Jan Walther

 4.7 Sterne bei 7 Bewertungen

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Im Zimmer wird es still

Im Zimmer wird es still

 (7)
Erschienen am 01.10.2011

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Little_Kunoichis avatar

Rezension zu "Im Zimmer wird es still" von Jan Walther

Ein außergewöhnliches Kleinod voller Klarheit und Essenz.
Little_Kunoichivor 4 Jahren

Es gibt Bücher, die nehmen einen sofort gefangen. Sie verströmen eine Aura, der man sich nicht entziehen kann. Jana Walthers Roman ist eines dieser Bücher. Schon rein optisch ist dieses Werk herausragend. Selten schafft es ein Cover die Stimmung einer Geschichte derart präzise und feinfühlig zu visualisieren. Ein großes Kompliment an den Bruno Gmünder Verlag.

“Im Zimmer …” ist ein zartes, intensives Stück Literatur über die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Metaphysik der Liebe; über Achtsamkeit und Respekt; über die Stürme und Flauten des Miteinanders; über persönliche Grenzen; Herausforderungen, und die Möglichkeit an ihnen zu wachsen.

Es ist eine Geschichte über das Sterben, aber viel mehr noch ist es eine Geschichte über das Wachsen und Reifen. Die Autorin zeigt uns den Herbst. Die winterliche Tristesse ist bereits greifbar. Das Ersterben unausweichlich. Und doch ist es genau diese Jahreszeit, die uns so reich beschenkt. Von der Blüte bis zur Ernte ist es ein langer Weg. Die pralle reife Frucht ist das letzte Stadium des Wachstums. Sie bezieht ihre Kraft aus den Wurzeln eines Baumes, der in ihr zu seiner Vollendung findet.

“Im Zimmer …” ist ein leises unaufgeregtes Buch. Ein Buch über die Alltäglichkeiten die uns formen, oder auch aus der Form bringen. Ein Aufdecken dessen, was aus Beziehungen erwachsen kann – mit der ganzen Wucht der Zweifelhaftigkeit.

Jana Walther konfrontiert ihre Protagonisten mit einer Diagnose die sie aus dem prallen Leben herauskatapultiert, hinein in einen Mikrokosmos des Stillstands. Eine Welt die sich nicht artikulieren lässt. Und so lebt dieses Buch auch nicht von den Dialogen, sondern von der ungeheuren Intensität der Szenen und Bilder. Die Autorin vermeidet jede Effekthascherei. Nichts wird überhöht, verklärt oder dramatisiert. Es sind nicht die überladenen Liebesschwüre, die die Messlatte für die Gefühle legen, sondern der äußerst feinsinnige und exakt beobachtende Blick einer Schriftstellerin, die die Kunst der Verdichtung beherrscht.

Andreas und Peter, zwei Menschen die mit der plötzlich aufgezwungenen Bürde der Passivität zurechtkommen müssen. Sie befinden sich in einem Schwebezustand des Unausgesprochenen. Die Stille, die einst Zeugnis für den Gleichklang war, hat sich zu einer Mauer des Schweigens entwickelt. “Im Zimmer …” erzählt auf wunderbare Weise davon, welch unglaublicher Anstrengung es bedarf diese Mauer zu überwinden. Eine Mauer die alles in Frage stellt. Die Prioritäten radikal verändert. Die einen dazu zwingt sich an die Routine des Alltags zu klammern, um den Alltag zu überstehen.

Jana Walther webt ein sehr feines und komplexes Beziehungsgeflecht. Jeder der beiden Erzähler hat sich in seiner eigenen Welt verschanzt um den Partner zu schonen. Die Gegenwart erscheint nicht greifbar und so tanzt die Fiebrigkeit des Sehnens mit der Fiktion und umarmt die Erinnerung.

“Im Zimmer …”  ist ein tieftrauriges Buch über eine elementare menschliche Erfahrung. Ein Erleben das in unserer heutigen Gesellschaft gerne ausgeklammert und institutionalisiert wird. Dabei kommen wir gerade im Betrachten des Sterbens auf das, was unser Leben so außergewöhnlich macht – die Liebe. Wenn es um den Tod geht, dann geht es immer auch um das Leben. Um das Leben in seiner Ganzheit. Um Dankbarkeit und Wertschätzung. Und so lang und schmerzhaft dieser Weg auch ist, am Ende steht ein neuer Zugang zum Leben. Es ist ein großer Verdienst der Autorin, dass sie Momente artikuliert die wir sonst kaum wahrnehmen. Sie schenkt sie uns, indem sie sie benennt.

Jana Walther stößt den Leser in einen tiefen Abgrund, doch sie lässt ihn nicht dort liegen. Sie hüllt ihn in eine wärmende Decke aus Worten und Gedanken. Und so ist auch der zutiefst berührende Schluss dieser Geschichte letztendlich wunderschön.

Ein außergewöhnliches Kleinod voller Klarheit und Essenz. Ein Herzensbuch!

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Rezension zu "Im Zimmer wird es still" von Jan Walther

Abschied
Ein LovelyBooks-Nutzervor 5 Jahren

Peter ist todkrank, er wird sterben. An dieser Gewissheit müssen sich Peter und Andreas festhalten, obwohl sie keinen Halt bietet, ganz im Gegenteil. Sie steht zwischen ihnen, gewaltig, mächtig und sie saugt, so scheint es, alle Worte auf. Wir erleben Peter und Andreas in ihrem Alltag, gefangen in der Gleichzeitigkeit von Liebe und Hilflosigkeit. Ohne Pathos oder Melodramatik vermittelt die Autorin mit ihrer klaren Schreibweise eine Realität, die in ihrer stillen Eindringlichkeit zutiefst berührt. 

Wir erleben Andreas, der seinen kranken Partner pflegt und es doch nicht so tun kann, wie er meint es müsse getan werden. Wie Angst ihn hemmt, wie Einsamkeit ihn überfordert und an seinen Kräften zehrt. 

Wir erleben Peter, der so unglaublich tapfer mit seiner Krankheit und seinen Schmerzen umgeht. Und der dennoch zu glauben scheint, die Rechte des Lebenden bereits verloren zu haben. Er schweigt und nimmt das, was er bekommen kann. 

Wir erleben, dass Liebe nicht das Allheilmittel für alles ist, dass sie nicht über alle Unzulänglichkeiten hinweghilft. Und doch ist es die Liebe, die alles zusammenhält. Peter und Andreas erinnern sich an früher. Jeder für sich. Der Leser erfährt von ihrem Kennenlernen und auch schon damals ihrer Schwierigkeit, offen miteinander zu reden. Und dennoch, sie zeigen das, was eine wahre Partnerschaft ausmacht. Sie kümmern sich umeinander. Uns wird keine Schönwetter-Liebe gezeigt, die keinem Sturm standhält, sondern eine Liebe, die nicht zu Ende ist, wenn die Romantik geht. 

Ich habe diese Buchbesprechung lange hinausgezögert und auch jetzt ist es mir schwer gefallen, die richtigen Worte zu finden. Es ist ein Buch, das mich sehr bewegt hat, das im Grunde genommen traurig ist, das mich aber trotzdem getröstet hat und mich nicht melancholisch zurücklässt. So ist das Leben, könnte man es zusammenfassen. Ein großartiges Buch.

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Korikos avatar

Rezension zu "Im Zimmer wird es still" von Jan Walther

Wunderschönes, literarisches Kleinod
Korikovor 6 Jahren

Story:
Peter und Andreas sind trotz des immensen Altersunterschiedes von 20 Jahren und von den üblichen Beziehungsproblemen abgesehen glücklich miteinander. Als die Ärzte bei Peter Krebs im Endstadium feststellen und sogar die Behandlung aufgeben, entschließt sie Andreas seinen Job aufzugeben und Freund im gemeinsamen Haus zu pflegen.

Diese Entscheidung bringt etliche Neuerungen und Probleme mit sich, denn der Grundtenor ihres gemeinsamen Lebens hat sich verändert. Sowohl Peter, als auch sein Freund kämpfen mit ihren eigenen Sorgen und Ängsten, und wenngleich sich ihre Gefühle füreinander nicht wandeln, lernen sie sich neu kennen und beschließen sich endgültig aneinander zu binden, als sich Peters Zustand verschlechtert ...

Eigene Meinung:
Mit "Im Zimmer wird es still" legt Jana Walther ihren zweiten Roman vor, der unter dem Pseudonym Jan Walther beim Bruno Gmünder Verlag erschien. Erneut entführt die Autorin die Leser in eine Geschichte, die rein von alltäglichen Handlungen und dem Denken und Fühlen der Charaktere bestimmt wird. Eine wirkliche Handlung gibt es nicht. Die Geschichte ist von Einblicken in das von Krankheit geprägte Leben der Protagonisten geprägt, aufgelockert von Erinnerungseinschüben und Ereignissen aus der Vergangenheit. Damit mutet Jana Walthers Buch vielmehr wie ein Kammerspiel an, läuft doch alles in einem kleinen Raum ab. Lediglich die vielen eingestreuten Rückblenden entführen Leser und Charakter aus der zwanghaften Enge und der bedrückenden Atmosphäre in eine Zeit, in der Peter noch gesund und ihr gemeinsames Leben richtig glücklich war.

Jana Walther erschafft sehr realistische, starke Charaktere, die in eine nahezu ausweglose Situation gebracht werden. Andreas, der wesentlich jünger und zu Beginn der Beziehung sehr verunsichert ist, obliegt die Pflege eines Mannes, der sich kaum noch bewegen kann. Auf der anderen Seite steht Peter, an Jahren reifer und immer der Aktive innerhalb ihres Zusammenseins, der sich plötzlich in einer Rolle wiederfindet, die so gar nicht seiner Natur entspricht. Die Verantwortlichkeiten verschieben sich und beide Männer entwickeln sich weiter, auch im Laufe des Buches, obwohl die Autorin nur wenige Tage im Leben der beiden gewährt. Doch innerhalb dieser kurzen Zeitspanne verändert sich etwas zwischen den beiden Männern, lässt sie näher zusammenrücken und sich ihrer Gefühle füreinander sicher sein.
Der Leser erlebt dies in einer Art und Weise mit, die unter die Haut geht. Scheinen die Protagonisten zu Beginn noch fremd und kaum greifbar und wirkt ihre Liebe abgekühlt, so revidiert man diese Meinung schnell. Man bemerkt erst mit der Zeit, wie tief die Gefühle der beiden Männer eigentlich reichen, welche Höhen und Tiefen sie bereits überwunden haben. Angefangen von den Problemen, die ihr Altersunterschied mit sich brachte, über ihre Familien und Freunde bis hin zu Andreas Ängsten vor Berührung und Zärtlichkeiten. All dies erreicht Jana Walther über Rückblenden, mal aus Peters Sicht, mal aus Andreas' und jedes Mal lernt man die beiden Männer besser kennen und verstehen.

Jana Walthers Stil ist sehr einfühlsam und eindringlich, überschreitet trotz des heiklen Themas niemals die Grenze zum Kitsch auf der einen oder zum tränenreichen Drama auf der anderen Seite. Wie schon bei ihrem Debüt "Benjamins Gärten" gelingt es ihr eine realistische Geschichte zu erzählen, ohne sich bei einer einzigen Stelle zu verzetteln oder in eine künstlich dramatische / romantische Szene abzurutschen. Trotz des Themas Krebs und Tod wirkt "Im Zimmer wird es still" niemals so deprimierend, das man nach Taschentüchern greift oder Peter bedauert. Stattdessen erfreut man sich an den kleinen Gesten und Berührungen zwischen den beiden Männern, ihr Vertrauen ineinander und ihrem Wunsch zusammen zu bleiben.
Stilistisch ist das Buch dennoch Geschmackssache, ist es Jana Walthers Schreibe sehr belletristisch und in vielen Punkten gewöhnungsbedürftig. Man muss sich beim Lesen durchaus auf die Geschichte konzentrieren, insbesondere da ihre Art und Weise, wie sie Präsens für die Gegenwartsszenen und Präteritum für die Vergangenheit miteinander vermischt teilweise schwer nachvollziehbar ist. Auch die Tatsache, dass sie zwei Perspektivträger hat und dadurch auf die Ich-Perspektive verzichten muss, sorgt immer wieder für Verwirrung, wenn sie das Personalpronom mal auf Andreas, mal auf Peter bezieht.

Fazit:
Nichtsdestotrotz sollte man sich auf die kleine, stille Perle deutscher schwuler Literatur einlassen und dem Büchlein eine Chance geben. "Im Zimmer wird es still" ist ein ehrliches, realistisches Werk, das die Themen Krankheit, Tod, Vertrauen und Liebe auf eine vollkommen unromantische, dafür umso besser nachvollziehbarere Art und Weise behandelt. Der Roman hinterlässt sogar ein gutes Gefühl, da er trotz des nahenden Todes relativ offen endet und sowohl Peter als auch Andreas ihren inneren Frieden gefunden haben.

Jana Walther gelingt mit "Im Zimmer wird es still" einmal mehr ein belletristisches Kleinod, das trotz der teilweise schwierigen Schreibe ins Herz trifft und einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Sehr zu empfehlen.

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