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Little_Kunoichi

vor 3 Jahren

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Es gibt Bücher, die nehmen einen sofort gefangen. Sie verströmen eine Aura, der man sich nicht entziehen kann. Jana Walthers Roman ist eines dieser Bücher. Schon rein optisch ist dieses Werk herausragend. Selten schafft es ein Cover die Stimmung einer Geschichte derart präzise und feinfühlig zu visualisieren. Ein großes Kompliment an den Bruno Gmünder Verlag.

“Im Zimmer …” ist ein zartes, intensives Stück Literatur über die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Metaphysik der Liebe; über Achtsamkeit und Respekt; über die Stürme und Flauten des Miteinanders; über persönliche Grenzen; Herausforderungen, und die Möglichkeit an ihnen zu wachsen.

Es ist eine Geschichte über das Sterben, aber viel mehr noch ist es eine Geschichte über das Wachsen und Reifen. Die Autorin zeigt uns den Herbst. Die winterliche Tristesse ist bereits greifbar. Das Ersterben unausweichlich. Und doch ist es genau diese Jahreszeit, die uns so reich beschenkt. Von der Blüte bis zur Ernte ist es ein langer Weg. Die pralle reife Frucht ist das letzte Stadium des Wachstums. Sie bezieht ihre Kraft aus den Wurzeln eines Baumes, der in ihr zu seiner Vollendung findet.

“Im Zimmer …” ist ein leises unaufgeregtes Buch. Ein Buch über die Alltäglichkeiten die uns formen, oder auch aus der Form bringen. Ein Aufdecken dessen, was aus Beziehungen erwachsen kann – mit der ganzen Wucht der Zweifelhaftigkeit.

Jana Walther konfrontiert ihre Protagonisten mit einer Diagnose die sie aus dem prallen Leben herauskatapultiert, hinein in einen Mikrokosmos des Stillstands. Eine Welt die sich nicht artikulieren lässt. Und so lebt dieses Buch auch nicht von den Dialogen, sondern von der ungeheuren Intensität der Szenen und Bilder. Die Autorin vermeidet jede Effekthascherei. Nichts wird überhöht, verklärt oder dramatisiert. Es sind nicht die überladenen Liebesschwüre, die die Messlatte für die Gefühle legen, sondern der äußerst feinsinnige und exakt beobachtende Blick einer Schriftstellerin, die die Kunst der Verdichtung meisterlich beherrscht.

Andreas und Peter, zwei Menschen die mit der plötzlich aufgezwungenen Bürde der Passivität zurechtkommen müssen. Sie befinden sich in einem Schwebezustand des Unausgesprochenen. Die Stille, die einst Zeugnis für den Gleichklang war, hat sich zu einer Mauer des Schweigens entwickelt. “Im Zimmer …” erzählt auf wunderbare Weise davon, welch unglaublicher Anstrengung es bedarf diese Mauer zu überwinden. Eine Mauer die alles in Frage stellt. Die Prioritäten radikal verändert. Die einen dazu zwingt sich an die Routine des Alltags zu klammern, um den Alltag zu überstehen.

Jana Walther webt ein sehr feines und komplexes Beziehungsgeflecht. Jeder der beiden Erzähler hat sich in seiner eigenen Welt verschanzt um den Partner zu schonen. Die Gegenwart erscheint nicht greifbar und so tanzt die Fiebrigkeit des Sehnens mit der Fiktion und umarmt die Erinnerung.

“Im Zimmer …”  ist ein tieftrauriges Buch über eine elementare menschliche Erfahrung. Ein Erleben das in unserer heutigen Gesellschaft gerne ausgeklammert und institutionalisiert wird. Dabei kommen wir gerade im Betrachten des Sterbens auf das, was unser Leben so außergewöhnlich macht – die Liebe. Wenn es um den Tod geht, dann geht es immer auch um das Leben. Um das Leben in seiner Ganzheit. Um Dankbarkeit und Wertschätzung. Und so lang und schmerzhaft dieser Weg auch ist, am Ende steht ein neuer Zugang zum Leben. Es ist ein großer Verdienst der Autorin, dass sie Momente artikuliert die wir sonst kaum wahrnehmen. Sie schenkt sie uns, indem sie sie benennt.

Jana Walther stößt den Leser in einen tiefen Abgrund, doch sie lässt ihn nicht dort liegen. Sie hüllt ihn in eine wärmende Decke aus Worten und Gedanken. Und so ist auch der zutiefst berührende Schluss dieser Geschichte letztendlich wunderschön.

Ein außergewöhnliches Kleinod voller Klarheit und Essenz. Ein Herzensbuch!

Autor: Jan Walther
Buch: Im Zimmer wird es still
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