Rezension zu "Wie man eine Frau vergisst" von Dan Lungu
"Der Keim des Niedergangs einer Beziehung ist immer sichtbar, schon vom allerersten Moment an."
Dieser Satz stammt nicht von Dan Lungu, aber hätte sein Protagonist Andi zu Beginn seiner Beziehung mit Marga genau hingsehen, hätter er das Ende der Liaison vorhergesehen. Denn genau so aprupt und ohne Vorwarnung wie sie in sein Leben gestolpert ist, ist sie auch wieder verschwunden. Bei Andi und Marga ist es weder Liebe auf den ersten Blick noch eine schrittweise Annäherung mit wachsenden Gefühlen. Vielmehr setzt sich Marga aus einer Laune heraus auf Andis Schoß und küsst ihn. Dabei geht es ihr nicht um ihn, Andi ist einfach da, und wäre durch jeden beliebigen Mann ersetzbar. Andi, der nicht nur chronisch pleite, sondern auch dem Alkohol sehr zugetan ist, lässt es einfach geschehen und hinterfagt seine Rolle nicht. Diese Passivität ist Teil seines Charakters.
Marga, die Tochter ehemaliger hochrangiger Parteigenossen, ist eine oberflächliche und egoistische "Prinzessin", die daran gewöhnt ist, dass alle nach ihrer Pfeife tanzen und für die der Inhalt ihres Kosmetikkoffers überlebenswichtig ist. Da wundert es nicht, dass diese Beziehung scheitert. Man erfährt auch einiges über Andis Ex-Freundinnen und merkt, dass er nie ein besonders glückliches Händchen bei der Wahl seiner Frauen hatte.
Als Marga Andi schließlich verlässt, erledigt er zwar ein paar Telefonate, aber er sucht nicht nach ihr und reflektiert die Beziehung auch nicht. Er sieht sich als Opfer der Umstände und denkt sogar Gott hätte ihn am Kieker. Letzteres wird durch seine neu gewonnen Freundschaft zu Seth, einem Baptistenprediger verstärkt. Aus Geldmangel zieht er bei Seth ein und lernt dessen christliche Gemeinde kennen, was Andi sehr gelegen kommt, soll er doch für die Zeitung, für die er arbeitet eine Reportage über Baptisten schreiben.
"Im Namen des Herrn" erlebt Andi abenteuerliches und wird sogar verprügelt. Und auf einmal denkt Andi Gott hätte ihn dazu berufen für ihn zu arbeiten. Wird er auf die Stimme hören?....
Das Buch spielt in Rumänien in der Nachwendezeit. Doch der Kommunismus hinterlässt tiefe Wunden. Die Armut und Verzweiflung der Menschen ist spürbar. Das kommt im Buch sehr gut rüber.
Die Geschichte wird in Ich-Form aus Andis Perspektive erzählt. Zwischendurch gibt es Kapitel, die in der 3. Person geschrieben sind, aber ebenfalls aus Andis Perspektive erzählt werden, der Grund dessen erschloss sich mir nicht. Zuerst dachte ich, es wären Rückblenden, aber das war nicht der Fall. Vielleicht genießt Lungu einfach das Spiel mit den Perspektiven genauso, wie das Spiel mit den Wörtern.
Zweifelsohne ist Lungu ein sprachlich gewandter Autor, der seine Sätze immer wieder mit neuen Metaphern "würzt", was allerdings zeitweise zuviel des Guten ist. Eine dreiseitige Beschreibung über den Regen etwa hat mich beinahe dazu veranlasst das Buch wegzulegen. Die Lektüre hinterlässt mich auch etwas ratlos. Worauf der Autor hinaus wollte, ist mir nicht klar. Der Schluss ist unbefriedigend.
Alles in allem liest sich das Buch aber flüssig und in weniger als zweieinhalb Stunden. Lungu schreibt recht amüsant und ironisch über seine Landsleute. In den tragisch komischen Helden konnte ich mich aber genauso wenig einfühlen, wie in Marga. Identifikationsfiguren fehlten mir völlig, aber vielleicht auch deshalb, weil ich nicht in Rumänien lebe. Ich kann mir gut vorstellen, dass Lungus Landsleute sich in einem der Protagonisten wieder erkennen und es ihnen auch leichter fällt in die Athmosphäre der Hoffnungslosigkeit und des Neubeginns einzutauchen.
Fazit: Ein Buch für anspruchsvolle Leser, die Unterhaltung auf sprachlich hohem Niveau lieben!