Heinrich IV. (1553-1610), der erste König aus dem Hause Bourbon, gehört zu den bekanntesten Monarchen der französischen Geschichte. Sein Leben und seine Herrschaft wurden schon im 19. Jahrhundert intensiv erforscht. Die fach- und populärwissenschaftliche Literatur über Heinrich IV. ist so umfangreich, dass sie sich heute nur noch schwer überblicken lässt. In Frankreich ist es eine Art Nationalsport, Biographien über Heinrich IV. zu schreiben. Unter den Verfassern finden sich Historiker und Geschichtsprofessoren ebenso wie Sachbuchautoren, ein bekannter Politiker (François Bayrou) oder auch ein ranghoher Verwaltungsbeamter (Yves Cazaux). Für historisch interessierte Laien ist es schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die meisten populärwissenschaftlichen Biographien Heinrichs IV. sind ohne Wert. Sie schreiben die altbekannte Geschichte vom leutseligen Volkskönig und sinnenfrohen Schürzenjäger fort. Stellvertretend für die vielen populärwissenschaftlichen Werke, die seit Jahrzehnten den Buchmarkt überschwemmen, sei die Biographie von André Castelot (1986) genannt, das letzte Werk über Heinrich IV., das aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurde. Nur wenige Biographien des Königs genügen wissenschaftlichen Ansprüchen. Sie stammen – wie könnte es auch anders sein – aus der Feder von Fachhistorikern. Vier Bücher werden hier vorgestellt und vergleichend rezensiert. Es handelt sich um die Biographien von Jean-Pierre Babelon (1982), Janine Garrisson (1984) und Jean-Christian Petitfils (2021). Das Buch von Jean-Marie Constant (2010) ist keine Biographie; es untersucht die Herrschaft Heinrichs IV. unter thematischen Gesichtspunkten. Diesen vier Werken ist eines gemeinsam: Sie haben außerhalb Frankreichs keine nennenswerte Beachtung gefunden, da sie allesamt unübersetzt geblieben sind. Janine Garrisson (1932-2019), Tochter einer prominenten protestantischen Familie aus Montauban, Professorin an den Universitäten von Toulouse und Limoges, veröffentlichte während ihrer langen wissenschaftlichen Laufbahn viele bedeutende Arbeiten zur Geschichte Frankreichs im 16. Jahrhundert. Die Geschichte der Hugenotten war einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Zwei von Garrissons Werken liegen in deutscher Übersetzung vor, das Buch über die Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. und die Biographie über Margarete von Valois, die erste Gemahlin Heinrichs IV. Aus heutiger Sicht ist es zu bedauern, dass seinerzeit nicht auch die Biographie Heinrichs IV. ins Deutsche übersetzt wurde. Sie hätte eine Übersetzung viel eher verdient als das Buch von André Castelot.
Garrissons Buch erschien nur zwei Jahre nach Babelons Heinrich-Biographie. Müsste man zwischen beiden Werken wählen, so würde allein schon der handliche Umfang für Garrissons Buch sprechen, das sich neben dem monumentalen Werk von Babelon schlank und kompakt ausnimmt. Auf rund 350 Seiten – Babelons Text ist dreimal so umfangreich – sagt Garrisson alles Wesentliche über Heinrich IV. Bei der Lektüre stellt sich zu keinem Zeitpunkt der Eindruck ein, das Buch sei zu knapp geraten. Garrisson braucht den Vergleich mit ihrem Kollegen überhaupt nicht zu scheuen. Sie findet einen eigenständigen Zugang zu Heinrich IV. und zeichnet ein farbiges, facettenreiches Porträt, welches das widersprüchliche Wesen des Königs meisterhaft wiedergibt. Die enorme Popularität Heinrichs IV., auch und gerade im 19. und 20. Jahrhundert, erklärt Garrisson damit, dass der König einen Archetyp verkörpert, der im Laufe der französischen Geschichte mehrfach in Erscheinung getreten ist: Der "Mann der Vorsehung" (homme providentiel), ein Friedensstifter und Versöhner, der das Land aus einer schweren Krise herausführt. Was Heinrichs Leben und Herrschaft angeht, so präsentiert Garrisson keine neuartigen oder originellen Erkenntnisse und Einsichten. Aber sie widerlegt mancherlei Mythen und beleuchtet Aspekte, die in anderen Werken zu kurz kommen. Heinrich war kein "armer Verwandter" der Valois-Könige, von denen er 1589 die Krone erbte. Er war weder mittel- noch bedürfnislos und führte in den 1570er und 1580er Jahren als König von Navarra keineswegs das Leben eines einfachen Landedelmannes. Im Gegenteil, er verfügte über stattliche Einkünfte und leistete sich eine Hofhaltung, die der anderer Renaissance-Fürsten gleichkam. Sein Hofstaat verschlang beträchtliche Summen, und auch beim Kauf von Pferden, Hunden und Jagdfalken knauserte Heinrich nicht. So bald es die politische Situation und die Lage der Staatsfinanzen zuließen, stellte Heinrich als König von Frankreich das glanzvolle Hofleben in Paris wieder her. Er wusste, dass Prachtentfaltung erheblich zum Prestige des Königtums im In- und Ausland beitrug. Ohne selbst belesen oder gar gelehrt zu sein, zog Heinrich namhafte Dichter und Schriftsteller als Propagandisten und Historiographen an seinen Hof. Nach dem Tod des Monarchen von Mörderhand trugen einige dieser Autoren zur Entstehung und raschen Verbreitung der Legende vom "guten König Heinrich" bei. Anschaulicher als andere Autoren arbeitet Garrisson die markanten Wesenszüge des Königs heraus: Rastlosigkeit, Bewegungs- und Tatendrang, Lebensgier und Genussfreude. Heinrich liebte gutes Essen, Glücksspiele, die Jagd und natürlich Frauen. Harte Worte findet Garrisson für das chaotische und skandalträchtige Liebesleben des Königs. Von seinen habgierigen Mätressen Gabrielle d’Estrées und Henriette d’Entragues ließ sich der liebestolle König jahrelang unbekümmert finanziell ausbeuten.
Die Zügellosigkeit in der persönlichen Lebensführung kann indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass der König ein gewiefter Politiker war. Während der Religionskriege absolvierte Heinrich eine gefahrenreiche Lehrzeit, die in der Geschichte der französischen Monarchie ihresgleichen sucht. Ähnlich wie Babelon betont Garrisson, dass Heinrich kein Reformer, sondern ein Monarch von ausgesprochen autoritärer, konservativer Gesinnung war. In den wenigen Friedensjahren, die ihm beschieden waren (1598 bis 1610), verfolgte er restaurative Ziele. Die Krone sollte die Machtfülle zurückerlangen, die sie vor dem Beginn der Religionskriege besessen hatte. Nichts lag Heinrich ferner, als seine Befugnisse mit dem Adel, den Parlamenten (Gerichtshöfen) und den Ständeversammlungen der Provinzen zu teilen. Janine Garrissons Biographie ist auch heute noch lesenswert. Zur Lebendigkeit der Darstellung trägt bei, dass Garrisson die historischen Akteure oft selbst zu Wort kommen lässt. Ausgiebig zitiert sie aus Heinrichs privater und politischer Korrespondenz, aus den Tagebüchern und Memoiren von Zeitgenossen des Königs. Leider hat der Verlag auf einen Anmerkungsapparat (Fuß- oder Endnoten) verzichtet. Der Leser kann deshalb nicht nachvollziehen, aus welchen Quelleneditionen die Zitate stammen. Das Buch ist mit Landkarten und Stammtafeln ausgestattet, Abbildungen fehlen jedoch. Im Jahr 2008 brachte der Verlag Seuil eine Neuauflage der Biographie heraus. Garrisson verfasste für diese Ausgabe ein Nachwort, ließ den Text aber unverändert (siehe letzter Absatz). Wer das Buch in der Ausgabe von 2008 zur Hand nimmt, der muss sich darüber im Klaren sein, dass es den Forschungsstand der frühen 1980er Jahre abbildet. Im Jahr 2000 steuerte Garrisson einen Band über Heinrich IV. für die Reihe "La France au fil de ses rois" bei. Dieses Buch ist nicht identisch mit der Biographie von 1984. Es handelt sich um zwei verschiedene Werke.
Der Verlag hat die Neuauflage nicht genutzt, um zwei sehr ärgerliche Fehler zu beseitigen: Françoise d'Alençon (gest. 1550) war nicht die "erste Gemahlin" Antons von Bourbon, Heinrichs Vater (S. 13), sondern Gemahlin des Herzogs Karl von Bourbon-Vendôme und somit Antons Mutter! Cosimo de Medici, Großherzog von Toskana (1519-1574), hielt sich niemals in Frankreich auf, wie Garrisson angibt, und er unterstützte auch nicht die niederländischen Rebellen im Kampf gegen Philipp II. von Spanien (S. 50). Cosimo war ein treuer Verbündeter der Habsburger und des Papstes; es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, die Niederländer in ihrem antispanischen Kampf zu unterstützen.
FAZIT
Da keines der vier Bücher auf Deutsch vorliegt, ist es schwierig, eine Empfehlung abzugeben. Deutschen Lesern mit guten Französischkenntnissen ist am ehesten die Biographie von Janine Garrisson zu empfehlen. Die Bücher von Babelon und Petitfils gehen über das Informationsbedürfnis eines nichtfranzösischen Lesers weit hinaus, zu weit. Constants Buch ist nur für den universitären Forschungs- und Seminarbetrieb geeignet.