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michael_lehmann-pape

vor 1 Monat

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Verblassende Erblühung

Es ist eine eher kleine Szene am Rande im ersten Drittel des Buches, die in der Gesamtbetrachtung für den Leser den Schlüssel zum roten Faden enthalten kann.
Als Odile ein letztes Mal ihre Cousine besucht, im Heim, wohl für „geistig wegdriftende“ Menschen gedacht.

„Es gibt hier eine ganz bestimmte Ordnung….Man rebelliert nicht dagegen …Ich habe saubere Neigungen, ich falle nicht zur Last“. Nur lesen noch, dass ist, was die Cousine, in ihrer ganz persönlichen Form, am Leben hält.

Aber, fragt sich die Insassin, „bin ich hier auch die, die ich war“?

Und das ist die Frage, der Anstoß, mitsamt einem anderen (vermeintlichen? Das klärt sich nicht ganz) Erlebnis für Odile, sich in deutlich erkennbarerer Form dem zuzuwenden, was sie denn ist. Oder war. Oder gern gewesen wäre. Oder gern noch sein möchte. Was sie bis hin in die Praxis eines Schönheitschirurgen führen wird.

Und all das nach einem gelebten Leben. Nach Aufwachsen, Ehe, Witwe werden, immer im gleichen Haus im kleinen Städtchen in Belgien mit nur einem Bild von ihr und ihrem Mann. Mit nur einer näheren Bekannten. Aber mit Sehnsucht.
In dieser grauen inneren und äußeren Welt.

Denn grau ist die vorherrschende Farbe dieses melancholischen Romans über das Abdriften einer Person. Über das Resümee eines Lebens. Über ein letztes „alles ganz anders machen wollen“. Über den Stachel von Neid und Eifersucht, der so einige der Handlungen von Odile noch anstoßen wird (was die gehäuften Arztbesuche angeht, das Einbilden eines Kusses, der Genuss über die kleine Bemerkung des Arztes „….noch wie ein junges Mädchen…“).

Und war nicht alles eine Farce, dieses Leben? Zumindest falsche Abzweigungen, die genommen wurden? Zu wenig für das, was möglich gewesen wäre?

Als Paul Leduc, den sie in der Schule schon mit faszinierten Augen betrachtete, eine andere heiratete, wie sie auch einen anderen. Als sie auf einer Ausflugsreise diesen Paul, der seit fast einem Jahrzehnt doch tot ist, leibhaftig in Frankreich auf der Straße entdeckt (oder zu entdecken glaubte). Als dieser sie zu einem einzigen Gespräch bestellt (oder in der Fantasie bestellt hat, wie ein unscheinbare Postkarte später nahezulegen scheint).

In einem alternden Leben, in dem die beiden noch existenziellen, realen, antreibenden Momente ebenfalls nicht „in Farbe vorliegen“.

Das Bild ihrer Eltern, jung, gerade verheiratet, das messerscharf anzusehen ist, an dem nichts versschwimmt und an dem die Sehnsucht Odiles fassbar und groß wird, sich selbst noch einmal als kleines Kind am Kleid der Mutter zu sehen. Wie es doch im wahren Leben auch so ist, wenn die Zeit nach vorne weniger und weniger wird, das Leben gelebt im Raume steht und manche ungenutzten Möglichkeiten mit Wehmut betrachtet werden. Noch einmal neu, noch einmal anfangen.

Dazu spielt das zweite „schwarz-weiß Erlebnis“ seine gewichtige Rolle: Jean Gabin in einem alten Film nach dem Roman „La Marie de la Porte“.

Ist das nicht ihre Geschichte mit Paul? Wäre es anders mir ihr vor allem, wenn sie die Rolle im Film, im Roman einnehmen würden?

Frisur, Kleidung, Verhalten, Odile beginnt sich zu wandeln. Aufzufallen. Sich einzukapseln. Bis in die letzten Momente des Romans hinein, der, soviel sei verraten, nicht unbedingt auf ein Happy End hinzusteuert. Aber doch auf ein klares Ende. Ein, auch für den Leser, fassbar reales Ende.

Es ist grauer Alltag. Innere Sehnsucht. Melancholische Stimmung. Sich verlieren und ausfransen, das Jan Turovskir mit, wie immer, präziser, treffender, emotional dichter Sprache dem Leser vor die Augen legt.

Und, nach einer Weile der Lektüre, vielleicht selbst erschreckt, durchaus aber den Leser erschreckend, verdeutlicht, dass das nicht nur „ein“ Leben ist, dass hier schneller und schneller auf eine Rutschbahn gerät, sondern ganz allgemeine Erfahrungen, schmerzliche Emotionen und irrationale Versuche, „festzuhalten, zu verändern, zu füllen“ ans Licht drängen lassen, was lange nicht mehr da oder nie Realität war.

Im Übrigen auch, weil Odile nicht die einzige im Buch ist, die sich am Ende im falschen Leben wähnt. In kleinen Nebensätzen wird deutlich, dass auch andere sich irgendwann mal ihren Weg anders vorgestellt hätten. Wie mit „Rennrädern“, zum Beispiel.

„Es war ein instinktives Planen“. Gesteuert aus einer Sicht der Welt, die nurmehr wenig Anhaftung an der Realität zu haben scheint.

Ein Buch, dass für junge Menschen, die gerade ins Leben Stürmen, Mahnung sein kann, vor allem aber ein Buch für all jene, die schon zur Rückschau hier und da ansetzen und, letztlich, daran gemahnt werden, dass das gelebte Leben in Vergangenheit und Gegenwart das ist, was zählt. Auch wenn daran manches, manchmal nicht wenig, schmerzt.

Autor: Jan Turovski
Buch: Der Fall Odile Féret
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