Jan-Werner Müller

 4.2 Sterne bei 6 Bewertungen
Autor von Das demokratische Zeitalter, Was ist Populismus? und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Jan-Werner Müller

Was ist Populismus?

Was ist Populismus?

 (1)
Erschienen am 11.04.2016
Ein gefährlicher Geist

Ein gefährlicher Geist

 (1)
Erschienen am 01.12.2007
Das demokratische Zeitalter

Das demokratische Zeitalter

 (2)
Erschienen am 01.01.2013

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Rezension zu "Was ist Populismus?" von Jan-Werner Müller

Wer ist das Volk und wer darf es repräsentieren?
Aliravor 2 Jahren

Rechtspopulistische Parteien sind nicht nur in Europa im Aufschwung.

Der Autor widerspricht zunächst dem Vorurteil, dass Anhänger populistischer Parteien hauptsächlich aus ungebildeten, unterprivilegierten Schichten kämen und Modernisierungsverlierer seien - damit mache man es sich zu einfach.

Populisten erkennt man an zwei klaren strukturellen Elementen: an ihrer Abgenzung gegen Eliten, und an ihrem Anspruch, den kleinen Mann – also das eigentliche Volk – zu vertreten.

Die Berufung auf den Willen des einfachen Volkes wirkt demokratisch. Und tatsächlich glauben auch manche, dass populistische Bewegungen der Demokratie gut tun könnten, weil sie Verfahren direkter Meinungsbildung unterstützten.

Aber das, sagt Müller, sei ein frommes Missverständnis. Populisten gehen davon aus, die einzig legitimen Vertreter eines einzigen Volkswillens zu sein.
Diese Haltung sei zutiefst antipluralistisch und damit auch antidemokratisch. Denn das Wesentliche an der Demokratie ist Pluralismus, die Teilhabe und Repräsentation auch von Minderheiten.

Genau dies aber wird von Populisten nicht beachtet. Es gehe ihnen auch nicht um Partizipation und – einmal an der Macht – setzen sie daher auch klare Herrschaftstecniken ein. Alle diese Herrschaftstechniken – Inbesitznahme des Staates, Klientelismus, Diskreditierung der Opposition – sind von etwas gekennzeichnet, das auch als “diskriminierender Legalismus” bezeichnet wird.

Gegenüber politischen Gegnern wird das Recht bis in die feinsten Details angewandt. Gegenüber den politisch Genehmen gilt normales Recht bzw. man versucht, Ausnahmeregeln und Begünstigungen festzuschreiben. Das Bedienen der eigenen Klientel fällt umso leichter und dreister aus, als es ja im Namen des wahren oder richtigen Volkes geschieht. Beispiele dafür gibt es genug: von Österreichs Jörg Haider bis hin zu Venezuelas Expräsident Hugo Chávez.

J-W Müller weist darauf hin, dass Demokratie selbst  institutionalisierte Unsicherheit sei, ein permanentes Aushandeln der Legitimität von Teilhabe und Ansprüchen. Das Paradox der Demokratie bestehe darin, dass die Feststellung, wer dazu gehört, wer mitreden darf, nie ganz endgültig gelöst werden könne.

Wie soll man also dem Populismus begegnen?
Mit demokratischen Mitteln. Ausschluss und Verbot seien nicht die richtigen Maßnahmen. Man müsse verstehen, was den Populismus antreibt und statt moralisch zu diskreditieren, sollten liberale Demokraten erst einmal diskutieren, und sei es nur, um Fakten gerade zu rücken.

Das Buch verweist auch auf die mit dem Linkspopulismus verbundenen Hoffnungen. Es liefert eine Analyse der wesentlichen Elemente des Populismus und erklärt die Logik, die allen populistischen Parteien gemensam ist und zu dem Ergebnis führt, dass eine große Gruppe eine kleinere drangsaliert.

Resümee: Das homogene Volk an sich gibt es nicht, und auch wenn der Name es nahelegen könnte: Demokratie ist nicht populistisch - Demokratie ist pluralistisch.

Das demokratische Wir ist immer im Werden.

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hproentgens avatar

Rezension zu "Das demokratische Zeitalter: Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert" von Jan-Werner Müller

Politische Ideen und ihre Wirkung
hproentgenvor 5 Jahren

Jan-Werner Müller will die politischen Ideen und ihr Zusammenspiel mit den politischen Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts untersuchen. Keine reine Ideengeschichte also, sondern:

 

»Um ein solches Verständnis zu gewinnen, dürfen wir uns nicht mit den vorliegenden Darstellungen der Entwicklung bedeutender politischer Philosophen des europäischen 20. Jahrhunderts begnügen. Wir sollten uns vielmehr auf das konzentrieren, was sich zwischen dem mehr oder weniger akademischen politschen Denken auf der einen Seite und der Schaffung (und Zerstörung) politischer Institutionen auf der anderen Seite abspielt. Mit einem Wort: Wir müssen jene politischen Theorien erfassen, die politisch folgenreich waren.«

 

So beginnt er konsequenterweise mit dem klassischen Liberalismus der Epoche vor dem ersten Weltkrieg. Ein ungebrochener Fortschrittsglaube, der Staat in den Händen verantwortungsvoller Parlamentarier, die freilich nur von einem Teil der Gesellschaft gewählt wurden. Denn der Plebs würde, gäbe man ihm die Macht, die Gesellschaft zerstören. Das galt auch für die Frauen, denen die Fähigkeit zum Wählen, geschweige denn gar zum Regieren, rundweg abgesprochen wurde. Monarchien begründeten sich aus Gott und Aristokratie.

 

Diese Vorstellungen zerstörte der erste Weltkrieg. Den alten Eliten und dem Liberalismus der Vorkriegszeit war es nicht gelungen, den Krieg zu verhindern, geschweige denn, dass die Probleme der Gesellschaften zu lösen.

 

Auf diesem Hintergrund entstanden verschiedene politische Bewegungen samt Theorien, die den klassischen Liberalismus der Vorkriegszeit ersetzen wollten. Mussolinis Faschisten, die Nazis, die Kommunisten, klerikale Regime wie die von Franco und Salazar, Nationalstaaten, die ein einheitliches Volk mit einheitlichem Willen schaffen wollten. Sie alle benötigten Ideen, die sie legitimieren würden, aber auch die Ausgestaltung ihrer Politik prägten. Allen gemeinsam war, dass sie sich auf das Volk beriefen, dass sie, auch wenn sie nicht demokratisch waren, sich einen demokratischen Anschein geben wollten.

 

Zugleich waren die Staaten im Krieg immer mächtiger geworden. Dass das deutsche Reich Lenin als Vorbild für seinen Sozialismus diente, lag auch daran, dass sich dieses Reich während des Krieges zu einer riesigen Maschine, einer Bürokratie entwickelte, die eine Macht beanspruchte, die vor dem Krieg kein Staat innehatte. Das galt auch für die anderen Staaten im Krieg.

 

Müller untersucht die verschiedenen Ideen und Theorien, die zwischen den Weltkriegen aufkamen und die, die nach dem Krieg erst prägend für Westeuropa, später auch für Osteuropa wurden. Sein Buch liest sich gut, wenn er sich am Anfang bei Max Weber auch sehr in Details verliert, die vielleicht Wissenschaftler interessieren mögen, für Otto Normalleser aber weit hergeholt erscheinen. Doch das gibt sich bald, denn der Autor versteht es, in den folgenden Kapiteln verständlich und stringent seine Thesen zu entwickeln.

 

Und deren zentrale ist: Es ist kein Zufall, dass sich nach dem ersten Weltkrieg alle möglichen Ideologien Boden gewannen. Aber das zwanzigste Jahrhundert ist nicht das Jahrhundert der blutigen Ideologien, wie es oft dargestellt wird. Es ist auch ein Jahrhundert der Demokratien. Wie sie sich entwickelten, welche Strukturen und Ideen dafür prägend waren, kann das Buch spannend darstellen. Etwa die Bedeutung von Verfassungsgerichten, die nicht gewählt werden, aber einen ganz zentralen Baustein heutiger europäischer Staaten bilden.

 

Für die Nachkriegszeit legt er den Schwerpunkt auf die Christdemokraten. Das ist sicher richtig, denn Adenauer, de Gaspari, Schuhmann waren Christdemokraten. Und die Christdemokraten hatten ideengeschichtlich den weitesten Weg zurückzulegen. Der klassische Katholizismus, auch der politische, stand schließlich bis zum Ende des zweiten Weltkriegs der Demokratie sehr distanziert gegenüber. Es ist der Verdienst der christdemokratischen Parteien, dass das heute ganz anders ist und Müller schildert auch, welche Theoretiker und welche Ideen diesen Weg ebneten.

 

Interessant ist sein Kapitel über das, was als „68er“ berühmt wurde. Sehr richtig weist er darauf hin, dass die Hochzeit dieser Bewegung nicht 1968 stattfand, sondern in den Siebziger Jahren. Aber er tut sich schwer, eine prägende Theorie für diese Bewegung zu finden. Im Kapitel „Theorie? Nein danke!“ versucht er über Agnoli und Marcuse eine Theorie des Jugendprotestes zu finden, gibt dann aber zu, dass „Autonomie“ wohl der Kernbegriff dieser Bewegung war (und die Revolutionierung des Alltagslebens), sich aber eine einheitliche Theorie nicht finden lässt. Was natürlich einen ganz neuen Blick darstellt. Immerhin gab es wenige Bewegungen, die so verzweifelt versucht haben, eine politische Theorie für sich zu schaffen – und damit immer wieder aufs neue scheiterten.

 

Was in Müllers Buch völlig fehlt, ist die Sozialdemokratie. Stalinismus und Faschismus, Christdemokratie und klassichen Liberalismus schildert er. Doch die Sozialdemokratie lässt er fast völlig weg. Warum? Dass es die Christdemokraten waren, die nach dem Krieg zunächst die Macht innehatten, kann kein Grund sein, schließlich wurden diese durch die Konkurrenz mit Sozialdemokraten geprägt; viele politische Ideen der C-Parteien sind mehr oder minder gelungene Kopien sozialdemokratischer Ideen. Die „soziale Marktwirtschaft“ wäre ohne konkurrierende Sozialdemokraten (und kommunistischen Block) nie entstanden.

 

Doch sieht man von diesem blinden Fleck ab, ist das Buch ein ebenso lesenwertes wie lehrreiches Werk und ein Beispiel dafür, wie lebendig Wissenschaft sein kann – und wie unterhaltsam.

 

Leseprobe


 Das demokratische Zeitalter, Politisches Sachbuch, Jan-Werner Müller, Suhrkamp, 2013

ISBN-13: 978-3-518-58585-6, gebunden, 509 Seiten, Euro 39,95 (Ebook: Euro 34,99)

 

 

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Rezension zu "Das demokratische Zeitalter" von Jan-Werner Müller

Rezension zu "Das demokratische Zeitalter" von Jan-Werner Müller
WinfriedStanzickvor 6 Jahren

Der 1970 geborene Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte in Princeton, Jan-Werner Müller, legt mit diesem auch für Nichtwissenschaftler sehr gut lesbaren Buch eine umfassende Studie des politischen Denkens in Europa vor. Er nimmt den ganzen Kontinent in den Blick und beschreibt die Zeit zwischen 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Staaten des kommunistischen Blocks nach dem Jahr 1989.

Es ist ein historisches Buch, das sich liest wie ein Lesebuch. Eine Mischung von Geistesgeschichte und Kulturgeschichte, die durch die Integration von lebendigen und aufschlussreichen biographischen Notizen zu wichtigen Personen und Denkern dieser Epoche enorm aufgelockert wird.

Die maßgeblichen politischen Ideen und Menschen, die eine Zeit politischer Extreme zwischen 1918 und 1945 geprägt haben mit einer ungeheuerlichen Zerstörungsgewalt, werden ebenso beschrieben wie die Ideen und Schulen, die das Europa nach 1945 geprägt haben, Max Weber etwa, die Frankfurter Schule und viele andere.

Die Haupterkenntnis des Buches ist, dass sich die Christdemokratie als die wichtigste und bedeutendste politische Strömung im Westeuropa nach 1945 erweist. Müller zitiert am Ende einen nichtkommunistischen Linken als Fazit: „Der Totalitarismus stellt den Versuch dar, sich ein für alle Mal Gewissheit in der Politik zu verschaffen. Demokratie aber ist institutionalisierte Ungewissheit.“ (Lefort)

Nicht leicht durchzuhalten für einen demokratischen Politiker, der in einer extrem verunsicherten Bevölkerung genau dies niemals ehrlich zugeben darf, will er nicht sofort von der Bildfläche verschwinden. Wir werden diesen Gegensatz zwischen angeblich sicheren politischen Konzepten und einem Handeln wie es Angela Merkel zur Perfektion entwickelt hat, in diesem Wahljahr noch häufiger erleben. Dass niemand mehr in Westeuropa jedenfalls vor einem Rückfall in alte Konzepte, die nur Elend gebracht haben über die Menschen und Völker, mehr Angst haben muss, erfüllt den Rezensenten nach der Lektüre dieses Buches mit Dankbarkeit.

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