühlt. Ich mag ja den Stil der Geschichten sowieso. Kurz und knapp, deshalb ohne große Längen, aber eben für mich auch ohne Überraschungen.

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  • "Um die Bilder zu vertreiben, habe ich mir andere Bilder zurechtgelegt. Sozusagen als Gegengift, als

    Cherryman jagt Mister White
    Alathaya

    Alathaya

    23. April 2014 um 17:20

    Ich wurde durch einen Tipp auf dieses Buch aufmerksam gemacht und habe es sofort in einem Schwung durchgelesen. Trotz der wenigen Seiten schaffte der Autor es mich sofort in den Bann zu ziehen und das Thema sowohl realistisch als auch schonungslos in Worte zu fassen. Rick ist 18 Jahre alt und lebt bei seiner Tante im Osten Deutschlands, in dem eine hohe Arbeitslosenrate herrscht, und zeichnet Comics, mit deren Hilfe er aus der Realität flieht. Eigentlich wünscht er sich nur eine Lehrstelle… Als ihm dann plötzlich die örtliche Gruppe rechtsgesinnter Jugendlicher zu genau dieser verhelfen will greift er zu und ahnt nicht welche Folgen dies haben wird. Wie ich finde, auch eine super Schullektüre, aus der sich viel herausholen lässt. Das offene Ende lässt viel Platz für Diskussionen über Zivilcourage, Recht und Unrecht und greift dieses schon so oft behandelte Thema mal von einer anderen Seite auf.  "Gestern Morgen haben mich der Ninu und seine Eltern besucht. Plötzlich standen wir uns in der Besucherzelle gegenüber. (...) Als der Vater mich begrüßte, nahm er meine Hand in beide Hände und drückte sie fest. Die Frau hatte während des ganzen Besuchs glänzende Augen und lächelte mit mitfühlend zu. Befangen waren sie natürlich auch. Immerhin stand vor ihnen der Massakerman."

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  • Rezension zu "Cherryman jagt Mister White" von Jakob Arjouni

    Cherryman jagt Mister White
    Phil Decker

    Phil Decker

    26. November 2012 um 13:37

    Ein Buch zum Nachdenken, wenn auch das grausame Ende nicht so ganz in das Psychogramm des Täters passt. Gut wiedergegeben, wie schwer es ist aus einem solchen Bedrohungsszenario rauszukommen, wenn man nicht über das richtige Selbstbewusstsein und ein stabiles positives Umfeld verfügt.

  • Rezension zu "Cherryman jagt Mister White" von Jakob Arjouni

    Cherryman jagt Mister White
    Nil

    Nil

    29. September 2011 um 21:12

    Aktuelle brandenburgische Sozialstudie Rick wächst in einem brandenburgischen Dorf in der Nähe von Fürstenwalde auf. Perspektivlos mit viel Gewalt und Rechtsradikalität hat Rick es zwangsläufig zu tun und fühlt sich machtlos. Um dem Alltag zu trotzen zeichnet er gerne Comics und wird damit auch zum Exot auf dem Lande. Wie durch ein Wunder bekommt er eine Lehrstelle in Berlin angeboten. Damit geht sein größter Traum in Erfüllung: eine Gärtnerlehre! Doch dann entpuppt sich die Chance als Falle der Rechten und Rick weiß sich nur noch durch ein finales Mittel zu helfen… Packend und prägnant beschreibt dieser Roman die Hilflosigkeit der brandenburgischen Jugend. Eine Geschichte, die mit erschreckender Tiefe einem die Augen öffnet für die Missstände in unserer Gesellschaft.

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  • Rezension zu "Cherryman jagt Mister White" von Jakob Arjouni

    Cherryman jagt Mister White
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    02. June 2011 um 17:36

    Jakob Arjounis neuer Roman führt seinen Leser in eine der kleinen Orte im Osten Deutschlands, wo praktisch keiner der dort noch lebenden Jugendlichen einen Job, geschweige denn eine Lehrstelle hat, und wo Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit blüht. Die nationalistische Szene ist dort stark vertreten, der Alkoholismus grassiert, die Hoffnungen und Perspektiven der jungen Menschen sind gleich Null. In dem fiktiven Dorf Storlitz lebt der über weite Strecken des Romans ich-erzählende Rick. Ein durchaus sympathischer Junge, der als Kind früh seine Eltern bei einem Autounfall verlor und seitdem bei seiner Tante aufwächst. Diese Tante Bambusch ist nach dem Krieg ihrem Mann, einem Kommunisten aus Österreich in die DDR gefolgt. Rick hat noch keine Ausbildungsstelle, gärtnert gern und träumt vom Gärtnerberuf und einer Freundin, vorzugsweise in Berlin. Rick gerät bald in die Fänge von Heiko, Mario, Robert und Vladimir, einer Gang mit sehr rechten und nationalistischen Auffassungen, die meistens morgens schon betrunken sind und Stunk suchen. Diese vier, die Rick lange das Leben schwer machen, haben Kontakt zu einem jungen Mann namens Pascal, der in Berlin lebt und sich als Mitglied des nationalistischen und fremdenfeindlichen Heimatschutzes entpuppt. Er verspricht Rick eine Lehrstelle in einer Berliner Gärtnerei. Der soll dafür während seiner Arbeit in einem Park einen an diesen angrenzenden jüdischen Kindergarten beobachten und alles notieren, was ihm auffällt. Rick lässt sich darauf ein, obwohl eine innere Stimme ihn schon warnt. Doch die Erfüllung seines Traumes ist ihm wichtiger, zumal er auf seinen täglichen Zugfahrten nach Berlin ein Mädchen namens Marilyn kennen und lieben lernt. Rick macht mit, beobachtet die von Polizei schwer bewachten jüdische Einrichtung, und versucht auf die judenfeindlichen Hetzreden von Pascal und auch dem Inhaber der Gärtnerei mit Anpassung zu reagieren. Am Zaun des Kindergartens trifft Rick auf den Ninu, einen kleinen jüdischen Jungen, mit dem er sich anfreundet. In seiner Freizeit zeichnet Rick Comics. Er hat eine Figur erfunden, die Cherryman heißt und die einen gewissen Mr. White jagt. In diese Welt seiner Comics mit seinem starken Helden flüchtet sich Rick immer wieder, wenn ihn die Feigheit übermannt und er nicht aussteigt aus einem Plan, den er immer besser durchschaut. Denn Rick soll eine Tasche in den Kindergarten bringen. Angeblich ist nur Propagandamaterial drin, doch Pascal vertauscht die Tasche in letzter Minute. Rick kennt den wahren Inhalt der Tasche und handelt- immer seinen Freund Ninu im Sinn …. Das ganze Buch ist aufgebaut als langer Brief an einen Dr. Layton, einem Arzt und Gutachter in der Klinik, in die Rick nach den ganzen fruchtbaren Geschehnissen eingeliefert wird. Doch seine Erzählung, sein Bericht, seine Geschichte will hauptsächlich den Leser erreichen, der nachdenken soll über Mitläuferschaft und Zivilcourage, über Fremdenfeindlichkeit und Recht. Arjouni ist ein beeindruckendes psychologisches Porträt eines jungen Mannes gelungen, das seinen Leser hin- und herreißt zwischen Sympathie und Abscheu für ein Opfers, das zum Täter wurde.

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  • Rezension zu "Cherryman jagt Mister White" von Jakob Arjouni

    Cherryman jagt Mister White
    einMalTee

    einMalTee

    14. May 2011 um 10:59

    Brandaktuell und hochgefährlich: Neonaziorganisationen in Deutschland, insbesondere im Osten. Keine Schlagzeile, sondern der Inhalt von Arjournis neustem Roman „Cherryman jagt Mister White“. Kleinstadt, Perspektivlosigkeit, Realschulabschluss, keine Arbeit, Eltern verstorben. Alles das trifft auf den achtzehnjährigen Rick Fischer zu. Die Kleinstadt Storlitz, ein fiktiver Vorort von Berlin, 40 Minuten mit der Bahn. Ein kleiner Haufen an Dorfjugend bedrängt ihn immer wieder, nimmt ihm Geld ab, tötet seine Katze, verprügelt ihn zwei, drei Mal. Plötzlich bieten sie ihm durch Verbindungen eine Lehrstelle als Gärtner an, sein Traum könnte also wahr werden. Kondition: Während eines Praktikums im Park den angrenzenden Kindergarten beobachten. Komisch? Nein, nicht zwingend. Denn es ist ein jüdischer Kindergarten, von Steuergeldern bezahlt, von deutschen Polizeibeamten bewacht. Das macht die jungen Nazis in der Gegend wütend. Einen Denkzettel sollen sie bekommen. Rick findet das nicht so schlimm, er hat darüber nie nachgedacht. Die Arbeit läuft super, ein junges Mädchen lernt er auch kennen: Perfekt. Die Kindergartenkinder sind lieb und nett, die Erzieherinnen auch. Er findet es sympathisch. Dann die zwiespältige Aufgabe seines Arbeitgebers, der auch beim „Heimatschutz“ - einer rechten Organisation - aktiv ist: Eine Sporttasche in die Einrichtung bringen. Darin angeblich: Geschichtsbücher, Propaganda-Flyer etc. Rick will nicht. Er muss aber. Sonst muss seine Freundin dran glauben, ebenso seine Tante, bei der er aufwächst. Er muss also. Was dann passiert ist überraschend. Er sieht den Inhalt: Eine Bombe, lässt sie wo anders als bei den Kindern detonieren. Er ist wütend, wurde benutzt, hineingelegt. Sein Rachefeldzug viel zu blutig. Aus seinen Augen gerecht. 170 Seiten braucht Arjourni nur, um dem Leser sein Moralverständnis zu rauben. Darf Rick so handeln? Ja, nein, vielleicht. Das Urteil ist dem Leser überlassen. Es ist sozial-politischer Sprengstoff, den der Autor in dem kurzen Buch niedergeschrieben hat. Und das ist wichtig, denn nur weil rechtsradikal-motivierte Übergriffe derzeit nicht in den Schlafzeilen sind, gibt es viele Leute, die deren Gedankengut teilen. Dagegen schreibt Arjourni an. Das sehr schnell, spannend, real und glaubhaft. Zu lesen ist die Handlung als Rekapitulation. Rick schreibt seinem Psychologen Briefe, in denen er sich und seine Taten reflektiert und versucht zu erklären. Denn Rick sitzt im Gefängnis. Ist er der richtige, der dort sitzt oder sollten es solche sein, die ihn angestiftet und missbraucht haben? Dürfen ihm die Eltern des kleinen Ninu aus dem Kindergarten dankbar sein?

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  • Rezension zu "Cherryman jagt Mister White" von Jakob Arjouni

    Cherryman jagt Mister White
    variety

    variety

    07. May 2011 um 16:21

    Die Kürze des Buches ist kein Nachteil. Arjouni schafft es, auf beinahe 170 Seiten die Hauptfiguren knapp zu skizzieren und deren Handlungsweisen stimmig zu erklären. Die bedrohliche Lage, in die sich Rick (ein 18-Jähriger, der nach langer Suche eine "Lehrstelle" versprochen bekommt) aus Verzweiflung begibt, wird so beeindruckend geschildert, dass man einfach nicht mit Lesen aufhören möchte. Die Dialoge sind beinahe im Drehbuch-Stil verfasst, so dass ich mir eine Verfilmung durchaus vorstellen kann. Mein einziger Kritikpunkt ist der brutale Schluss, der teilweise sogar unrealistisch daherkommt. Deshalb nur knappe 5*.

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  • Rezension zu "Cherryman jagt Mister White" von Jakob Arjouni

    Cherryman jagt Mister White
    Alienor

    Alienor

    30. March 2011 um 12:16

    Rechtsradikalismus ist in Deutschland leider immer noch nicht ausgestorben. Ganz besonders nicht im Osten der Republik, wo Perspektivlosigkeit einen passenden Nährboden bietet. Jakob Arjouni, der in der Vergangenheit bereits öfter die Feder zu den Themen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus geschwungen hat, wagt hier einen gleichzeitig erschütternden und schrägen Blick auf das Milieu, auf die verhängnisvollen Mechanismen von Einschüchterung, Zugeständnissen und daraus resultierenden Verpflichtungen. Ricki, der tragische Held der Geschichte, wäre lieber wie Cherryman, der hauende und stechende Kirschbaum aus seinen selbst erdachten Comics, statt ewig gegen die gewalttätige Jugendgang in seinem Kaff den Kürzeren zu ziehen. Als die Jungs ihm plötzlich eine Lehrstelle als Gärtner im angesagten Berlin in Aussicht stellen, wird er zwar zutiefst misstrauisch, hat aber kaum eine andere Wahl, als der Versuchung zu erliegen. Seine neuen Bekanntschaften, die Hippie-Gemüsehändlerin Marylin und der charmante zweijährige Ninu, lassen ihm sein neues Leben noch sonniger erscheinen…und sie machen Ricki verwundbar. Denn natürlich hat die Sache einen Haken: Er arbeitet fortan nebenbei für den Heimatschutz. Zunächst fängt alles harmlos an, er soll einen jüdischen Kindergarten ausspionieren. Dass alles in einer Katastrophe enden wird, weiß der Leser bereits nach wenigen Seiten – Ricki schildert seine Lebensgeschichte in Briefen, die er aus dem Gefängnis heraus an seinen Therapeuten adressiert… Die im Grunde sehr bedrückende Lektüre verschlingt man mit seltsamer Leichtigkeit. Die Briefform schafft eine gewisse Distanz zu den Ereignissen. Das Büchlein ist in recht knappe Kapitel unterteilt und man ist stets angetrieben, weiter zu lesen um zu erfahren, ob sich Ricki nicht doch irgendwann aus der alten Opferrolle befreien kann. Dazu kommt eine Prise skurrilen Humors, denn selbst die brutalsten Gestalten werden häufig bis ins Lächerliche überzogen - während man an anderen Stellen wiederum ziemlich laut schlucken muss und das Lachen im Halse stecken bleibt. Ganz besonders stark ist das Ende, das recht unerwartet kommt und den Leser in einem riesigen moralischen Dilemma zurücklässt. Von diesem Ende geht ein Denkanstoß aus, der das Buch so speziell macht und es eben nicht in der langen Reihe aufklärerischer antifaschistischer Werke mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ untergehen lässt.

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  • Rezension zu "Cherryman jagt Mister White" von Jakob Arjouni

    Cherryman jagt Mister White
    Gospelsinger

    Gospelsinger

    21. March 2011 um 15:15

    Eigentlich ist alles klar. Der Täter ist am Anfang des Buches bereits gefasst und hat auch gestanden. Aufklärungsarbeit muss also nicht mehr geleistet werden. Die Hauptperson ist daher auch kein Kommissar, sondern der Täter selbst, der vom Knast aus Briefe an den begutachtenden Therapeuten schreibt. In diesen Briefen wird dann auch so nach und nach deutlich, welches Verbrechen Rick begangen hat, weshalb man ihn Massaker-Mann nennt und wer die Opfer sind. Rick ist 18, kommt aus einem Brandenburger Kaff, wächst bei seiner Tante Bambusch auf und zeichnet Comics. Sein Superheld Cherryman schafft das, was Rick nicht gelingt: Sich gegen die Brutalität Stärkerer zu wehren. Cherryman ist einer der witzigen Einfälle, die dieses Buch so gut lesbar machen, denn Cherryman ist ein Kirschbaum, der die Gegner mit Hilfe seiner Äste besiegt. Rick dagegen kommt gegen die örtliche Schlägergang nicht an und wird schon sein ganzes Leben lang von ihr schikaniert. Aber plötzlich wendet sich das Blatt. Die Schläger werden freundlich zu ihm, nehmen ihn in den Heimatschutz auf und verschaffen ihm sogar eine Lehrstelle als Gärtner. In Berlin! Rick hat zwar mit Nazis nichts am Hut, erst recht nicht mit dem Anführer des Vereins, aber die Aussichten sind einfach zu verlockend. Rick ist außer sich vor Freude, zumal ihm die Arbeit Spaß macht und er auch noch ein nettes Mädchen und einen niedlichen Zweijährigen kennenlernt. Aber die Sache hat einen ganz großen Haken, und deshalb wird der friedliche und nette Rick zum Verbrecher. Kann es einen ethisch akzeptablen Grund geben, ein sehr schweres Verbrechen zu begehen? Das ist die große Frage, die hier so luftig leicht angegangen wird, dass die Spannung der Handlung nicht beeinträchtigt wird und sich das Buch sehr flüssig lesen lässt. Besonders positiv fand ich, dass die ethische Frage am Ende nicht beantwortet wird. Das Buch eignet sich daher hervorragend als Diskussionsanstoß, besonders für Jugendliche.

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