Jan M. Piskorski

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Autor von Die Verjagten.

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Die Verjagten
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Erschienen am 26.08.2013

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Rezension zu "Die Verjagten" von Jan M. Piskorski

Piskorski: Europa - ein Kontinent der Flüchtlinge
Caastorbvor 3 Jahren

Das Buch sollte jeder gelesen haben, der sich mit der derzeitigen Flüchtlingskrise näher beschäftigen möchte. Es behandelt die Flüchtlingsbewegungen in Europa im 20 Jahrhundert. Jeder Europäer sollte sich bewusst sein, daß die Erfahrung erzwungener Flucht im großem Umfang etwas ursprünglich Europäisches ist. Europa hat im letzten Jahrhundert Flüchtlingsbewegungen erlebt, wie kein anderer Kontinent. Insgesamt reden wir hier von 80 Millionen Vertriebenen, die ihre Heimat verlassen mussten, ihr Hab und Gut verloren und meist in einer neuen Umgebung mit nichts neu anfangen mussten.
Der Autor Jan M. Piskorski beginnt in seinem Buch mit den Säuberungen zwischen Christen und Muslimen im Umfeld des Osmanischen Reiches. Diese Konflikte des 19. und 20. Jahrhunderts verursachten bis zu drei bis vier Millionen muslimischen Flüchtlinge. Danach vergifteten die ersten beiden Balkankriege das Klima der Staaten auf europäischem Boden. Die erste große Flüchtlingsbewegung verursachten die Österreicher zu Beginn des Ersten Weltkriegs. 800.000 Serben flüchteten und nahmen ihren tödlichen Fluchtweg über den Berg Cakor, der den Beinamen "Berg des Todes" erhielt. Jan M. Piskorski sieht den Beginn der ethnischen Säuberungen in Europa im Balkan. Dort entstanden Nationalstaaten in höchst kondensierter Form. Mit dem Ersten Weltkrieg kam es im Osmanischen Reich zu dem ersten großen Pogrom: Die Ermordung von 800.000 Armeniern und der Flucht der restlichen 1.2 Millionen in die Nachbarstaaten. Der Erste Weltkrieg selbst verursachte weitere Millionen Vertriebene in den Frontgebieten. Allein sechs Milionen Russen zwang die Zarenarmee bei ihrem raschen Rückzug nach Osten zur Umsiedelung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Grenzen neu gezogen. Zum Beispiel wurden bei dem Lausanner Vertrag zwischen der Türkei und Griechenland alleine fast zwei Millionen Menschen zwangsumgesiedelt. 
Einen Schwerpunkt legt Jan M. Piskorski auf die Vertreibungen in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs. Die Radikalisierung durch den Krieg und der wachsende Nationalismus forcierten die Entstehung des Nationalsozialismus und seinen groß angelegten Plänen für ethnische Säuberungen. Neben der Vertreibung und Ermordung von Millionen von Juden wollten die Nationalsozialisten mit dem Generalplan Ost in Polen 30-65 Millionen Menschen zwangsumsiedeln. Viele Millionen Flüchtlinge entstanden während des Kriegsverlaufs. Millionen von Kriegsgefangene sahen ihre Heimat teilweise erst Jahrzehnte später. Der Krieg durchmischte den Kontinent, wie noch nie ein Krieg zuvor. Und auch der Zerfall Jugoslawiens versursachte 4-5 Millionen Flüchtlinge. Das Buch endet mit den Flüchtlingsbewegungen im Zuge des Kosovo-Krieges, der Zypernkrise und Vertreibungen in der Türkei.
Jan M. Piskorski verwendet eine Vielzahl von Verweisen auf Sekundarliteratur. An Hand von unzähligen Berichten, Texten und Romanen macht er uns bewusst, welches Elend die Vertriebenen erleiden mussten. Romane von Autoren wie Remarque, Wiechert, Allende, Solschenizyn, Lenz und Werfel werden zitiert und mit den damaligen Vorgängen reflektiert. Immer wieder taucht im Text das Symbol des Schlüssels auf. Der Schlüssel des eigenen Hauses ist für die Vertriebenen die Hoffnung auf die Wiederkehr in das eigene Heim - in den meisten Fällen eine unerfüllte Hoffnung. Manchmal mussten Hauseigentümer die Schlüssel ihrer Häuser stecken lassen. Sie hatten 30 Minuten Zeit, um das Wichtigste mitzunehmen. Die neuen Eigentümer fanden Häuser vor, wo noch die warme Suppe auf dem Mittagstisch stand. 
Immer wieder lässt Jan M. Piskorski persönliche Details von seiner Familiengeschichte in das Buch mit einfließen. Er ist polnischer Professor für Vergleichende Geschichte Europas an der Universität Stettin und engagiert sich für Menschenrechte. Seine Familie war direkt von den Vertreibungen in Polen betroffen. Sein Vater engagierte sich nach dem Krieg für die Belange von Polen in Österreich und gründete den Verlag "Polnische Schrift und Polnisches Buch", den sein Sohn später übernahm. 
Das Lesen des Buches erfordert etwas an historischem Hintergrundwissen. Andererseits ist es für jeden zu empfehlen, der sich bewusst machen möchte, was es bedeutet, Flüchtling zu sein, welches schwerwiegende Entscheidung es ist, seine Identität aufzugeben, sein Heim zu verlassen und in eine ungewisse Zukunft zu gehen - erzwungenermaßen  oder freiwillig. Piskorski nennt drei Gründe, die uns in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg großteils Frieden beschert haben:

der psychische Schock, den die zwei blutigen Weltkriege bei uns ausgelöst haben
die relative schwäche von Europa - große Entscheidungen trafen immer Washington und Moskau
die einmalige wirtschaftliche Blüte ab 1950

Grundsätzlich sind wir alle potentielle Flüchtlinge. Nur dank des historischen Zufalls leben wir sicher in warmen Häusern und kennen keinen Hunger, keine Angst um unsere Nächsten und keine ständige Flucht. 


"Solange auf dein Haus keine Bombe fällt, so lange denkst du, daß es nie dazu kommen wird"

Das Buch zeigt, daß bis heute keine Lösung für Flucht und Vertreibung von Menschen gefunden worden ist. Es gibt noch kein Rezept für die nahtlose Integration von Einwanderern anderer Kulturkreise. Einerseits drängt der Mensch dazu, sich zu vermischen. Es zieht ihn hin zum Fremden. Die Durchmischung ist auch gut für die Wirtschaft und die Produktivität. Andererseits beginnt in wirtschaftlich schlechteren Zeiten der Verdrängungswettbewerb. Die nicht Angepassten werden ausgesondert.

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W

Rezension zu "Die Verjagten" von Jan M. Piskorski

Aufklärung statt Abrechnung
WinfriedStanzickvor 5 Jahren


 

„Mars

 

Zimmer

 

darin  sitzt

eine familie

fünf oder schs personen

 

jemand liest ein buch

jemand betrachtet fotos

jemand erinnert sich an den krieg

jemand schläft jemand geht aus

jemand stirbt in der stille

jemand trinkt wasser

jemand bricht das brot

Janek schreibt den buchstaben A

zeichnet einen ritter mit blauem sporn

jemand startet zum mond

jemand brachte eine rose einen vogel einen fisch

schnee fällt

glocken schlagen

 

Mars tritt ein

das schwert

erfüllt das zimmer

mit feuer“

 

Mit diesem Gedicht des polnischen Lyrikers Tadeusz Rozewicz leitet der zu den profiliertesten polnischen Historikern gehörende 1956 geborene Jan M. Piskorski sein großes Werk über die „Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“ ein. Schon vor dem Ersten Weltkrieg begannen Menschen zwangsweise aus ihren angestammten Gebieten zu fliehen, und auch danach hörten diese Flüchtlingsströme und Zwangsvertreibungen mit unzähligen Opfern nicht auf, bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, wo es hauptsächlich durch den Zusammenbruch der kommunistischen  Staaten noch einmal zu für nicht mehr möglich gehaltenen Exzessen kam.

 

Viele der beschriebenen Vertreibungen waren mir bekannt, weil ich mich schon als junger Mensch damit beschäftigt hatte. So etwa die genauen Hintergründe und Schicksale der Menschen herausfinden wollte, die speziell von meiner Mutter (BDM-Mitglied) in den fünfziger Jahren immer abschätzig als „die Flüchtlinge“ bezeichnet wurden, denen man Ausgleichszahlungen für ihr verlorenes Hab und Gut zahlen würde, während sie selbst leer ausginge, wo man doch nur als Mitläufer eingestuft worden sein nach dem Krieg.

 

Doch von noch mehr Vertreibungen und Unrecht konnte ich in diesem bahnbrechenden Buch lesen, von denen ich bisher nie etwas gehört hatte, obwohl ich seit meiner Jugend mich für Politik und Geschichte interessiere. Etwa den Exodus der Serben 1915 oder das Schicksal der Griechen und Armenier nach der Gründung der Türkei.

 

Es scheint so zu sein, dass bestimmte historische Ereignisse erst sehr lange, nachdem sie geschehen sind, für eine wissenschaftliche Aufarbeitung reif sind. So etwa dauerte es bis 1985, bis Bundespräsident von Weizsäcker eine damals wichtige Rede zur deutschen Vergangenheit halten konnte, und es dauerte noch länger, bis man ohne den Vorwurf des Revanchismus sich einzuhandeln über das unendliche Leid der nach dem Krieg aus dem Osten vertriebenen Deutschen reden konnte. Ich habe in meiner jetzigen, von der Flucht betroffenen Familie viele dramatische Geschichten gehört, die mir beim Lesen dieses Buches immer wieder präsent waren.

 

„Die Verjagten“ ist verständlich geschrieben. Es will aufklären und nicht aufrechnen. Eine Fülle von Material im Anhang lädt zur Weiterbeschäftigung ein. Hauptsächlich aber will es mahnen und warnen, denn der Geist, aus dem Vertreibungen stattgefunden haben, ist noch lange nicht gebannt. Nicht nur der Jugoslawienkrieg und seine Folgen haben das gezeigt.

 

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