Jamil Jan Kochai

 3,7 Sterne bei 6 Bewertungen
Autor*in von 99 Nächte in Logar, Die Heimsuchung des Hadschi Hotak und weiteren Büchern.

Lebenslauf

JAMIL JAN KOCHAI wurde in einem afghanischen Flüchtlingscamp in Pakistan geboren, ist aufgewachsen in den USA. Sein Roman "99 Nächte in Logar" stand auf der Shortlist des PEN/Hemingway Award für das beste Debüt und war nominiert für den DSC Prize for South Asian Literature. Mit dem Erzählband "Die Heimsuchung des Hadschi Hotak" stand er auf der Shortlist des National Book Award und gewann den Aspen Words Literary Prize sowie den Clark Fiction Prize. Kochai lehrt Kreatives Schreiben an der California State University, Sacramento.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Jamil Jan Kochai

Cover des Buches 99 Nächte in Logar (ISBN: 9783442770458)

99 Nächte in Logar

(4)
Erschienen am 11.01.2021
Cover des Buches Die Heimsuchung des Hadschi Hotak (ISBN: 9783630878027)

Die Heimsuchung des Hadschi Hotak

(1)
Erschienen am 11.06.2025

Neue Rezensionen zu Jamil Jan Kochai

Cover des Buches Die Heimsuchung des Hadschi Hotak (ISBN: 9783630878027)
Thomas_Lawalls avatar

Rezension zu "Die Heimsuchung des Hadschi Hotak" von Jamil Jan Kochai

Thomas_Lawall
Intensität und Tempo

Natürlich weiß man vorab in etwa, bevor man sich für ein bestimmtes Buch entschieden hat, um was es sich inhaltlich handelt. Auch dass es sich um Erzählungen handelt, ist klar, und doch gibt es etwas, womit man, zumindest in der ersten, auf gar keinen Fall gerechnet hat.

Den Rahmen der Erzählung bildet "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain", ein Computerspiel aus der Metal-Gear-Solid-Reihe. Das 2015 erschienene (und 1984 spielende) Spiel ist das erste dieser Reihe im Open-World-Design, was Jamil Jan Kochai nicht unerwähnt lässt.

Schauplätze der Handlung sind Afrika und Afghanistan, wobei sich hier der Kreis zu einem Zusammenhang schließt. Realität und Spiel gehen eine gewisse Verbindung ein. Schließlich gilt es, zwei Familienmitglieder aus Feindeshand zu befreien, um sie vor Folter und Tod zu bewahren.

In der zweiten Erzählung lernen wir Dr. Yusuf Ibrahimi kennen, welcher seit dem Tod seines Vaters kein "Salat" mehr gesprochen hat. Nicht nur an dieser Stelle erweist sich das Glossar am Ende des Buches als sehr hilfreich. Mit seiner Frau Amina arbeitet er in einem Kabuler Krankenhaus, stets in wechselnden Schichten.

"Ihre Leben schienen wie zwei alternierende Monde um das Krankenhaus zu kreisen."

Schlimmste Kriegsverletzungen und das damit unvorstellbare Leid sind kaum zu ertragen. Sie leben gezwungenermaßen nebeneinander her und der grauenhafte Alltag im Krankenhaus fordert seinen Tribut.

"Sie glichen müden Pilgern, die auf der Suche nach Land auf die See hinausgeschickt worden waren."

Nicht weniger intensiv als die erste Erzählung, steigert sich die zweite dennoch in eine furchtbare Eskalation, die sich schließlich als Stand der Dinge und dessen Folgen relativiert.

Obwohl es eigentlich längst genug ist, begegnen wir in "Genug" Rangeena, die es gerade mit einer Strafpredigt ihres Sohnes, einem "Unmenschen", zu tun hat. Jener Rangeena, die einst mit 15 Jahren die Ehe mit einem sechzigjährigen Nomaden eingehen musste.

Oder Miriam, die sich nach einem entstellenden Säureangriff ihres Mannes eine ganz besondere Art der Kommunikation ausdachte.

"Die Heimsuchung des Hadschi Hotak" in einfachen Worten zu beschreiben ist kaum möglich, schließlich schafft es der Autor nicht mal selbst, indem er seiner innigen Liebe zum Schachtelsatz freies Geleit gewährt, aber dennoch einen Versuch wert.

Migration, neue Heimat, Krieg, zerbrochenes Seelenleben, panische Flucht und Verfolgung in der Heimat sowie in der neuen, die unvermeidlichen Wechselwirkungen der Traditionen und der Gegenwart, aber auch so etwas wie Hoffnung, sind die Themen des Buches, sowie die unvermeidlichen Auswirkungen, die sich in diesem Fall und aus gutem Grund gelegentlich ins Phantastische dehnen.

Schließlich folgen einem die erlebten Traumata wohl bis ans Ende der Welt, was Jamil Jan Kochai mit einer Feder aus Intensität und Tempo, auch vor dem Hintergrund der Kriegserfahrungen in der eigenen Familie, immer wieder unterstreicht, sowie nicht davor zurückschreckt, das eine oder andere Rätsel aufzugeben.

Die unglaubliche Vielfalt an Metaphern, landestypischen Verweisen, zwischenmenschlichen Untiefen, sowie das vielleicht nur vordergründig überzogen wirkende phantastische Element entschlüsselt zu haben, würde der Rezensent niemals behaupten.

Das macht aber nichts, denn der Zweck des Buches ist ein anderer.



Cover des Buches 99 Nächte in Logar (ISBN: 9783442770458)
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Rezension zu "99 Nächte in Logar" von Jamil Jan Kochai

ninanorvald
Nett für Zwischendurch

"99 Nächte in Logar" von Jamil Jan Kochai umfasst 320 Seiten und ist im Januar 2021 im btb Verlag erschienen. Übersetzt wurde das Buch aus dem amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. Das Cover und der Klappentext hat mich sehr neugierig gemacht, auch dass ich vorher noch nichts über dieses Buch gehört habe, was ich im Nachhinein sehr unverständlich finde. Denn dieses Buch zeigt einen tollen Einblick in eine komplett andere Sichtweise der afghanischen Kultur. Ganz so viel über die Geschichte möchte ich euch nicht erzählen, denn ich möchte ja niemanden spoilern. Man sollte auf jeden Fall offen sein für die afghanische Kultur. Besonders gut hat mir die Figur des Marwand gefallen, denn man konnte einen schönen Einblick in sein Leben und seine Sichtweisen gewinnen. Der flüssige Schreibstil hat es mir sehr einfach gemacht, dass Buch relativ zügig zu lesen. Ein Highlight war für mich auch, dass Marwand zwar aus seiner kindlichen Sicht erzählt hat, aber dafür häufig Erwachsene Worte gewählt hat. Zum Ende hin war die Geschichte zwar ein wenig verwirrend, aber das Buch war wirklich interessant.

Cover des Buches 99 Nächte in Logar (ISBN: 9783442770458)
M

Rezension zu "99 Nächte in Logar" von Jamil Jan Kochai

M.Lehmann-Pape
Jugendlicher sein im Afghanistan der Gegenwart

Jugendlicher sein im Afghanistan der Gegenwart

 

Aus der Ferne weiß man nicht allzugleich aus dem Inneren von Land und Kultur.

 

Taliban. Krieg. Russland über Jahre im Land, amerikanische Truppen nach 2001, Terror, Zerstörung von Kunstwerken der Menschheit, NATO Einsatz, all diese Stichworte ergeben ein Bild eines zerrissenen, armen, gebeutelten Landes, das irgendwie „rückständig“ zu sein scheint.

 

Das aber Menschen unter erschwerten Umständen auch „ganz normal“ ihren Alltag leben, dass eine lange Kulturgeschichte, auch Möglichkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung in Afghanistan möglich wären, das fällt in der öffentlichen Berichterstattung ein stückweise unter den Tisch. Afghanistan im Inneren besteht nicht nur, aber eben auch, aus Warlords und dem ständigen Ringen um die eigene Macht und den eigenen Vorteil.

 

Das ist die Atmosphäre, in der Marwand, 12 Jahre alt, gewitzt, mit Sehnsucht  ausgestattet, seinen Weg sucht und mit seinen Freunden zur Jagd aufbricht.

 

Und das ist nicht unbedingt ein Jagdausflug unter Hobby Jägern, sondern notwendig, einerseits, aber auch ein Abenteuer guter Freunde, andererseits. Denn was die Menschen in Afghanistan als eine der Grundlagen des Lebens betrachten und leben ist die Gemeinschaft. Ohne einander zu helfen und beizustehen würde keiner für sich alleine in all den Einschränkungen und Gefahren gut durchkommen.

 

„Agha hatte sein eigenes Anwesen…..Der Großteil seiner Familie war jedoch im Krieg geflohen oder umgekommen und sein Anwesen war voller ferner Verwandter, denen er nicht wirklich traute“.

 

Das ist eben die andere Seite der Medaille. Wo man einander braucht, und den Alltag in unsicheren Zeiten zu bestehen, da muss man auch aufpassen, dass man nicht „über den Tisch gezogen“ wird oder dem Feind angedient für mögliche Vorteile anderer.

 

Und dennoch setzt sich die kindliche Lust am Leben, am Abenteuer, die emotionalen Aufregungen in Marwands und seiner Freunde leben durch. Intensiv und atemlos folgt man den Beschreibungen der Jagd, dem Erleben der Jungen.

 

„Ich versteckte mich noch zwischen den Büschen und Feldern und versuchte verzweifelt die Scheiße aus meinen Kleidern zu reiben“.

 

Gelegenheit auch, und das sind teils die eigentlichen Einblicke in die Seele des Landes, sich Geschichten zu erzählen. Die weniger poetisch als in „1001 Nacht“ des Weges daherkommen, aber sehr praktisch und griffig das Befinden der Menschen auf den Punkt bringen.

 

„Die Geschichte der Geschichte von Marena und dem Scheisse fressenden Dschinn“ ist so eine Geschichte in der Geschichte, mittels derer Kochai den Leser vertraut macht mit dem Leben und den Sehnsüchten in Afghanistan.

 

Oder die „Geschichte vom alten Hund“, die Marwand mit Schmerz und einem fehlenden Körperteil zurückgelassen hat.

 

99 Nächte sind es, die auf die Tage der Jagd folgen, in denen Geschichten aus dem Leben und aus Wunschträumen und der Realität gefärbt sich finden.

 

Inmitten einer Vielzahl von Figuren (bei denen man durchaus leicht, gerade zu Anfang, den Überblick verlieren kann) und Orten und Ereignissen, die nicht immer faszinieren, aber im Gesamten doch ein stimmiges Bild vom Aufwachsen in Afghanistan erzeugen. Inmitten von Krieg, Bomben, Misstrauen und drohender Gewalt bewahren sich de Jugendlichen ihre Fantasie, haben ganz handfeste Träume („Erzähl mir eine Geschichte aus Amerika“) und lernen von früh an, dass man als Mensch immer „Teil der anderen“ ist. Im Guten wie im Schlechten.

 

Dass Kochai gerade nach dem temporeichen Beginn und vor dem anregenden Finale nicht immer Spannung erzeugt in den vielen Geschichten, die einander erzählt werden und das ganze auch hier und da dazu drängt, einige Seiten einfach zu überschlagen, das erschwert die Lektüre aber doch auch. Zu ausschweifend und zu sehr verliebt in das ein oder andere Motiv einer Geschichte lässt die Spannung teils zu sehr abflauen.

 

Dennoch. Im Gesamten, eine empfehlenswerte Lektüre, weil Kochai immer wieder die Augen öffnet und wichtige Momente Afghanistans nachvollziehbar und packend darstellt.

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