Unspektakulär sind die Gedichte von Měrana Cušcyna und es ist dieses Unspektakuläre, das berührt, besticht. Was den Lesenden da nämlich zwischen den Fingern fast zerrinnt, sind die im Titel angekündigten Bröckchen der unerhörten Schicht, der Staub so vieler heftig-flüchtiger Gefühle.
Woher stammen sie? Zum Beispiel aus dem (siehe erstes Bild) Nächtebuch, angefüllt mit allem, was an den Hängen des Schlafes erdacht, gewälzt, empfunden und erträumt wurde. Die unerhörte Schicht, bestehend aus diesem Nächtebuch und so vielen anderen, weitläufigen, sich kaum in der erzählbaren Erinnerung, der Lebensgeschichte, verfangenden Details, Regungen, Gedanken, sie nimmt in uns vielleicht sogar den größten Raum ein, unbewusst; es ist die Schicht, in die wir so vieles geritzt haben, vor der wir so oft standen und mit den Fäusten dagegengehauen haben.
Vielleicht können wir sie nie hinter uns lassen, wie unser Ich, das wir gleichsam behaupten müssen und doch versuchen abzulegen, zugunsten eines anderen Ichs, an dem wir selbst arbeiten können und auf das Zufall, Gelegenheit, Verzug und Fremdeinwirkung nicht unentwegt einwirken.
Man merkt der Band hat vieles ausgelöst bei mir. Er war eine meditative und zugleich aufwühlende Lektüre, in die ich vielleicht etwas zu viel von meinen Themen hineinprojiziert habe. Aber so unverfänglich und doch zwingend wie Cušcyna hier von den Dingen spricht, die sie geprägt haben, das wirft im eigenen Kopf fragen auf: was prägte mich? Nicht das Sorbische, nicht diese und jene Landschaft, aber Vergleichbares gab es auch bei mir, oder? Es gab und gibt mich schließlich auch. Es ist dieses: es gibt mich, es gab jene Tage, was uns aus diesen Gedichten entgegengeflüstert. Aber nicht zaghaft, sondern bestimmt.
Jan Kuhlbrodt
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Neue Bücher
Verzeichnis erweitert
Alle Bücher von Jan Kuhlbrodt
Krüppelpassion
Das Stockholmsyndrom
innen bröckelt die unerhörte schicht
Das Modell
Chemnitzer Trilogie
Das Elster-Experiment: Sieben Tage Genesis
Das Land und ich wir werden
Die Rückkehr der Tiere
Neue Rezensionen zu Jan Kuhlbrodt
"Je mehr Leben ich aufgeben muss,...umso mehr wird mein Leben durch Lesen ersetzt...Die Texte ersetzen mir den Gang durch den Wald und das Flanieren durch die Innenstadt." ( S. 174)
Als ich den Titel "Krüppel Passion" zum ersten Mal gelesen habe, war ich direkt neugierig und habe mir den Klappentext durchgelesen. Dass der Autor an multipler Sklerose ( MS) erkrankt ist und in diesem Buch darüber berichtet, waren die einzigen Informationen, die ich hatte, bevor ich mit der Lektüre begann.
Gleich vorab, wer hier nur eine Biografie eines MS-Patienten erwartet, liegt falsch.
Ja, Jan Kuhlbrodt erzählt aus seinem Leben, von seiner Kindheit in der DDR, seiner Zeit beim Militär, von den ersten Anzeichen seiner Erkrankung, über die Diagnose, die Symptome und seinen Problemen im Alltag.
Doch das ist nicht alles. Die kurzen Kapitel enthalten immer wieder literarische oder philosophische Textausschnitte. Der Autor hat ein abgeschlossenes Studium in politischer Ökonomie, Philosophie und Soziologie, sowie in Literatur. Bücher spielen eine große Rolle für ihn.
Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut. Die Informationen sind recht durcheinander, scheinbar so, wie sie dem Autor gerade in den Sinn kamen. Das hat mir am Anfang etwas Schwierigkeiten beim Lesen bereitet.
Nachdem ich mich an den Schreibstil gewöhnt und mich damit abgefunden hatte, dass ich die meisten der zitierten Autoren nicht kenne, habe ich "Krüppelpassion" nahezu ohne Pause verschlungen.
Eine Rezesion zu schreiben, die diesem Buch gerecht wird, fällt mir schwer.
Manche Kapitel haben mich nachdenklich gemacht, andere haben mich auch schmunzeln lassen.
Auf jeden Fall danke ich dem Autor, dass er mich als Leserin an seinem Leben und seinen Gedanken teilhaben lässt.
Das Cover finde ich übrigens sehr passend. Es zeigt das Rollstuhlrad des Autors.
Einen kleinen Kritikpunkt muss ich jedoch anbringen. Das Buch ist mit einem Preis von 30 Euro für 224 Seiten, davon einige Leerseiten, meiner Meinung nach deutlich zu teuer.
Der Erzähler erinnert an Gestalten der Siebziger. Sie schoben ihre Fahrräder, die einfallslos als Fahrzeuge des alternativen Gegenverkehrs markiert waren. Sie fuselten und rochen wie Schwarzer Krauser, gerade so als würden sie im Tabakbeutel übernachten. Als bekennende Soziallethargiker strebten sie Plätzen der Entschleunigung entgegen. Nie in Gang gekommen, wurde ihnen schnell alles zu viel und zu bunt.
Kuhlbrodts Modellathlet verpatzter Starts heißt Schroth. Er trägt sich immer noch so wie damals als er mit Thilo aus der aufgelassenen DDR nach Frankfurt am Main kam und aus den Aufmunterungen des gestaltungskräftigen Freundes auch da keine Profite schlagen konnte.
Schroth blieb in der Bewunderung des anderen so wie in einem Studium stecken. Sein Metier wurde das Fensterputzen. In der Galerie der Unzulänglichkeitsempfindungen verödet Schroth als Stuhl, auf den sich keiner setzen will. Noch nicht mal das. Noch nicht mal “Inventar, eingewachsen” in stützende, das mühsame Überleben des Indolenten garantierende Verhältnisse, wie sie jeder Parasit sucht. Die Wirte sehen dem Desaster der negativen Selektion mit zunehmender Verunglimpfslust und -wut zu. Das wird schön herausgespielt in bloßen Anspielungen: das zunächst und lange Pendelnde und dann sich Aufschaukelnde, bevor die Furien durchstarten und dem Elend ein Ende bereiten in erbitterten Schlussakten.
Thilo hatte in Amerika als Künstler Karriere gemacht, er war zurückgekehrt, um sich in Deutschland feiern zu lassen - und wurde erschlagen von einer Skulptur aus eigener Werkstatt, aufgestellt in einem Freilichtmuseum der Industriemoderne, dem Frankfurter Osthafen. Schroth hatte an Schrauben gedreht und so seiner Bedeutungslosigkeit das Verhängnis einer Schuld zugesetzt.
Jetzt lebt Schroth wieder bei der Mutter in Chemnitz, vormals Karl-Marx-Stadt. Er memoriert seine Vergangenheit und spricht auch über die Gegenwart, in der Schroth schon lange sämtliche “Bojen abhanden gekommen (sind), die auf dem Fluss des Lebens Orientierung geboten hätten. Alles fließt, Erinnerungen, Lebensmodelle, defekte Muster.”
Schroths Frankfurt wirkt wie von Laien geschnitzt. Ein paar meiner Lieblingsorte tauchen in Kuhlbrodts Mikroskopie des lieblos addierten Belanglosen förmlich unter. Während für die (gelegentlich zu einem Vergleich herangezogenen) schwachbrüstigen Helden von Wilhelm Genazino der Anblick einer versehrten Plastikgabel in der elementaren Gegenwart einer Kotkugel und eines Taubenkadavers zum bewusstseinserweiternden Ensemble und glücklichen Fund werden kann, verflüchtigen sich Schroths Beobachtungsgewinne wie zum tristen Hohn. Schroth glaubt, dass Kioske in Frankfurt Trinkhallen heißen, so weit weg von jeder Ankunft war der Fremde.
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