Der sogenannte Große Terror von 1937/38 gehört zu den düstersten Kapiteln der sowjetischen Geschichte. Lange Zeit gab es für die Ereignisse dieser beiden Jahre keine griffige Bezeichnung, weder in der Sowjetunion noch im Westen. Der Begriff Großer Terror wurde Ende der 1960er Jahre von dem britischen Autor Robert Conquest geprägt. Trotz einer schwierigen Quellenlage versuchte sich Conquest an einer Gesamtdarstellung der Säuberungsaktionen, von denen die sowjetische Gesellschaft Mitte der 1930er Jahre heimgesucht worden war. Wie sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigte, hatte Conquest allenfalls die Spitze des Eisberges wahrgenommen. Erst nach Öffnung der sowjetischen Archive wurden die ungeheuerlichen Dimensionen des Großen Terrors in ihrem vollen Umfang erkennbar. Zu den wichtigsten Erkenntnissen, die die Forschung im Zuge der "Archivrevolution" gewann, gehörte die Entdeckung der sogenannten "Massenoperationen" gegen Kulaken und andere "antisowjetische Elemente" sowie nationale Gruppen bzw. Minderheiten, die von der sowjetischen Führung als politisch unzuverlässig eingestuft wurden (englisch "mass operations", russisch "massovye operacii"). Vor der Öffnung der Archive waren diese Massenoperationen, die seinerzeit im Geheimen durchgeführt wurden, unbekannt. Heute steht fest, dass die meisten Opfer des Großen Terrors auf das Konto dieser beiden Massenoperationen gehen. Anders als jahrzehntelang angenommen, richteten sich die Säuberungen nicht hauptsächlich gegen die administrative und militärische Elite des Sowjetstaates sowie ehemalige Gegner Stalins innerhalb der Kommunistischen Partei. Partei- und Staatsfunktionäre, Generäle und Offiziere, Wirtschaftskader sowie vormalige Abweichler und Oppositionelle aus den Reihen der Partei machten prozentual gesehen nur einen geringen Teil der Opfer des Großen Terrors aus. Inzwischen ist klar, dass der Große Terror als Summe von mehreren zeitgleich stattfindenden Kampagnen zu verstehen ist, die sich gegen verschiedene Opfergruppen richteten und auf unterschiedliche Art und Weise durchgeführt wurden. Diese Vielfalt macht es so schwierig, dem Phänomen Großer Terror methodisch und darstellerisch beizukommen.
Seit Öffnung der sowjetischen Archive gehört der Große Terror zu den am intensivsten erforschten Aspekten der Stalin-Zeit. Zahlreiche russische und westliche Historiker haben in den letzten 25 Jahren dazu beigetragen, das Wissen über den Großen Terror zu erweitern und zu vertiefen. Die Literatur zu diesem Thema ist inzwischen kaum noch zu überschauen. Es fehlt an aktuellen Gesamtdarstellungen, die den heutigen Kenntnisstand zusammenfassen. Viele Einzeluntersuchungen zum Großen Terror wurden und werden in Sammelbänden veröffentlicht (siehe Literaturhinweise am Ende). An diesen Sammelbänden kommt niemand vorbei, der sich ernsthaft mit dem Großen Terror beschäftigen möchte. Der vorliegende Band "The Anatomy of Terror", herausgegeben von James Harris (University of Leeds), versammelt sechzehn Aufsätze. Sie stammen aus der Feder von jenen britischen und amerikanischen Historikern, die in jüngerer Zeit substantielle Beiträge zur Geschichte von staatlicher Repression und Gewalt in der Stalin-Ära beigesteuert haben. Nur wenige prominente Namen fehlen, etwa Paul Gregory und Hiroaki Kuromiya. Als einziger Historiker aus dem nichtanglophonen Raum ist der Franzose Gabor Rittersporn vertreten. Beiträge deutscher und russischer Historiker fehlen gänzlich. Der Band geht auf eine Tagung zurück, die im Sommer 2010 in Leeds stattfand. Jeder Kenner der Materie wird nach der Lektüre enttäuscht feststellen, dass der Band unser Verständnis vom Großen Terror nicht wesentlich voranbringt. Die meisten Autoren wiederholen und bekräftigen lediglich Befunde und Thesen, die sie schon in früheren Veröffentlichungen vorgetragen haben, seien es Bücher, seien es Aufsätze. Vier der sechzehn Beiträge sind sogar nur leicht überarbeitete Fassungen von Texten, die bereits an anderer Stelle publiziert wurden (Kapitel 9, 11, 13 und 14). Ein solches Maß an "Recycling" ist bei Sammelbänden eigentlich nicht üblich. "The Anatomy of Terror" wirkt über weite Strecken unoriginell. Nirgendwo überrascht der Band den Leser mit neuen Fakten oder neuen Versuchen, den Großen Terror zu deuten.
Die Beiträge behandeln Fragen, die seit langem kontrovers diskutiert werden und in einigen Fällen wohl nie befriedigend beantwortet werden können. Das heute zur Verfügung stehende Quellenmaterial ermöglicht viele Interpretationen des Großen Terrors, auch solche, die sich diametral widersprechen. Welchen Zwecken und Zielen dienten die Säuberungsaktionen; was sollte mit ihrer Hilfe erreicht werden? Waren sie von langer Hand geplant oder wurden sie eher spontan beschlossen? Waren die Massenrepressionen - so zynisch es auch klingt - eine rationale Strategie, um bestimmte Probleme zu beseitigen, oder entsprangen sie lediglich der pathologischen Gewalttätigkeit Stalins, des Diktators an der Spitze des Sowjetstaates? Warum begann der Große Terror ausgerechnet 1937 und zu keinem anderen Zeitpunkt? Warum wurde er im November 1938 abrupt eingestellt? Welche innen- und außenpolitischen Faktoren führten zu dem Entschluss Stalins und seiner Helfershelfer, hunderttausende Sowjetbürger töten oder in Zwangsarbeitslager sperren zu lassen? Erfolgte die Auswahl der Opfer gezielt oder willkürlich und zufällig? Wie sicher bzw. unsicher fühlte sich das Regime Mitte der 1930er Jahre, sowohl in Hinblick auf die eigene Bevölkerung als auch auf das Ausland? Dienten die Säuberungen dazu, eine potentielle fünfte Kolonne auszuschalten, bevor die Sowjetunion in einen Krieg verwickelt wurde? Das war die Erklärung, die Stalins langjähriger Vertrauter Wjatscheslaw Molotow im hohen Alter gegenüber dem Journalisten Felix Tschujew abgab. Oder ist der Große Terror als "social engineering" zu verstehen, als monströser Versuch, die Sowjetgesellschaft ein für allemal von "sozial schädlichen Elementen" zu befreien, für die im Sozialismus kein Platz vorgesehen war: Reste des Bürgertums und der Aristokratie; im Zuge der Zwangskollektivierung enteignete und in Straflager verbannte Bauern (Kulaken); Geistliche; Kriminelle und Obdachlose; ehemalige Amtsträger des zarischen Staates und Weißgardisten aus der Zeit des Bürgerkrieges? Übte das Moskauer Zentrum jederzeit eine straffe Aufsicht über die Säuberungsaktionen aus, oder geriet der Terror ab einem bestimmten Zeitpunkt außer Kontrolle? Ging die Initiative ausschließlich von Moskau aus, oder kam der Große Terror auf Druck der Parteiführer in den Provinzen zustande? Wie ist das Verhältnis zwischen Stalin und dem Leiter der Sicherheitsorgane Nikolai Jeshow zu bewerten? War Jeshow, seit 1936 Volkskommissar für Innere Angelegenheiten, nur ein Werkzeug in Stalins Händen, oder verfolgte er eigene Ziele, manipulierte er den Diktator? War der Große Terror ein qualitativ neues Phänomen, oder war er lediglich die perverse Steigerung von Repressionspraktiken, die von den bolschewistischen Machthabern seit der Revolutions- und Bürgerkriegszeit angewendet wurden?
Die sechzehn Aufsätze sind in Zweierpaaren angeordnet. Jedes Zweierpaar beleuchtet einen ausgewählten Aspekt des Großen Terrors aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Folgenden werden die einzelnen Beiträge kurz vorgestellt.
1. Iain Lauchlan befasst sich mit einem zentralen Akteur staatlicher Repression in der Sowjetunion, der Sicherheitspolizei. Er geht zurück in die Revolutions- und Bürgerkriegszeit und beleuchtet die Entstehung der Tscheka, aus der später die OGPU und der NKWD hervorgingen. Lauchlan betont die enge Symbiose zwischen Partei und Sicherheitsorganen seit Gründung des Sowjetstaates. Beide Akteure durchlebten eine gemeinsame Radikalisierung. Sie bestärkten sich gegenseitig in ihren paranoiden Vorstellungen, die obsessiv um die Bedrohung durch innere und äußere Feinde kreisten. Bis zum Großen Terror gab es eine auffällige personelle Kontinuität in den oberen Rängen der Sicherheitspolizei. Viele NKWD-Führer wiesen das auf, was Lauchlan die "Tschekisten-Mentalität" nennt: Personen und ganze Gruppen wurden nicht nach ihren Taten, sondern allein nach ihrer Herkunft und ihrer sozialen Zugehörigkeit beurteilt und als "feindlich" eingestuft. Die Tschekisten verstanden sich nicht als "normale" Polizei, sondern als militante Elite von Kämpfern, die sich dem Schutz der Partei und der Revolution verschrieben hatte. Der Tscheka und ihren Nachfolgeorganen ging es nicht um die Bestrafung von Tätern, die sich tatsächlich schuldig gemacht hatten, sondern um die Vernichtung von Feinden, egal ob diese aktiv gegen den Sowjetstaat auftraten oder nicht.
2. James Harris ist der Ansicht, dass 1937 für die Sowjetunion keine ernsthafte Bedrohung bestand, die den Einsatz massiver Gewalt nötig machte. Objektiv gesehen war der Staat weder von innen noch von außen akut bedroht. Harris sieht den Schlüssel zum Verständnis des Großen Terrors in der stark verzerrten subjektiven Wahrnehmung der Parteiführung und der Sicherheitsorgane. Seit der Revolution neigten die Bolschewiki und ihre Gesinnungsgenossen in den Sicherheitsorganen dazu, innere und äußere Bedrohungen aufzubauschen und zu überschätzen. Pauschal wurde den europäischen Staaten die Absicht unterstellt, bei nächstbester Gelegenheit einen Krieg gegen die Sowjetunion vom Zaun zu brechen. Diese auf einer amateurhaften Analyse der internationalen Beziehungen beruhende Fehleinschätzung hielt sich bis Mitte der 1930er Jahre. Verschlimmert wurde diese Fehlwahrnehmung durch die Annahme, im Kriegsfalle würden sich die inneren Gegner des Regimes mit den äußeren Feinden zusammentun. Ohne es explizit zu sagen, schließt sich Harris der Interpretation Molotows an, wonach die Säuberungen notwendig waren, um rechtzeitig vor einem Krieg alle politisch unzuverlässigen Kräfte auszuschalten.
3. Auch E.A. Rees ist der Auffassung, dass der Große Terror nicht als Reaktion auf eine innere Krise oder eine Bedrohung von außen zu verstehen ist. Das Fehlen einer Krise war seiner Meinung nach die Voraussetzung dafür, dass Stalin überhaupt umfangreiche Säuberungen durchführen konnte. In Anlehnung an Robert Conquest vertritt Rees die These, dass Stalin den Terror in Gang brachte, um seine Stellung als Diktator zu festigen. Stalin malte das Schreckgespenst einer akuten Bedrohung der Sowjetunion durch innere und äußere Feinde an die Wand, um sich derer zu entledigen, die seinem Anspruch auf unumschränkte Alleinherrschaft im Weg standen. Rees versucht sich an einer psychohistorischen Analyse und diagnostiziert bei Stalin eine paranoide und antisoziale Persönlichkeitsstörung. Er sieht in Stalin einen von Kontroll- und Herrschsucht getriebenen Psychopathen, der zur Steigerung und Sicherung seiner Macht hunderttausende Menschen in den Tod schickte. Daran ist zweierlei auszusetzen: Zum einen ist ein 17-seitiger Aufsatz nicht der geeignete Rahmen, um eine überzeugende psychohistorische Analyse vorzunehmen. Zum anderen erklärt ein allein auf Stalin fokussierter Ansatz nicht, wie tausende von Mitarbeitern des Sicherheits- und Justizapparates zu willigen Vollstreckern der Terrorpläne eines einzelnen Psychopathen werden konnten. Hinter dem Großen Terror stand eine gewaltige bürokratische Maschinerie, über deren Arbeit Rees kein einziges Wort verliert.
4. Arch Getty wiederholt in seinem Beitrag über den Sturz des Gebietsparteichefs von Jaroslawl, Anton Wainow, eine These, die er seit über 20 Jahren vertritt: Stalin schaltete die lokalen Parteichefs mitsamt ihren Cliquen und Netzwerken aus, weil sie sich dem Willen und den Weisungen des Zentrums wiedersetzten. Getty hält unverdrossen an dieser These fest, obwohl sie in der Forschung nach wie vor umstritten ist. Auch diesmal bietet Getty keine Belege dafür, dass die Beziehungen zwischen Moskau und den Provinzpotentaten 1937 so angespannt und konfliktbeladen waren, dass Stalin keine andere Möglichkeit sah, als die regionalen Parteiführer physisch zu vernichten.
5. Um die Massenoperationen der Jahre 1937/38 zu erklären, verweist David Hoffmann auf Trends und Entwicklungen in Europa und Russland, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hatten. Moderne Staaten gingen dazu über, bestimmte soziale Gruppen, etwa Kriminelle, als "unerwünscht" und "sozial schädlich" einzustufen. Diese Gruppen mussten isoliert und/oder repressiert werden, um die Gesellschaft zu schützen. Die zarische Autokratie und später die Bolschewiki griffen auf Mittel wie die Deportation politischer Gegner und "unzuverlässiger" Bevölkerungsgruppen zurück, um Staat und Gesellschaft zu "reinigen" und zu schützen. Hoffmann widerspricht Conquests These, Stalin habe mit dem Großen Terror versucht, die Sowjetbevölkerung einzuschüchtern und gefügig zu machen. Demgegenüber vertritt er die Auffassung, dass die massive Anwendung staatlicher Gewalt in den 1930er Jahren der sozialen Transformation diente. "Sozial gefährliche Elemente" sollten aus der neuen sozialistischen Gesellschaft entfernt werden. Mehrfach spricht Hoffmann in diesem Zusammenhang von "chirurgischer Gewalt" ("excisionary violence"). Er sieht in den Massenoperationen des Großen Terrors ein Beispiel für "social engineering", einen Versuch, die soziale Zusammensetzung der Gesellschaft durch Ausmerzung der Unerwünschten zu optimieren.
6. David Shearers Beitrag ist als Entgegnung auf David Hoffmann zu verstehen. Shearer bezweifelt, dass es Stalin und der sowjetischen Führung um "social engineering" ging. Er betont, dass das Regime massive Gewalt nicht planvoll und ohne konkreten Anlass einsetzte, sondern immer nur in Reaktion auf krisenhafte Zustände, die unvorhergesehen eintraten. Erstmals geschah das während der Zwangskollektivierung, als der Widerstand der Bauern gebrochen werden musste. Shearer verweist auf die chaotischen sozialen Verhältnisse, die nach der Kollektivierung und der forcierten Industrialisierung in der Sowjetunion herrschten (Stichwort "Treibsandgesellschaft"). Millionen entwurzelter und marginalisierter Menschen stellten aus Sicht des Regimes eine Bedrohung dar. Da die normale Polizei (Miliz) zu schwach war, um der sozialen Probleme Herr zu werden, betraute die Parteiführung den NKWD mit der Aufgabe, durch Massenrepressionen alle Gruppen zu beseitigen, die den Staat und das neue Wirtschaftssystem zu bedrohen schienen. Shearer sieht in den Massenoperationen von 1937/38 eine mit äußerster Brutalität durchgeführte Sicherheitsmaßnahme, die der Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse diente.
7. David Priestland vergleicht den Großen Terror mit späteren Beispielen von Terror in anderen kommunistischen Staaten (China, Kambodscha). Er unterscheidet drei Formen von kommunistischem Terror, von denen seiner Meinung nach zwei 1937/38 in der Sowjetunion Anwendung fanden: Die Repression der Führungseliten in Partei, Staat und Wirtschaft einerseits, die Entfernung von sozialen Außenseitern und Unerwünschten andererseits. Die Führungselite wurde Priestland zufolge liquidiert, weil sie aus Sicht Stalins "an Dynamik verloren" hatte und "träge geworden" war. Wirklich überzeugend ist die Auffassung nicht, dass Stalin tausende von Funktionären erschießen ließ, weil sie "träge" und "bequem" geworden waren. Die Ziele, die sich die Partei zu Zeiten des "Großen Umbruchs" 1929/30 gesetzt hatte, waren Mitte der 1930er Jahre im Wesentlichen erreicht. Priestland unterstellt, Stalin habe die Transformation der Gesellschaft "radikal" fortführen wollen. Wenn das zuträfe, dann hätte es nach Ende des Großen Terrors zu einer neuen "radikalen Dynamik" kommen müssen, was immer auch Priestland darunter versteht. Eine radikale Weiterentwicklung des Systems blieb jedoch aus. Damit fällt dieser Teil von Priestlands Argumentation in sich zusammen.
8. David Brandenberger hat den unergiebigsten Beitrag des Sammelbandes beigesteuert. Anhand der Entstehung des Lehrbuches zur Parteigeschichte, bekannt unter dem Titel "Kurzer Lehrgang", zeigt Brandenberger auf, dass es 1937 und 1938 "keine kohärente ideologische Deutung" des Terrors gab. Die Autoren des Lehrbuches, das auch die Parteigeschichte der unmittelbaren Gegenwart behandeln sollte, waren von der Aufgabe überfordert, der intendierten Leserschaft eine nachvollziehbare und schlüssige Erklärung für die Säuberungen im Partei-, Staats- und Wirtschaftsapparat zu geben. Auch Stalin verzichtete darauf, eine verständliche Erklärung für den Terror zu geben, als er das Manuskript des Buches persönlich überarbeitete. Was diese Tatsache zum besseren Verständnis des Großen Terrors beitragen soll, ist unklar. Warum hätte Stalin sein Kalkül ausgerechnet in einem Lehrbuch offenlegen sollen?
9. Ähnlich wie David Shearer wiederholt und bekräftigt auch Paul Hagenloh in seinem Beitrag Thesen, die er vor einigen Jahren in einer Monographie über Staatsgewalt und Repression in der Sowjetunion präsentiert hat. Hagenloh erinnert daran, dass 90% der rund 690.000 Todesurteile des Großen Terrors auf die sogenannten Massenoperationen entfallen. Wie Hagenloh ausführt, reichen die Wurzeln der Massenoperationen bis in die Bürgerkriegszeit zurück. Seit Gründung des Sowjetstaates wandten die Sicherheitsorgane im Auftrag der Partei extralegale Repression an, um politisch oder sozial missliebige Bevölkerungsgruppen in Schach zu halten. Die extralegale Repression während des Großen Terrors war kein Novum, sondern die Ausweitung und Steigerung von Praktiken, die seit langem zum Arsenal der bolschewistischen Diktatur gehörten.
10. Gabor Rittersporn befasst sich in seinem Beitrag mit dem Spannungsverhältnis zwischen Sicherheitsdienst und Justizapparat (Prokuratur). Mitte der 1930er Jahre erreichte die Prokuratur, dass die von den Sicherheitsorganen seit der Kollektivierung massenhaft praktizierte extralegale Repression stark eingeschränkt wurde. Mit Stalins Zustimmung wurden die Befugnisse des NKWD reduziert. Im Vergleich zu den Jahren der Kollektivierung und Entkulakisierung ging das Repressionsniveau deutlich zurück. Rittersporn bietet keine Erklärung oder wenigstens Hypothese für Stalins Entschluss vom Sommer 1937, extralegale Massenoperationen doch wieder anzuwenden. Er konstatiert lediglich, dass der Große Terror nicht von langer Hand geplant und vorbereitet wurde. Die Motive Stalins und der Parteiführung bleiben bei Rittersporn völlig im Dunkeln. Ebenso unbefriedigend ist Rittersporns Ansicht, dass es bei den Massenoperationen zu "wahlloser Verfolgung" kam. Mittlerweile belegen viele Forschungsarbeiten, dass die Auswahl der Opfer sehr wohl gezielt und nach bestimmten Kriterien erfolgte. Noch befremdlicher ist Rittersporns Feststellung, dass der Große Terror "kein Erfolg" war. Dieses Urteil setzt voraus, dass man weiß, was Stalin mit dem Terror eigentlich erreichen wollte. Dazu stellt Rittersporn aber keine Überlegungen an.
11. Matthew Lenoe wendet sich einem Ereignis zu, das als Initialzündung für den Großen Terror gelten kann: Dem Mord am Leningrader Parteichef Sergej Kirow im Dezember 1934. Lenoe greift auf sein Buch zum gleichen Thema zurück, das er vor einigen Jahren veröffentlicht hat. Stalin nutzte den Kirow-Mord für die endgültige Abrechnung mit seinen Widersachern aus der linken Opposition der 1920er Jahre (Sinowjew, Kamenew u.a.). Bestärkt durch die Einflüsterungen Nikolai Jeshows steigerte sich Stalin mehr und mehr in die Wahnidee hinein, dass eine gigantische Verschwörung innerer und äußerer Feinde ihn persönlich und den Sowjetstaat bedrohte. Über mehrere Etappen und Zwischenstufen (Kreml-Affäre 1935, Erster Moskauer Schauprozess Sommer 1936, Zweiter Schauprozess Anfang 1937) gelangte Stalin zu dem Entschluss, innere und von außen kommende Bedrohungen durch eine umfassende Säuberung auszuschalten. Mit der Betonung von Stalins paranoider Wahrnehmung liegt Lenoe auf der gleichen Linie wie andere Autoren des Bandes (Lauchlan, Harris, Rees).
12. In seinem zweiten Beitrag vertritt Arch Getty ebenfalls die These, dass der Große Terror nicht von langer Hand geplant, sondern erst in der ersten Jahreshälfte 1937 beschlossen wurde. Ausschlaggebend war Getty zufolge nicht die außenpolitische Großwetterlage, sondern die Innenpolitik. Wie schon in früheren Arbeiten behauptet Getty, dass die Gebietsparteisekretäre Druck auf Moskau ausübten und die Repression zahlreicher "Elemente" forderten, die als politisch feindselig eingestuft wurden. Aus Sicht der Provinzpotentaten waren vor allem aus der Verbannung heimkehrende Kulaken ein Problem. Den Kulaken wurde unterstellt, dass sie die neue Verfassung und das neue Wahlrecht missbrauchen würden, um ihren enteigneten Besitz zurückzufordern und bei den bevorstehenden Sowjetwahlen gegen die Partei zu agitieren. Stalin gab schließlich dem Druck aus den Provinzen nach und genehmigte die Massenoperationen, die im August 1937 begannen. Getty vertritt die These, der Große Terror sei auf Initiative "von unten" zustande gekommen, seit 25 Jahren, wenn nicht sogar noch länger. Kritik an seiner Position lässt ihn bis heute vollkommen unbeeindruckt. Dabei haben neueste Forschungen gezeigt, dass die Initiative zum Großen Terror von Moskau ausging, von Stalin persönlich.
13. Wendy Goldman hat für ihren Aufsatz ebenfalls Material aus einem ihrer Bücher "recycelt". Goldman schildert, wie die Betriebszeitungen zweier Moskauer Fabriken die Hexenjagd auf "Schädlinge" und "Volksfeinde" befeuerten. Die Repression von "Schädlingen" und "Saboteuren" erfolgte nach anderen Mechanismen als die Massenoperationen gegen Kulaken und nationale Minderheiten. Die Säuberungen in den Betrieben wurden nicht von der Partei gesteuert und kontrolliert. Ihre tödliche Dynamik gewannen die Säuberungen durch eine Welle von Denunziationen, die losbrach, nachdem die Parteiführung zur Jahreswende 1936/37 das Signal zur Jagd auf "Schädlinge" und "Diversanten" gegeben hatte. In den Betrieben begann ein Krieg aller gegen alle. Goldman bietet dafür Beispiele von beklemmender Anschaulichkeit.
14. Ebenfalls als Fallstudie ist der Beitrag von William Chase angelegt. Chase untersucht an zwei Beispielen Denunziationen und Säuberungen in der Parteiorganisation des Komintern-Exekutivkomitees (EKKI).
15. In einem eher "technisch" angelegten Beitrag geht Stephen Wheatcroft der Frage nach, wie verlässlich die Statistiken des NKWD sind, auf denen unsere heutige Kenntnis der Opferzahlen des Großen Terrors beruht. In den Jahren 1937 und 1938 wurden 1,5 Millionen Menschen verhaftet, von denen rund 690.000 zum Tode verurteilt wurden. Schon bald nach Bekanntwerden dieser Zahlen in den frühen 1990er Jahren wurden Zweifel laut, ob man den internen Daten des NKWD trauen dürfe. Wheatcroft skizziert die Geschichte der Statistikabteilung der sowjetischen Sicherheitsdienste und legt dar, wie die Daten über Repressionen gesammelt und verarbeitet wurden.
16. Melanie Ilic wertet die inzwischen sehr umfangreiche Literatur über die Säuberungen in Leningrad aus. Im Rahmen der beiden Massenoperationen (gegen Kulaken und "antisowjetische Elemente" zum einen; gegen "politisch unzuverlässige" nationale Gruppen zum anderen) wurden bis Herbst 1938 in Stadt und Region (Oblast) Leningrad rund 35.700 Menschen zum Tode verurteilt und erschossen (davon 4,8% Frauen).
Alles in allem hinterlässt der Sammelband keinen zufriedenstellenden Gesamteindruck. Er bringt die Forschung zum Großen Terror allein schon deshalb nicht voran, weil die meisten Beiträge lediglich zweite und dritte "Aufgüsse" von früheren Arbeiten der Verfasser sind. Kenner der Materie werden dem Buch daher kaum etwas Neues entnehmen können. Das Buch ist nur für einen kleinen Kreis von Fachleuten geeignet, die genug Vorkenntnisse mitbringen, um die einzelnen Beiträge angemessen verarbeiten zu können. Der Band bietet genau genommen nicht mehr als eine Bestandsaufnahme aktueller Kontroversen im Zusammenhang mit dem Großen Terror, und bei den Kontroversen handelt es sich mehrheitlich um solche, die in der englischsprachigen Forschung geführt werden, weniger in Deutschland, Frankreich und Russland. Dazu passt, dass sich die Literaturhinweise am Ende des Bandes fast ausschließlich auf englischsprachige Titel beschränken. Bedauerlich ist der Verzicht auf ein resümierendes Abschlusskapitel, in dem alle Beiträge einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Leser, die auf ihre Fragen eindeutige Antworten haben wollen, dürften nach der Lektüre eher ratlos zurückbleiben. Zu viele Beiträge befassen sich mit den Massenoperationen der Jahre 1937/38, während andere Kampagnen des Großen Terrors unterbelichtet bleiben. Positiv hervorzuheben ist aber, dass der Große Terror nicht als isoliertes Ereignis dargestellt, sondern konsequent in die Gewaltgeschichte des bolschewistischen Regimes seit 1917/18 eingeordnet wird.
Seit den frühen 1990er Jahren sind zahlreiche Sammelbände zum Großen Terror und zu den Säuberungen unter Stalin erschienen. Sie seien abschließend genannt:
J. Arch Getty/Roberta T. Manning (Hrsg.): Stalinist Terror. New Perspectives, 1993.
Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936-1953, 1998.
Wladislaw Hedeler (Hrsg.): Stalinscher Terror 1934-41. Eine Forschungsbilanz, 2002.
Barry McLoughlin/Kevin McDermott (Hrsg.): Stalin's Terror. High Politics and Mass Repression in the Soviet Union, 2003.
Melanie Ilic (Hrsg.): Stalin's Terror Revisited, 2006.
Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hrsg.): Verbrechen im Namen einer Idee. Terror im Kommunismus 1936-1938, 2007.
Rolf Binner/Bernd Bonwetsch/Marc Junge (Hrsg.): Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938. Die Massenaktion aufgrund des operativen Befehls 00447, 2010.