Cover des Buches Eine bessere Zeit (ISBN: 9783458177395)S
Rezension zu Eine bessere Zeit von Jaume Cabré

Faszinierende Familiengeschichte

von smayrhofer vor 3 Jahren

Review

S
smayrhofervor 3 Jahren
Nach vielen Jahren kommt Miquel eher unfreiwillig in sein Elternhaus zurück (das inzwischen ein Restaurant ist). Eine Bekannte (Julia) hat ihn gebeten, über den gerade unter die Erde gebrachten alten Freund Bolós zu erzählen. Und so kommt eine Geschichte ins Rollen, die sich über mehrere Generationen erstreckt, aber hauptsächlich zur Zeit des Franquismus und des Übergangs zur Demokratie („Transición“) spielt. Aufgewachsen in guten Verhältnissen, bekommt Miquel in den ersten Wochen seines Studiums Kontakt zu antifaschistischen Gruppen, die sich gegen das Franco-Regime richten. Der Bruch mit der Familie, die mit Fabrikbesitz eher zu den wohlhabenden des Landes zählt, scheint unausweichlich. Alles in allem scheint Miquel aber eher von etwas getrieben als seinen eigenen Überzeugungen folgend...

Jaume Cabrés Roman „Eine bessere Zeit“ ist im Original bereits 1996 unter dem Titel „Der Schatten des Eunuchen“ veröffentlicht worden. Für mich war es zu Beginn zunächst ein schwer zugängliches Werk. Das liegt sowohl an der Vielzahl der eingeführten Personen, als auch an den "Stilmitteln" (Wechsel in der Erzählperspektive, Zeitsprünge), die oft sehr unvermittelt kommen. Man muss schon konzentriert bleiben und sich darauf einlassen. Mit fortschreitender Lesedauer habe ich mich aber an die Zeit- und Perspektivwechsel gewöhnt und fand sie regelrecht spannend. Wie der Autor es schafft, alles miteinander zu verflechten und das "Große Ganze" im Auge zu behalten, ist schon bemerkenswert und zeugt von hoher Erzählkunst. Auch die teils überraschenden Wendungen tragen nicht unerheblich zum Lesegenuss bei. Mir kam die Geschichte vor wie eine Zwiebel, bei der nacheinander Schichten entfernt werden und immer neue Sachen ans Licht kommen...

Von der Stimmung her fühlte ich mich ein wenig an Zafóns Barcelona-Bücher erinnert, in denen die Stadt ständig als grau und regnerisch beschrieben wird. Auch die vielen Namenswiederholungen in der Familie haben mich an ein anderes bekanntes Buch erinnert, nämlich Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez. Und wie auch dort gibt es in „Eine bessere Zeit“ einen Familienstammbaum, um den Überblick zu behalten. Moment, es gibt sogar drei Versionen, aber wer wissen möchte, was dahintersteckt, muss schon selbst zum Buch greifen…

Insgesamt eine faszinierende Familiengeschichte aus dem Spanien des 20. Jahrhunderts. Wer angesichts der Buchbeschreibung mehr Politik (Die Zeit Francos und danach) erwartet, wird vielleicht etwas enttäuscht sein. Aber manchmal bekommt man etwas anderes als erwartet und ist trotzdem höchst zufrieden - so ging es mir jedenfalls. Und deshalb gibt’s von mir die volle Punktzahl.
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