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suse9

vor 2 Wochen

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Grégoire Morvan ist ein Patriarch wie er im Buche steht. Sowohl die erwachsenen Kinder als auch Ehefrau tanzen nach seiner Pfeife, was auch völlig normal ist. Schließlich hat er damals in den 70er Jahren den Nagelmörder im Kongo zur Strecke gebracht und dadurch sowohl Ansehen als auch Reichtum erworben, der es seiner Familie ermöglicht ein unbeschwertes, sorgenfreies Leben zu führen. Dass der eine Sohn drogenabhängig ist, die Tochter sich selbst verkauft und der Älteste lieber erst seine Fäuste als die Diplomatie sprechen lässt, ist zwar ärgerlich, aber nicht zu ändern. Solange alle das machen, was Papa will. Die von ihm kontrollierte Ordnung wird so richtig durchgeschüttelt, als es zu Morden kommt, in denen die Opfer die gleichen bestialischen Verletzungen aufweisen, die der Nagelmörder den seinigen damals zugefügt hatte. Alles kommt wieder an die Oberfläche, was sich zunehmend ärgerlich auf die Geschäfte auswirkt. Erwan, der Älteste, soll die Fälle aufklären und das schnell und diskret.

Hin und wieder lese ich gerne einmal einen Krimi/Thriller, würde mich aber nicht als Liebhaber bezeichnen. Grangé kannte ich noch nicht, so konnte ich unvoreingenommen an seinen neuen Roman gehen. Das Tempo und die Spannung überraschten mich dann auch völlig. Die Handlung entwickelte einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Mitfiebern löste sich mit Fingernägelkauen ab, gefolgt von völligem Ausblenden der Außenwelt. Solche Bücher mag ich und meine Begeisterung wuchs. Ich war so gefangen in der Jagd nach dem Mörder, dass ich gar nicht bemerkte, wie die Spannung verflog, die Dialoge abflachten, Ereignisse sich wiederholten. Der Autor verlor mich zur Hälfte des Romans. Jetzt zog er sich. Längst hatte ich den Fall gelöst, während Erwan sich immer noch von seinem Papa gängeln ließ. Auch die Charaktere, gut gezeichnet zwar, aber alle (fast alle) unsympathisch, konnten mich nicht mehr erreichen. Zu allem Überfluss nahm die Action zu und gipfelte in einer „Ein-Schuss-Zwei-Tote“-Ballerei. Aber das gehört wohl zu einem Thriller dazu, was es mir nicht leichter machte, diese zu ertragen. Sie langweilte einfach nur. Ich war gerade dabei, den Roman für mich als verloren zu betrachten, als Grangé noch einmal in die Trickkiste griff und eine Wendung präsentierte, die mich völlig überraschte. Der Schluss des Buches hatte es also dann wieder in sich und ich war zufrieden.

Nicht alle offenen Fragen sind für mich geklärt. Viel mehr hatte ich hineininterpretiert, viel zu kompliziert gedacht und war dann doch auf einer vollkommen falschen Fährte. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder der Autor hatte selbst keine Lust mehr und überlässt es dem Leser, was er aus den offenen Enden macht oder eine Fortsetzung klärt die Geheimnisse, die noch im Dunkeln liegen. Mit Ersterem könnte ich leben, Zweiteres würde mich kalt lassen. Einer Fortsetzung bedarf es für mich nicht.

Was die Sternevergabe betrifft, bin ich ein bisschen unschlüssig. Für 3 Sterne war mir der Thriller zu spannend, für 4 nicht überzeugend genug. Somit entscheide ich mich für 3,5 Sterne.

Autor: Jean-Christophe Grangé
Buch: Purpurne Rache
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