Total Cheops

von Jean-Claude Izzo 
4,1 Sterne bei29 Bewertungen
Total Cheops
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Eine Hommage an eine raue, ungestüme und komplexe Stadt. Formidable!

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Wenn sich auch manchmal zwischen dem französischen Intellektuellen und dem italienischen Underdog eine Kluft ergibt - was für ein (Regional-...

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Inhaltsangabe zu "Total Cheops"

Fabio Montale ist ein kleiner Polizist mit Hang zum guten Essen und einem großen Herz für all die verschiedenen Bewohner der Hafenstadt: für die Italiener, die Spanier, die Algerier und auch die Franzosen. Ob einer Polizist wird oder Gangster, das ist reiner biografischer Zufall. Freund bleibt Freund. Deswegen muss Fabio auch handeln, als zwei seiner Gangster-Freunde ermordet werden. Als die beiden gerächt sind, muss er feststellen, dass das Spiel nach Regeln gespielt wird, die mit Ehre nichts zu tun haben. Von Leuten, denen genauso egal ist, ob einer Polizist ist oder Verbrecher.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783293206090
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:256 Seiten
Verlag:Unionsverlag
Erscheinungsdatum:16.01.2013
Das aktuelle Hörbuch ist bei Der Audio Verlag erschienen.

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    Gulans avatar
    Gulanvor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Eine Hommage an eine raue, ungestüme und komplexe Stadt. Formidable!
    Formidable!

    Aber was dann kam, war wie im Western. 16.59 Uhr. Er zog das Helmvisier herunter. Die Pistole lag gut in seiner Hand. Und die Hände waren trocken. Er gab kaum merklich Gas und fuhr am Bürgersteig entlang, die linke Hand am Lenkrad geklammert. Der Pudel tauchte auf, hinter ihm Zucca. Eine innere Kälte stieg in ihm auf. Zucca sah ihn kommen. Er blieb am Kantstein stehen und hielt den Hund zurück. Er begriff, aber zu spät. Sein Mund öffnete sich, ohne dass er einen Laut von sich gegeben hätte. Die Augen weiteten sich. Die Angst. Das hätte schon gereicht, dass er sich in die Hose geschissen hätte. Er drückte auf den Abzug. Angewidert. Von sich. Von ihm. Von den Menschen. Und von der Menschheit. Er leerte das Magazin in seine Brust. (S.24)

    Innerhalb kurzer Zeit sterben zwei alte Freunde des Polizisten Fabio Montale im Marseiller Gangster-Milieu. Kurz darauf verschwindet die junge Studentin Leila, eine Freundin Montales, und wird wenig später vergewaltigt und ermordet aufgefunden. Fabio begibt sich mitten in einen tobenden Kampf der Marseiller Banden, um die Taten zu rächen.

    Fabio Montale ist ein alleinstehender Mittvierziger mit italienischen Wurzeln. Er lebt in einer Fischerhütte etwas außerhalb von Marseille. Zu Beginn erzählt Fabio von seiner Freundschaft zu Manu und Ugo. Die drei begannen als Halbstarke ihre ersten krummen Dinger zu drehen. Als bei einem Überfall ein Mann ernsthaft zu Schaden kommt, ist dies ein Wendepunkt. Manu bleibt ein Gangster, Ugo bleibt beim Militär und der Fremdenlegion, Fabio wird Polizist. Er wird abkommandiert, um die Vorstädte zu befrieden, doch er ist kein „Null Toleranz“-Bulle, sondern versucht, im Dialog die Dinge zu regeln. Doch das Klima wird zunehmend rauer. Neben den schon immer dagewesenen Reibereien, schleicht sich zunehmend der Rassismus in die französische Gesellschaft. Privat ist Fabio ein Melancholiker, der seinen verflossenen Lieb- und Freundschaften nachtrauert. („Es fehlte mir nicht an Mut. Ich hatte kein Vertrauen. Nicht genug, nicht ausreichend, um mein Leben und meine Gefühle in irgendjemandes Hand zu legen. Und ich rieb mich mit dem Versuch auf, alles selbst zu lösen. Der Stolz eines Verlierers.“, S.127)

    Der Kriminalroman ist zum einen ein knallharter französischer Krimi über den Kampf um die Vorherrschaft über die Marseiller Unterwelt. Marseille wird seit jeher von neapolitanischen Clans beherrscht, daneben mischen in bestimmten Zweigen auch arabische Gangster mit. Durch die Inhaftierung eines Mafia-Bosses in Italien gerät das fragile Gleichgewicht aus der Waage. Einige nutzen die Chance, um aus dem Hintergrund aufzusteigen und um alte Rechnungen zu begleichen. Fabios alte Kumpels Manu und Ugo werden in diesem Machtkampf als Bauernopfer verheizt. Fabio kann das nicht so einfach hinnehmen. Sein Kollege Pérol fasst zusammen: „Es ist einfach dieses Gefühl, dass es Dinge gibt, die man nicht durchgehen lassen kann. Weil du sonst nicht mehr in den Spiegel schauen kannst.“ (S.207)

    Daneben ist der Roman aber auch eine Ode an Marseille. Marseille war seit jeher ein Schmelztiegel, eine Stadt der Einwanderer. Zahlreiche Nationen prägen noch noch heute die kulturelle Vielfalt der Stadt. Dabei ging und geht es aber auch durchaus rau zu. Doch Autor Jean-Claude Izzo hat eine große Bedrohung für seine Stadt ausgemacht: Der beginnende Vormarsch der Neo-Faschisten des „Front National“. Izzo benutzt seine Hauptfigur Fabio Montale, um uns die Hafenstadt am Mittelmeer mit allen Sinnen näher zu bringen. Fabio zieht durch die Straßen Marseilles und zeigt dem Leser dabei aber nicht nur die Schokoladenseiten. Er kehrt in zahlreiche Bars ein, um kurz einen Pastis, einen Cognac oder Lagavulin zu trinken. Daheim lässt er sich von seiner verwitweten Nachbarin bekochen. Fabio zitiert Gedichte oder Songtexte und hört zuhause Platten von Thelonious Monk oder Paolo Conte.

    Marseille ist keine Stadt für Touristen. Es gibt dort nichts zu sehen. Seine Schönheit lässt sich nicht fotografieren. Sie teilt sich mit. Hier muss man Partei ergreifen. Sich engagieren. Dafür oder dagegen sein. Leidenschaftlich sein. Erst dann wird sichtbar, was es zu sehen gibt. Und dann ist man, wenn auch zu spät, mitten in einem Drama. Einem antiken Drama, in dem der Held der Tod ist. In Marseille muss man sogar kämpfen, um zu verlieren. (S.31)

    Das Buch wurde im Original im Jahr 1995 veröffentlicht und bildet mit den nachfolgenden Bänden „Chourmo“ und „Solea“ die sogenannte Marseille-Trilogie. Der 2000 verstorbene Izzo meinte hierzu selbst: „Der Kriminalroman ist ein exzellentes Mittel, die komplexe Wirklichkeit in den Griff zu bekommen, ein perfektes Werkzeug, sie ins Licht zu rücken. Und Marseille ist eine schillernde Stadt, ein Knäuel von Fantasien und Lügen, Trugbildern und Täuschungen“ (S.251). Der Originaltitel „Total Khéops“ ist übrigens ein Songtitel der bekannten Marseiller Hip-Hop-Band IAM, veröffentlicht auf dem Mixtape „Concept“ im Jahr 1990, und steht sinngemäß für eine verworrene, komplizierte Situation.

    Ein Regionalkrimi – aber was für einer! Eine Hommage an eine raue, ungestüme und komplexe Stadt. Gleichzeitig persönlich-emotional und allgemein politisch. Formidable!

    Kommentare: 14
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    ralluss avatar
    rallusvor 7 Jahren
    Rezension zu "Total Cheops" von Jean-Claude Izzo

    Fabio Montale stammt aus einer Migrantenfamilie, lebt und arbeitet als Polizist in Marseille.
    Durch seine etwas kriminellere Vergangenheit ist er "nur" ein Vorstadtbulle. Doch er kennt diese Stadt voller Leben, Konflikte, Armut und Hass.
    Meistens Fremdenhass gegen Migranten, zugereiste Araber die hier ihre Chance suchen, wie so viele - meist vergeblich.
    Nachdem auch der zweite seiner langjährigen Jugendfreunde getötet wird, macht er sich auf die Suche nach sich selbst und dem Mörder.
    Fabio ist keine einfache Figur, er weiß nicht wo er steht, er hasst und liebt diese Stadt, mit seinen Vorgesetzten kommt er so zurecht, aber sie nicht mit ihm.
    Izzo hält der französischen Gesellschaft mit Hilfe von Fabio den Spiegel vor, es ist nicht nur ein Krimi. Izzo flechtet sehr viel Sozialrealismus in sein Buch mit ein.
    Fabio versucht die Menschen zu verstehen mit ihnen zu leben und die Drahtzieher hinten den Morden zu finden.
    Er liebt das Scheißleben, das Essen, seine Musik (Jazz), die Frauen und Marseille. Vor allem ist dies auch eine Hommage an Marseille das am Besten in diesem Buch wegkommt.
    Izzo versteht es in kurzen Sätzen Worten seinen Menschen Leben und Echtheit einzuflössen, jede Person ist fein akzuentiert und plastisch ausgeprägt.
    Man muss sich in seine Erzählweise die von Gedanken zu Gedanken, von heute zu gestern springt, eingewöhnen. Izzo ist ungemein deutlich in seiner Art, auch schmutzig, direkt, schonungslos.
    Fabio ist virbrierend, fiebrig voller Leben, andere Kommissare wirken gegen ihn abfallend flach.
    Fabio LEBT Marseille, das Essen den Sex und den Alkohol, fast scheitert er - doch Izzo ist ein unheilbarer Romantiker.
    2001 mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet. "Strahlend und verdreckt, edel und käuflich, sinnlich und verwelkt, brüderlich und hasserfüllt" (Le Monde)
    Mehr geht nicht.

    Kommentare: 1
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    Jades avatar
    Jadevor 10 Jahren
    Rezension zu "Total Cheops" von Jean-Claude Izzo

    Der perfekte Krimi!
    Eine wunderschöne Sprache, sozialkritisch, hoffnungslos, desillusioniert, sinnlich, lebenssprühend und mitreissend.
    Izzo erzählt vom hoffnungslosen Romantiker Fabio Montale der seinen Weg durch die Vorstädte Marseills sucht. Er begegnet dabei Hass, Liebe, Begehren, Rassismus, Niederträchtigkeit und sinnloser Gewalt.
    Ein perfekter und komplexer Plot gehört selbstverständlich dazu.

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    Nemos avatar
    Nemovor 7 Jahren
    Kurzmeinung: Wenn sich auch manchmal zwischen dem französischen Intellektuellen und dem italienischen Underdog eine Kluft ergibt - was für ein (Regional-...
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    Hawkeye
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