Alle Bücher von James B. Collins

Neue Rezensionen zu James B. Collins

Frankreichs Staat und Gesellschaft unter dem Ancien Régime

Der amerikanische Historiker James B. Collins gehört zu den bekanntesten angelsächsischen Experten für die Geschichte Frankreichs in der Frühen Neuzeit. Sein Buch "The State in Early Modern France" ist Pflichtlektüre für alle, die sich vertiefend mit der französischen Geschichte unter den Bourbonen beschäftigen möchten. Allerdings muss betont werden, dass sich das Buch nicht als Einstiegslektüre eignet. Es kommt nur für Leser in Frage, die bereits solide Kenntnisse der Geschichte Frankreichs im 17. und 18. Jahrhundert besitzen. Das Buch ist 1995 in der Reihe "New Approaches to European History" erschienen. Für die zweite Auflage, die 2009 erschien, hat Collins den Text umfassend überarbeitet und die Bibliographie ergänzt. Jedem Band der Reihe ist ein allgemeines Vorwort vorangestellt, in dem es heißt, die Reihe richte sich an "Schüler der Oberstufe und Bachelor-Studierende" (advanced school students and undergraduates). Für diesen Leserkreis ist Collins' Buch jedoch viel zu anspruchsvoll. Das wird bei der Lektüre schnell klar. Für deutsche Leser ist das Buch vor allem deshalb von Interesse, weil es hierzulande an Darstellungen fehlt, die das Ancien Régime in seiner Gesamtheit behandeln. Der Band von Lothar Schilling in der Reihe "Geschichte kompakt" (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) ist auf das 17. Jahrhundert beschränkt. Deutschsprachige Werke zur Geschichte Frankreichs im 18. Jahrhundert gibt es derzeit nicht.

Das Buch bietet mehr, als es der recht allgemein gehaltene Titel erahnen lässt. Collins behandelt nicht nur die Entwicklung des französischen Staates unter den Bourbonenkönigen. Er bezieht auch die Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte in die Darstellung ein. Eingangs spricht sich Collins gegen die Verwendung des Absolutismus-Begriffes aus. Er folgt damit der jüngeren Forschung, die vom Absolutismus-Konzept abgerückt ist. Die Regierungs- und Verwaltungsstrukturen des 17. und 18. Jahrhunderts bezeichnet Collins mit dem Begriff "monarchischer Staat". In einer Kombination von Erzählung und Analyse schildert er die Entwicklung des monarchischen Staates zwischen dem Ende der Religionskriege und dem Beginn der Revolution. Collins nimmt die Krone und ihre soziale Basis in den Blick: Den Schwertadel (noblesse d’epée), den Amtsadel (noblesse de robe), die Finanzoligarchie der Bankiers und Steuerpächter. Er erläutert Aufbau und Arbeitsweise des königlichen Regierungs- und Verwaltungsapparates, des Steuerwesens und der Justiz. Die Passagen über Steuersystem und Rechtswesen, zwei notorisch komplexe und komplizierte Themen, sind an vielen Stellen zu detailreich. Es tauchen im Text auch zu viele obskure Personen auf. Collins nimmt durchweg zu wenig Rücksicht auf die speziellen Bedürfnisse einer studentischen Leserschaft. Für die Verwendung im universitären Seminarbetrieb ist das Buch daher nicht zu empfehlen.

Zwei Leitmotive prägen die Darstellung: Zunächst das Erstarken des monarchischen Staates im 17. Jahrhundert, dann die wachsende Entfremdung zwischen Staat und Gesellschaft im 18. Jahrhundert. Ungeachtet mancher Krisen und Rückschläge (Dreißigjähriger Krieg; Fronde) durchlief der Staat im ersten und zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts einen kontinuierlichen Konsolidierungsprozess, der unter Ludwig XIV. zum Abschluss kam. Ordnung und Stabilität im Innern sowie steigende Steuereinnahmen gestatteten dem Sonnenkönig eine dynamische, offensive Außenpolitik. Ludwig XIV. prägte das Selbstverständnis des monarchischen Staates weit über seinen Tod hinaus: Ungeteilte Machtfülle der Krone im Innern, Großmacht- und Hegemonialpolitik nach außen. Im Laufe des 18. Jahrhunderts erstarrte das politische System zusehends, während sich die Gesellschaft unaufhaltsam weiterentwickelte. Die Krone erkannte zwar, dass Reformbedarf bestand, doch einschneidende Reformen scheiterten am Widerstand der etablierten Eliten, die den Verlust ihrer Privilegien fürchteten. Der politische Stillstand bot einen scharfen Kontrast zur Dynamik im sozialen und wirtschaftlichen Bereich. In Frankreich wuchs ein wohlhabendes und gebildetes Bürgertum heran, das nach politischer Teilhabe und Modernisierung des Justiz- und Steuerwesens verlangte. Wie Collins zeigt, waren das Regierungssystem, die Justiz und das Steuerwesen in den 1780er Jahren völlig antiquiert. Mit der Einberufung der Generalstände setzte die Krone ungewollt einen Prozess in Gang, der rasch in eine Revolution mündete. Behutsame und begrenzte Reformen reichten nicht mehr aus, um die lähmende Staatskrise zu lösen. Der einzig gangbare Ausweg war ein konsequenter Bruch mit der alten Ordnung.

Unter den Bourbonen erreichte das französische Königtum den Höhepunkt seiner Macht. James Collins arbeitet heraus, was die Monarchie zunächst für Frankreich leistete und wie sie später versagte und scheiterte. Als Ludwig XIV. 1661 die Selbstherrschaft antrat, begann für das Königreich eine lange Phase der Stabilität und des inneren Friedens. Doch wie sich im 18. Jahrhundert zeigte, ist es von der Stabilität zur Stagnation nur ein kleiner Schritt. Der monarchische Staat, den der Sonnenkönig aufgebaut und seinen Nachfolgern hinterlassen hatte, wurde zum Hemmschuh für die Entwicklung der französischen Nation. Das Buch liest sich streckenweise zäh und trocken. Ein Vergnügen, ein Spaziergang ist die Lektüre nicht. Doch James Collins bietet seinen Lesern ein facettenreiches Bild monarchischer Herrschaft unter dem Ancien Régime. 

(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Mai 2018 auf Amazon gepostet)

Gespräche aus der Community

Bisher gibt es noch keine Gespräche aus der Community zum Buch. Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Welche Genres erwarten dich?

Community-Statistik

1 Bibliotheken

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freund*innen und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber*innen und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks