Reemtsma schildert seine Entführung und sein Verhalten währenddessen, wie er unwillkürlich den Kidnappern dankbar war für kleine Entgegenkommenheiten, wie er sich fit gehalten hat usw. Man selbst hat nicht den Eindruck, daß man so ein martyrium und die Zeit danach so ohne weiters überlebt hätte. Viele der Darstellungen des Autors sind aber so hochgeistig-intellektuell, daß man ganz langsam lesen muß oder daß man geistig nicht ganz mitkommt, insbesondere bei Bezugnahmen auf Bücher, die er gelesen hat, und seinen tiefschürfenden Selbstreflexionen.
Jan Philipp Reemtsma
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Jan Philipp Reemtsma
Im Keller
Christoph Martin Wieland
Lessing in Hamburg
Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug: Unzeitgemäßes über Krieg und Tod (Beck'sche Reihe)
Einige Hunde
Folter im Rechtsstaat?
Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit: Sechs Reden über Literatur und Kunst
Neue Rezensionen zu Jan Philipp Reemtsma
Für mich sind Bücher aus der Insel-Bücherei ja immer etwas Besonderes. Ganz unabhängig vom Inhalt sind sie einfach schön. Liebevoll gestaltet und anhand der einheitlichen Aufmachung sofort zu erkennen. So auch dieser Band, dessen Anblick sowohl mein Buch- als auch mein Hundeliebhaberherz augenblicklich höher schlagen ließ. Windhunde auf cremefarbenem Hintergrund sind auf dem Einband zu sehen, schlicht und elegant zugleich. Und der Name Reemtsma weckte Erinnerungen.
Über zwanzig Jahre ist es her, ich war gerade aus der westfälischen Provinz nach Hamburg gezogen und hatte meine Mutter zu Besuch da, ihrem ersten, vermute ich, da entdeckten wir im Programm des Schauspielhauses eine Lesung über Arno Schmidt, gehalten von Jan Philipp Reemstma. Meine Mutter, die - mir damals völlig unverständlich, man verzeihe mir, ich war gerade neunzehn - die Texte von Schmidt begeistert las, wollte partout dorthin und ich musste mit. "Musste" ist vielleicht nicht ganz richtig ausgedrückt. Um ins Schauspielhaus zu kommen, hätte ich mir damals auch einen Vortrag über Traktoren angehört, aber allzu weit davon entfernt war Schmidt für mich nicht.
Es wurde ein wunderbarer Abend. Es war ein kleiner Kreis von Interessenten, der sich dort zusammen gefunden hatte und das Ganze weder eine Lesung, noch ein Vortrag, sondern ein herrlich humorvolles Geplauder mit Auszügen aus Schmidts Texten. Ich war hingerissen von der Art Reemtsmas Wissen zu vermitteln und seiner spürbaren Begeisterung für das Thema.
Nun muss man mich nicht für Hunde begeistern, um zum Thema zurückzukommen, aber ich war wirklich gespannt darauf, was Reemtsma zu Hunden in der Kunst zu verkünden hat. Wer eine komplette Aufzählung mit Bildanalyse oder ähnlichem erwartet, der wird enttäuscht, das sei zu Anfang gleich gesagt. Der Titel "Einige Hunde" verrät es wohl schon, es geht um eine ganz subjektive Auswahl von Bildern verschiedener Epochen, die der Autor uns vorstellt. Und um die Frage nach der jeweiligen Funktion des oder der Hunde im Bild. Besonders drastisch gestellt zum Beispiel bei Rembrandts "Der barmherzige Samariter" mit einem, man verzeihe mir, kackenden Hund im Bildvordergrund.
Und wieder gelingt es Herrn Reemstma sein Wissen plaudernd zu vermitteln. Mit Abschweifungen, Einlässen, fließt der Text mäandernd dahin. Allerdings nie den Faden verlierend, es gibt eben so viel Interessantes drumherum zu berichten. Ich kenne diese Art der Wissensvermittlung mit leichter Hand eigentlich nur aus England.Hier in Deutschland werden Sachbücher im allgemeinen ernster, oder soll ich sagen "strenger", angegangen. Wie auch immer, es macht Spass das Büchlein zu lesen, dem Autor bei seinen Gedankengängen zu folgen. Hilfreich dabei ist die Qualität der abgedruckten Bilder, bei dem kleinen Format des Buches nicht selbstverständlich.
Ein wunderschöner Band für Hunde- und Kunstfreunde mit einer feinen Auswahl an vorgestellten Bildern und einem interessant zusammengestellten Essay.
Lebens-Text
Nachdem Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts durch die Jugendbewegung ein hohes Interesse an Alternativen, nicht rein materialistisch ausgerichteten Lebensweisen und Philosophien eine starke Verbreitung gerade auch fernöstlichen „Erkenntnisse“ durch Gurus, im Zen, durch alte philosophische Schriften erlebt hat, scheint nun wiederum „die Zeit reif“ zu sein, sich weiter und wiederum und auch tiefer mit jenen Schriften zu beschäftigen, die das Leben selbst zum Thema machen.
Eines der ältesten „Nach-Denk-Bücher“ über das Leben in asiatischer Traditin ist das Daodejing. Das in der hier vorliegenden Fassung eine „aufgefrischte“ und dennoch fundierte neue Übersetzung durch Jan Philipp Reemtsma erfahren hat.
„Das ist leer. Unerschöpflich. Der Abgrund, aus dessen Fülle alles war“.
„Das ist nicht tun. Doch bleibt nichts ungetan“.
Mit einem klaren Blick auf die Essenz des Lebens, die für Laozi „Wunschlosigkeit durch Einfalt und Namenlosigkeit“ ist.
Wobei schon bei diesen kleinen Sätzen klar ist, dass, wie viele fernöstliche und andere „Essenz-Worte“ sich der Inhalt dem Verstand nur Unzulänglich erschließt. Das Daodejing beinhaltet Einsichten, Worte, Einfachheiten und komplexe Zusammenhänge gleichermaßen, die auf anderen Ebenen ein „Schwingen der Seele“ hervorrufen wollen, als nu dem sachlichen Denken im Sinne einfacher Gebrauchsanweisungen dienlich zu sein.
Gerade diese meditative zugangsweise und der Anstoß in jedem der Texte, „das Herz“ erreichen zu wollen, gestalten die Lektüre des Daodejing zeitlos und in Form einer „inneren Arbeit“, die Geduld und Zeit benötigt, um sich setzten zu können.
„Dao ist ein einfacher Weg, Herrschende gehen die wirren Wege“.
Was man zugleich auf viele Ebenen setzten kann. In der äußeren Welt wie in der inneren. Denn auch im Menschen sind es vielleicht jene Kräfte, die „herrschen und kontrollieren wollen“ und damit „wirre Wege“, Ausflüchte, mit vielen Dehnungen versehene Argumentationen zur Rechtfertigung für sich selbst in Gang setzten.
Wobei der genau Inhalt des „einfachen Dao“ nun auch nicht umgehend dem Versand zugänglich ist, sondern innerlich durchgearbeitet werden muss, um hier und das auch das Gefühl von „Erkenntnis“ zu gewinnen.
Und dennoch und immer noch sind es jene Orientierungen im alten Text, die sich wohltuend abheben von einer Welt der Funktionalität, der Effizienz, des Konsums als vermeintlich starkem Lebenssinn und beständig und in großer Ruhe darauf verweisen, dass das Leben einen inneren Weg benötigt, um in sich Frieden und Sinn zu finden.
„Das Haus des. Seins ist mit nichts verfugt“, eine (mögliche) Übersetzung dieser tiefen Einsicht, dass das Äußere die Person nicht zusammenhält, die die Feinfühligkeit Reemtsmas ebenso aufzeigt, wie es eine tiefgreifende Anfrage an den „modernen Lebensstils“ eines äußerlich „immer mehr“ durch alle Zeiten hinweg seit tausenden von Jahren zeitlos in den Raum menschlichen Lebens stellt.
Lesenswert wie ehedem und anregend frisch in der neuen Übersetzung.
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