Jean-Claude Kaufmann Wenn ICH ein anderer ist

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Inhaltsangabe zu „Wenn ICH ein anderer ist“ von Jean-Claude Kaufmann

Es gibt viele Wege der Selbstfindung, der Markt der Hilfsangebote ist unermesslich: Psychologische Ratgeber, Frauenzeitschriften, Trainingsseminare, Auslands-Crashkurse, Volkshochschulvorträge – alle versprechen »den Weg zum Selbst«. Doch ist das Ziel, »ganz man selbst zu sein«, nicht nur schwer erreichbar, sondern eigentlich schlichte Unmöglichkeit? Jean-Claude Kaufmann provoziert »Selbstfindungsgetriebene« mit der These, dass es gar kein klar definierbares ICH geben kann: Niemals und selbst nach noch so intensiven Bemühungen haben wir ein unveränderliches »wahres« Selbst in uns. Stattdessen weist unsere Identität unendlich viele Facetten auf und wandelt sich ständig, ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Dabei erfinden wir uns permanent selbst und sind in unseren Veränderungen stark durch unsere soziale Herkunft und unser Umfeld beeinflusst. Jean-Claude Kaufmann erklärt, warum und wie wir uns verändern. Dabei konzentriert sich der französische Klassiker populärer Soziologie auf ganz präzise Momente: Auf die, in denen ICH ein ANDERER wird. Die Mechanismen, die in diesen Augenblicken ablaufen, erläutert er unterhaltsam anhand von wohlbekannten Alltagssituationen: dem Morgen nach einer Liebesnacht, dem Zusammenprall unterschiedlicher Vorstellungen über die Haushaltsführung, dem Ärger über die Tischmanieren des Partners, den Träumen, die man verwirklicht, um dem Leben neuen Schwung zu geben. Er zeigt uns: ICH ist niemals mehr ICH, als wenn es sich anders erfindet.

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  • Rezension zu "Wenn ICH ein anderer ist" von Jean-Claude Kaufmann

    Wenn ICH ein anderer ist
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    12. November 2010 um 17:05

    Warum und wie der Mensch sich verändert Weit entfernt von vielen populärwissenschaftlich erstellten Büchern zum Thema Selbstfindung und Selbstveränderung, deren Simplifizierungen zwar, vor allem, wenn Sie mit einem attraktiven Äußeren des Autors verbunden sind, für hohe Verkaufszahlen und volle Hörsäle sorgen, entfaltet Jean-Claude Kaufmann, von Haus aus Soziologe, auf höchstem Niveau und dementsprechender Komplexität seine Sicht auf den Bereich der Frage, warum und wie sich ein Mensch verändert, wenn er sich verändert. Wer auf diese Fragen eine einfache Antwort sucht, wer weiterhin dem Ideal anhängt, irgendwann sich selbst ganz zu finden und dann eben endlich leben zu können, was er oder sie ist, der wird dieses Buch erstaunt nach dem Lesen aus der Hand legen. Von Beginn an bereits stellt Kaufmann klar, dass ein klar definiertes „Ich“ gar nicht vorhanden sein kann. Jede Identität weist eine Vielzahl von Facetten auf, die je nach Situation und Ort abgerufen werden, die je nach Erfordernissen sich entfalten und entwickeln oder im Gegenteil durchaus auch verkümmern, wenn sie nicht angefragt und angeregt werden. Der Mensch wandelt sich stetig, dass ist die Essenz seiner Erkenntnisse, bevor er sich konkret jenen Momenten des Lebens in nachvollziehbarer und klarer Sprache zuwendet, an denen Veränderungen sich konkret festmache und zeigen. Da, wo die Persönlichkeit eine Entwicklung erfährt, unter Umständen eine ganz andere als die bisher gewohnte Richtung nimmt und ebenso da, wo biographische Abbrüche, Wechsel, Umzüge, das Zerbrechen oder Entstehen bis dato gewohnter Lebensumstände eine Veränderung zwingend von außen in den Raum setzten, denen das Innere durchaus korrespondierend zu antworten hat. Quasi wählt das Ich in solchen Momenten ganz vordergründig, ansonsten aber ebenso beständig hintergründig aus verschiedenen „Daseinsformen“. Kaufmann lokalisiert diese Daseinsformen, die Rahmungen der verschiedenen, vorliegenden Identitäten, einerseits im sozialen Kontext der inneren Sozialisation als gegebene Prägung oder „Schicksal“ und zum andern im individuell subjektiven Bereich von Entscheidungen zu Kurskorrekturen des eigenen Lebens, die durchaus auch die Erwartungen der anderen und der eigenen Sozialisation durchbrechen können. „Helix“ nennt Kaufmann hierbei die beständig sich drehende und fortentwickelnde Struktur des Lebens an sich, „Doppelhelix“ findet er als begriff für die genannten beiden Pole, die jeweils untrennbar verbunden das Individuum quasi dazu aufordern, je angemessene Persönlichkeiten im Bewusstsein nach vorne zu bringen. Einfacher beschreibt Kaufmann das Gemeinte am Beispiel des „Morgens danach“. Einerseits im Vorfeld das Gefühl und der Wunsch nach Vertrautheit (Sozialisation) und am morgen danach das plötzliche Erkennen der Fremde (Individuelle Entscheidungen stehen an). Kaufmann ist ein höchst differenziertes Buch gelungen, in dem er schlüssig nachweist, dass die vermeintlich so festgefügte Vorstellung einer „Kernidentität“ des Menschen nicht zu halten ist, stattdessen eröffnet er den Weg zu einer noch folgenden, durchaus intensiven Diskussion des Verständnisses von „Identität“ als eine sich wandelnde Realität, beeinflusst von den Polen der Sozialisation und möglicher, individueller Entscheidungen, die dann jeweils neue, andere, dennoch aber nicht starre, sondern dynamische Prozesse wiederum in Gang setzen. Inhaltlich und in der sprachlichen Form ist das Buch keine leichte Kost und setzt Abstraktionsvermögen voraus, in guter Weise gelingt es Kaufmann jedoch immer wieder anhand griffiger Beispiele aus dem alltäglichem Leben entnommen, seine Gedanken zu Erden und verständlich fest zu zurren. Ein faszinierendes und vielseitiges Buch, dass auf höchstem Niveau das eigene Denken anregt.

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