Jan Drees

 3.9 Sterne bei 53 Bewertungen
Autor von Kassettendeck, Sandbergs Liebe und weiteren Büchern.
Autorenbild von Jan Drees (©)

Lebenslauf von Jan Drees

Jan Drees (* 9. Mai 1979 in Haan/Nordrhein-Westfalen) ist ein deutscher Schriftsteller, Journalist und ehemaliger Leichtathlet. (...) Bis 2003 startete Jan Drees als 800-Meter-Läufer für den TSV Bayer 04 Leverkusen. Er war Junioren-Europacupsieger 1996 in Ljubljana und gewann zwischen 1996 und 1999 acht Medaillen bei Deutschen Meisterschaften. 1997 belegte er den ersten Platz beim U18-Länderkampf in Frankfurt (Oder), 1998 gewann er bei den Deutschen Jugend-Hallenmeisterschaften in Chemnitz über 800 Meter. Nach einem Volontariat bei BBDO Deutschland studierte Drees bei Peter Matussek in Düsseldorf Neuere deutsche Literaturwissenschaften, Mediävistik und Kommunikationswissenschaften. Heute arbeitet Drees als Rezensent, Kolumnist und Autor für Radio, Zeitschriften und Zeitungen (1LIVE, WDR 5, WELT, jetzt.de u.a.). 2000 erschien sein Roman Staring at the Sun im Diana Verlag, 2007 erschien ein überarbeiteter, in die Jetztzeit übertragener Remix des Buchs, nun im Eichborn-Verlag. Drees' zweiter Roman, Letzte Tage, jetzt, erschien 2006 (auch als Hörbuch, eingelesen von Mirjam Weichselbraun). 2010 erschien die literaturwissenschaftliche Studie Rainald Goetz: Irre als System: Mit der Theorie Niklas Luhmanns wird hier Goetz' Rasierklingenschnitt beim Bachmannpreis in Klagenfurt 1983 als immanenter Teil des Romans gelesen. 2011 erschien bei Eichborn das illustrierte Sachbuch Kassettendeck: Soundtrack einer Generation von Drees und Christian Vorbau. Interviewpartner waren u.a. Benjamin von Stuckrad-Barre, Westbam, Smudo, Hans Nieswandt, Alexa Hennig von Lange und Peter Glaser. Teil des Kassettendecks ist ein 70-seitiger Kurzroman.

Alle Bücher von Jan Drees

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Buchformat:
Cover des Buches Kassettendeck (ISBN:9783821866147)

Kassettendeck

 (27)
Erschienen am 15.03.2011
Cover des Buches Sandbergs Liebe (ISBN:9783906910499)

Sandbergs Liebe

 (11)
Erschienen am 17.01.2019
Cover des Buches Letzte Tage, jetzt (ISBN:9783821857770)

Letzte Tage, jetzt

 (8)
Erschienen am 01.02.2006
Cover des Buches Staring at the sun (ISBN:9783821858241)

Staring at the sun

 (5)
Erschienen am 01.09.2007
Cover des Buches Rainald Goetz - Irre als System (ISBN:9783938375303)

Rainald Goetz - Irre als System

 (1)
Erschienen am 15.12.2010
Cover des Buches Teneriffa (ISBN:9783955660031)

Teneriffa

 (1)
Erschienen am 01.06.2013
Cover des Buches Fesselspiele (ISBN:9783945453605)

Fesselspiele

 (0)
Erschienen am 28.10.2019
Cover des Buches Lanzarote (ISBN:9783955660505)

Lanzarote

 (0)
Erschienen am 01.10.2015

Interview mit Jan Drees

Jan Drees führte Ende März 2011 dieses Interview mit dem LovelyBooks-Team, in dem er verschiedene Fragen rund um seine Person und das neu erschienene Buch "Kassettendeck" beantwortete:

1) Wie lange schreibst Du schon und wie und wann kam es zur Veröffentlichung Deines ersten Buches?

1985/2000 - klingt wie das Best-of-Album einer Boyband, ich weiss. Werbung: Im Buch "Erstlingsgeschichten" der Literaturwissenschaftlerin Uta Graßhoff gibt es eine Story zu "Staring at the Sun" und meinen verwickelten Start ins Autorenleben. Klassischer Sportlergestus: Als ich meine erste wichtige Medaille gewonnen hatte, nahm ich an, dass der Olympiasieg über 800 Meter nur eine Frage der Zeit ist. Nach dem ersten Buch war ich sicher: Der Nobelpreis wartet, irgendwo da draußen. Mehr habe ich mit Martin Walser aber nicht gemeinsam.

2) Welcher Autor inspiriert und beeindruckt Dich selbst?

Vor ein paar Monaten traf ich in der Karnevalsstadt Köln Mark Z. Danielewski, der einen Vortrag zum Thema "Becoming Animals" hielt - selbstverständlich hatte das überhaupt nichts mit der fünften Jahreszeit zu tun. Mark Z. Danielewski trug ein Katzen-T-Shirt (seine Lieblingstiere) und als wir uns einen Tag später im Wallraf-Richartz-Museum trafen (mit neuem Katzen-T-Shirt), erzählte er begeistert, dass er in der Nacht zuvor einen KATZENsprung entfernt im King Georg gesoffen und nun einen KATER habe und dass er die deutsche Sprache nun umso mehr lieben würde. Dann erzählte er, wie es ist, als Schriftsteller im Vorprogramm von Depeche Mode aufzutreten, vor 50.000 Zuschauern und weshalb er Derrida-Fan ist, warum man das Prinzip Hoffnung aufgegeben werden muss und wieso in seinem Gewaltwerk "Das Haus - House of Leaves" die Innenräume größer als die Außenmaße sein können... Diese Kombi "Pop/Wahnsinn" hat etwas sehr Anziehendes für mich. Deshalb: Mark Z. Danielewski. Aber auch: Else Lasker-Schüler ("Mein Herz - Niemandem"), Gottfried von Straßburg ("Tristan), Mutanten-Schriftsteller Dietmar Dath und, wegen des Stils (allumfassend) - Ferdinand von Schirach.

3) Woher bekommst Du die Ideen für Deine Bücher?

Kleine Kinder und Köche erfahren die Welt über ihre Geschmacksknospen. Musiker brauchen Geräusche, um sich zu orientieren, wie Blinde beinahe - das sieht man sehr schön in "Berlin Calling", wenn Paul Kalkbrenner sein iPhone-Mikro an die schließende U-Bahn-Tür hält und den Quittungston aufzeichnet, um später einen Loop daraus zu basteln. Und schreibende Menschen, wenn sie so ticken wie ich, codieren und de-codieren ihre Welt über Sprache. Ich habe also eine Medium. Den Inhalt gibt das echte, richtige, das wahre Leben vor.

4) Wie hältst Du Kontakt zu Deinen Lesern?

Wenn mich jemand anspricht und sagt, er habe ein Buch von mir gelesen, sage ich oft: "Ach Du warst der Käufer." Das klingt flapsig, beinhaltet aber die Sehnsucht, jeden einzelnen Leser kennen zu können - oder kennenlernen zu dürfen. Das ist leider / selbstverständlich nicht so. Ich bin hier, bei Lovelybooks, ich bin bei Facebook, man kann mich finden und anschreiben - und dann schreibe ich zurück. Unmittelbaren Kontakt gibt es nur bei Lesungen, wenn wir alle gemeinsam bei den King Kong Kicks-Parties feiern

5) Wann und was liest Du selbst?

Ich lese täglich. Das ist mein Beruf. Ich bespreche Bücher im Radio und lese deshalb alles durcheinander. Dieses Jahr unter anderem: Dirk Kurbjuweit, Stéphane Hessel, Hort Evers, Colson Whitehead, Benjamin Tllig, Sven Regener, Jonathan Lethem, Peggy Mädler, Susanne Heinrich, Marc Schweska und und und. Während des Lanzarote-Urlaubs im Winter: "Die Jahrestage" von Uwe Johnson. Bald: Hartmut Lange und dazu Heidegger. Die Mischung ist (wie beim Mixtape) durchblutungsfördernd.

6) Welches Buch hättest Du gern selbst geschrieben und wie würde es dann enden?

Den "Zauberberg" und ich hätte es enden lassen wie Hedi Kaddour, der 2009 Thomas Mann in seinem Buch "Waltenberg" genial weitergeschrieben hat - mit Hans Castorp als Geheimagent und einem Hubschrauberlandeplatz über Davos.

7) 'Kassettendeck' ist eine Hommage an die Musikkassette. Wie viele Kassetten hast Du selbst noch im Schrank und welche davon ist dein größter Schatz?

Ich besitze ca. 400 Kassetten, aber verstreut - Kinderhörspiele (TKKG, Die drei ???) bei allen kleinen Verwandten. In den vergangenen Wochen habe ich viele Mixtapes verschenkt: Auch meinen größten Schatz: Das "Hamburg Tape" der Beatles, übergeben bei der 1LIVE Klubbing-Sendung in Köln an Moderator Mike Litt.

8) Welche Songs wären auf dem Mixtape deines Lebens?

Es ist die gleiche Liste wie in unserem Buch "Kassettendeck": Movin' on - Blur / Was hat dich bloß so ruiniert - Die Sterne / Grace - Robbie Williams / Railing - Reprazent & Roni Size / Sleep Deprivation - Simian Mobile Disco / Beautiful Day without you - Röyksopp / Useless - Depeche Mode (Kruder & Dorfmeister RMX) / One Life Stand - Hot Chip / Kelly watch the Stars - Air / Kontact me - Boys Noize / Felt Mountain - Goldfrapp / It doesn't matter - The Chemical Brothers

10) Du hast das Schlusswort - was wolltest du der Welt da draußen schon immer mal sagen?

Fuck forever! Es hilft.

9) Wie passen Musik und Literatur für dich zusammen?

Das ist ein altes Thema - wir sind wieder beim "Zauberberg" und bei Wagner, dem Thomas Mann das Leitmotivprinzip abgeschaut hat. Aber auch bei Nick Hornby und Pop, Haruki Murakami und Jazz, bei Rainald Goetz' "Rave" und bei Punk, NDW mit "Der große Hirnriss" von Peter Glaser und Niklas Stiller. Es fängt irgendwo an mit dem Metrum im antiken Griechenland, mit Lyrik und Lyra (Leier), mit Schumanns Heine-Vertonungen, der Lautpoesie, Dada, Futurismus, Surrealismus und natürlich Hubert Fichtes Star-Club-Auftritt 1966 mit Ian & The Zodiacs - es ist uferlos. Es passt, auch bei unseren "Karaoke-Lesungen", wenn DJ Christian Vorbau Beats unter den Romanteil vom "Kassettendeck" legt und ich live lese, vom Bildschirm, wenn das Karaoke-Programm meinen Text im Takt zerstückelt präsentiert und eine Geschichte, die im Stillen und Hellen geschrieben wurde, plötzlich, im Lauten und Dunklen partytauglich ist.

Neue Rezensionen zu Jan Drees

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N

Rezension zu "Sandbergs Liebe" von Jan Drees

Leider nicht mein Fall
nonostarvor 7 Monaten

Kristian Sandberg hat eine vielversprechende Zukunft vor sich. Alles scheint gut zu sein, doch er ist einsam. Eines Abends lernt er zufällig Kalina kennen und die beiden beginnen miteinander auszugehen und er verliebt sich schließlich in sie. Alles könnte nun also gut sein. Doch die Beziehung zu Kalina ist schwierig. Kristian gerät immer stärker in die Abhängikeit und versucht verzweifelt zu beweisen, wie sehr er Kalina liebt. Doch sie unterstellt ihm immer wieder untreu zu sein und sie nicht zu lieben. Er versucht sich aus der Abwärtsspirale zu befreien, doch er wird immer wieder zurück gezogen zu Kalina, seiner Geliebten, die ihm alles bedeutet.

Die Liebesgeschichte zwischen kristian und Kalina ist zerstörerisch, der Leser erlebt alles von außen mit und würde Kristian am liebsten eine Ohrfeige verpassen, damit er aufwacht aus diesem Alptraum zu dem sich sein Leben entwickelt. Doch es gab auch immer wieder Stellen, an denen man als Leser an der Geschichte zweifelt. Schließlich bekommt man die Geschichte nur aus der Sicht von Kristian erzählt.

Trotz der eigentlich guten Idee wusste ich lange nicht, was ich von diesem Roman halten soll. Sprache und Schreibstil sind sehr gewöhnungsbedürftig und ich habe viele Seiten gebraucht, um damit zurecht zu kommen. Die Charaktere entwickelten nicht wirklich eine Tiefe für mich, die Handlung konnte ich nicht nachvollziehen. Die Gefühle und Beweggründe konnten mich nicht  so richtig berühren. Ich habe zwar die Intention hinter dem geschriebenen verstanden, doch erreichen konnte es mich nicht zu 100%.

Fazit: Leider nichts für mich, durch die Kürze war das jedoch nicht allzu schlimm.

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Rezension zu "Sandbergs Liebe" von Jan Drees

Eine toxische Liebe
Gwhynwhyfarvor 10 Monaten

»Du darfst nie wieder gehen‹, hatte Kalina gestern am Telefon zu mir gesagt, ›ab jetzt bist du unverzichtbar.«

Eine Liebesgeschichte – obsessiv, zerstörerisch. Jan Drees sagt, die Geschichte ist ausgedacht, aber an eine ähnlich gelagerte Liebe aus seinem Leben angelegt. Der Leser sitzt voyeuristisch gefangen im Inneren des Autors und leidet mit ihm die ganze Geschichte lang, denn hier stülpt jemand sein Inneres ganz nach außen. Ist Kristian Sandberg an eine Narzisstin geraten, die ihn wie einen Tanzbär an der Nase durch die Manege zieht? Oder erfahren wir hier nur seine eigene Wahrheit? Es gibt eine Menge Chatverkehr und gehen wir einmal davon aus, dass ein schreibender Typ wie Jan Drees eine Art Tagebuch anfertigt und wir wirklich dicht an der Realität dran sind. Denn solch manipulative Charaktere wie Kalina laufen genug herum.

»Ich glaube, ich liebe dich – auch wenn es plötzlich ist, beinahe zu früh.
Ich weiß. Ich glaube, ich liebe dich genauso.«

Der wunde Punkt der 30 – die biologische Uhr tickt – jetzt oder nie! Wir alle kennen Menschen, die sich wild in Beziehungen nach dem 30. Lebensjahr stürzen, da sie Angst haben, die Familienbildung ansonsten zu verpassen. Auch Kristian Sandberg hat die 30 längst überschritten, ein Geisteswissenschaftler, der es nun beruflich geschafft hat. Eine Literaturagentur stellt ihn ein, zahlt ein üppiges Gehalt. Eine Beziehung fehlt zum großen Glück. Bisher hatte er eher Pech in der Liebe, er wünscht sich sehnlich: »… nicht mehr suchen, sondern bei jemandem sein möchte, den ich wirklich begehre, für immer.« Er kommt auf die Idee, eine Datingapp zu installieren, wischt sich durch die Frauenwelt – bis er auf die wunderschöne Kalina Mickiewicz stößt, eine 36-jährige Zahnärztin. Und Kalina findet Kristian: Matching, sie verabreden sich. Die Luft um sie beide herum vibriert, wird rosa bis rosenrot und nach zwei Tagen gestehen sich beide, ihre große Liebe gefunden zu haben. Es ist noch kein Monat vergangen, da fragt Kristian: »Wie würdest du reagieren, wenn ich dir einen Heiratsantrag machte?« Kalina antwortet: »Kristian, wenn du mir einen Antrag machen würdest, müsste ich vor Glück weinen.« Man plant die Hochzeit und ein Baby. An dieser Stelle hole ich als Leser das zweite Mal tief Luft. Das ging aber schnell … Und genau das kann nicht gut gehen.

»Über jeden Menschen‹, sage ich, ›gibt es einen Satz, der sein Leben zum Einsturz bringt, einen Satz, den wir aus Höflichkeit verschweigen.«

Kalina stammt aus wohlhabenden Verhältnissen, kleidet sich gut und teuer, besucht gern teure Restaurants und Bars, steht auf Statussymbole. Eine Fernbeziehung beginnt. Glas und Chrom, die edle Moderne in Hamburg Eppendorf bei Kalina, jedes Möbelstück ist ausgewählt oder angefertigt, Billyregale und Schraubmöbel in Bremen bei Kristian, eine eher schmuddlige, verstaubte Wohnung. Kalina besitzt eine Zahnarztpraxis in Dänemark und hat eine Eigentumswohnung gekauft, die sich gerade in der Renovierungsphase befindet.

»Ich taumle im Unfassbaren. Weshalb werde ich von meiner Freundin immer wieder unter Verdacht gestellt? Ich begreife es nicht. Mein Empfinden für sie entspricht nicht der Art, wie sie es deutet, im Gegenteil, sie wertet es um.«

Beide suchen nach der großen Liebe, nach Schutz und Geborgenheit, nach Wärme, nach einem Nest, das sich Familie nennt, denn beide konnten in ihrer Kindheit nicht darauf zurückgreifen. Kalina hasst ihre Schwester, sagt, sie würde sie nicht zur Hochzeit einladen. Die Ärztin ist eine Frau, bei der man jedes Wort auf die Goldwaage legen muss. Sie dreht Kristian das Wort im Mund um, ist rund um die Uhr zickig und beleidigt. Er fragt sich ständig, was er falsch macht, entschuldigt sich ständig. Kalina lässt ihn oft sitzen, weil Kristian sich im Vorfeld wieder mit einem Satz »schuldig« gemacht hat, manipulativ zieht sie alle Register, um Kristian zu erniedrigen. Er möchte gern mal einen Abend mit ihr allein verbringen. Das ist nicht möglich. Ihre Freunde sind immer dabei, grenzen Kristian aber aus, mögen ihn nicht. Auch Kalinas Familie tritt Kristian nicht freundlich gegenüber. Einem Treffen mit Kristians Freunden entzieht sie sich immer wieder und mit ihrer Anbindung an sich und ihr Umfeld isoliert sie ihn von seinen Freunden. Kristian macht in ihren Augen alles falsch und Kalina lässt ihren Freund durch Liebesentzug leiden wie einen Hund. Jede Frau, die mit ihm kommuniziert, ist ein Flittchen. Er soll bei ihr einziehen. Sein Lebenselixier sind Bücher, doch die haben in Kalinas Wohnung keinen Platz. Aber halt! Demnächst geht es doch in die Eigentumswohnung, Kalina redet von unserer Wohnung. Doch an der Planung und Einrichtung lässt sie Kristian nicht teilnehmen. Und wo soll dort das geplante Kind Platz haben?, fragt sich Kristian. Es gibt ein klitzekleines Arbeitszimmer (nur wessen?) … Kalina hat Kristian übernommen, so könnte man es bezeichnen: »Gaslighting« nennt man den Fachbegriff für emotionalen Missbrauch. Denn das geht über das übliche Verhalten eines Narzissten hinaus. Der Narzisst will stets bewundert werden, hat immer recht, nie schuld, bestimmt. Das Prinzip ist hier nicht anders, aber beim Gaslighting geht es noch tiefer: Der Täter verletzt das Opfer emotional, solange, bis es psychisch am Boden zerstört ist. Ich liebe dich – ich hasst dich im stündlichen Wechsel – ich kann dir nicht vertrauen, weil ich dir deine Liebe nicht abnehme – beweise es! Das hat schon was vom Borderliner.

»Ich wollte Dir etwas von meiner Leidenschaft zeigen. Es war ein Versehen, ich habe vor Jahren von einer Ex-Freundin gesagt bekommen, wie sehr das den Orgasmus ins Unendliche potenziert.«

Doch es gibt einige Stellen in diesem Roman, an denen ich Sandberg nicht als Opfer wahrnehme. Von Anfang an suchte er die »Endgültige«. Wie stark ist seine besitzergreifende Art, fragt man sich. Kalina beschwert sich mehrfach, dass Sandberg gewalttätig sei. Er streitet es ab, an manchen Stellen gibt er Gewalt zu, entschuldigt sich aber mit seiner Leidenschaft, z. B. als er Kalina beim Sex würgte, oder er sagt, ein Schubsen sei nicht schlimm gewesen, es war nur ein Stupsen. Das Buch beginnt mit einem schwer depressiven Sandberg, der sich auf Teneriffa mit Psychopharmaka zudröhnt, eine Auszeit von einem halben Jahr nimmt. Von der tiefen Depression, die nicht ausgeheilt ist, rast er, zurück in Bremen, im Sturzflug in die Beziehung … Kalina wird auf die Tabletten aufmerksam und hält Kristian einen Vortag als Ärztin. Andererseits ist ein solcher instabiler Mensch das perfekte Opfer. Ein stabiler Mensch hätte Kalina mit hoher Wahrscheinlichkeit nach drei, vier Tagen – oder schon am ersten Tag – den Laufpass gegeben. Wie auch immer. Man verschlingt den Roman, hält die Luft an – unglaubliches geschieht. Jan Drees schreibt fast im Tagebuchstil über seine große Liebe, über eine hochtoxische Beziehung. Vielleicht gibt es irgendwann unter Pseudonym den Roman »Ich war Kalina« – Man erinnere an den Märchenprinzen ...

Jan Drees ist seit 2016 Moderator der Literatursendung Büchermarkt und Redakteur in der Deutschlandfunk-Buchredaktion. Er hat Reportagen, Features und Rezensionen unter anderem für MDR Kultur, 1LIVE, Bayern 2, die FAZ und den Rolling Stone verfasst. Jan Drees lebt und arbeitet in Köln.

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Rezension zu "Sandbergs Liebe" von Jan Drees

Eine toxische Beziehung in schönster Sprache verpackt
nocheinbuchvor einem Jahr


Kristian Sandberg, wohnhaft in Bremen, ist ein äußerst gebildeter Geisteswissenschaftler mit gutem Ruf und zu seiner großen Freude nun in einer Hamburger Literaturagentur angestellt. Er nimmt niedrig dosiert Citalopram und nutzt eine Partnersuche-App, durch die er die äußerst zuvorkommende, attraktive Zahnärztin Kalina kennenlernt, wohnhaft in Hamburg und Dänemark.
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Was dann passiert ist die Melange aus zuvorderst Verliebtheit und Liebe, den von uns allen maßlos genutzten Social Media und Gaslighting (psychische Gewalt, die desorientieren und die Realität deformieren kann). Wer bringt das toxische Element in diese sich anbahnende Beziehung, die beide Hals über Kopf und scheinbar voller Ernsthaftigkeit angehen?
Drees führt niemanden vor und stellt keine Schuldfrage. Vielmehr nutzt er seine feine Sprache, um in den Dialogen und Kristians Gedankengängen berechtigte und wahnhafte Ansprüche, klar ausformulierte, aber auch irreale Vorstellungen sowie den mißklingenden Mix von Nähe & Distanz, Vertrauen & Misstrauen wiederzugeben. Mehr als deutlich erklärt sich so, wie der Sog in das immer größer werdende Unglück an Kraft gewinnt und auch, welche persönlichen Mechanismen von Kristian und Kalina ineinandergreifen.
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Allerdings scheint durch unzuverlässiges Erzählen und Kristians subjektive Wahrnehmung eher sie reihenweise für Dissonanzen verantwortlich zu sein bis hin zur offensiven Manipulation. Nur: Was geschieht tatsächlich real und was ist womöglich ein Wahngebilde Kristians? Es gibt Lücken und Fragen, auch angesichts der sich wiederholenden Liebesschwüre und bis zuletzt bestehenden Heiratspläne: eine doppel-/janusköpfige Beziehung, die Drees in seinem ohne Pathos von Emotionen durchtränkten Roman bis ins Detail anmutig ausformuliert - literarische Extraklasse.
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Sandbergs nur ein paar Monate andauernde Liebe hinterlässt am Ende nicht nur reichlich Kummer, sondern eine völlig leere und ausgesaugte Person, die ihr eigenes, verbliebenes Leben von sich stößt und der eigenen Wahrnehmung mehr als misstraut. Mein erstes, ganz großes Highlight des Jahres!

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Gespräche aus der Community

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Cover des Buches Kassettendeck (ISBN:undefined)
WIR VERLOSEN 25 EXEMPLARE DES BUCHS: "Kassettendeck - Soundtrack einer Generation": Fast drei Jahrzehnte prägte die Musikkassette die Herzensbildung unterschiedlichster Jugendkulturen: bunt, günstig, unbegrenzt bespielbar und als untrügliches Symbol für den persönlichen Geschmack. Jetzt feiert ein opulent gestalteter Text- und Interviewband ihre schönsten Momente. Wer glaubt, das Herauspicken einzelner Songs, die persönliche Zusammenstellung von Liedern zu besonderen Themen und Anlässen ist eine Erfindung des digitalen Zeitalters, hat den analogen Vorläufer vergessen, der nicht erst seit Lena ein Comeback erlebt: die Kassette. Egal ob C60, C90 oder C120, ob grün, rot, gelb oder klassisch schwarz, das kleine kompakte Tonband öffnete eine Tür zur Welt, in der man alles sein durfte: ein Fan, der in der Hitparade International auf das eine Lied wartete, das einem die Woche rettete, sein eigener DJ, der die besten Songs aus verschiedenen Alben unvergleichlich mixte, der gute Freund, der anologe Musikbriefe an seine heimliche Liebe verschenkte. Dieses Buch ist eine vielseitige Hommage an ein Echo aus der Vergangenheit, das derzeit ein unvermutetes Comeback erlebt. Die anologe Liebe schillert wieder, als Beatles-Archiv, Theater-Inspiration, Design-Objekt, als Mix-, Kunst- und Literaturthema. Kassettendeck schreibt mit Prosastrecken, Interviewsets und Pop-Essays eine neue Geschichte der MC. Mit: Benjamin von Stuckrad-Barre, Smudo, Eric Pfeil, Westbam, Andreas Bernard, Bret Easton Ellis, Grand Hotel van Cleef, Hans Nieswandt, Peter Glaser, Audiolith, Gregor Hildebrandt u. a. Interviewpartner u. a.: Benjamin von Stuckrad-Barre (Soloalbum), Westbam (Mix, Cuts & Scratches), Andreas Bernard (Vorn), Grand Hotel van Cleef (Tränengas im High-End-Leben), Hans Nieswandt (»DJ Dionysos«), Peter Glaser (Schönheit in Waffen), Audiolith (Mindestens in 1000 Jahren) und Gregor Hildebrandt (The sound is deep in the dark). Hier geht es zum Blog: http://kassettendeck.info/ **************************** Wer mitlesen, mitdiskutieren und eine Rezension schreiben möchte, kann sich bis zum Donnerstag, 5. Mai 2011 für eines von 25 kostenlosen "Kassettendeck"-Leseexemplar bewerben. Was müsst Ihr dafür tun? Schreibt unter diesen Beitrag drei Sätze, wie für Euch ein perfektes Mixtape aussieht. Die besten 25 Antworten werden mit einem kostenlosen "Kassettendeck"-Exemplar "honoriert".
340 Beiträge

Zusätzliche Informationen

Jan Drees wurde am 09. Mai 2013 geboren.

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