Jean-Luc Seigle Der Gedanke an das Glück und an das Ende

(7)

Lovelybooks Bewertung

  • 7 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 3 Rezensionen
(2)
(3)
(2)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Der Gedanke an das Glück und an das Ende“ von Jean-Luc Seigle

Der 9. Juli 1961 ist ein einschneidender Tag für die Familie Chassaing. Für Albert, seine Frau Suzanne und ihren jüngeren Sohn Gilles. Der ältere, Henri, ist als Soldat im Algerienkrieg. An diesem Tag wird den Chassaings der erste Fernseher in das Dorf geliefert, weil eine Sendung über den Krieg, in der Henri auftritt, ausgestrahlt wird. Alle werden kommen. Auch erfährt man auf eine geradezu zärtliche Weise durch Albert, dass Suzanne, die alles Neue liebt, an diesem Tag anfängt einen anderen Mann zu begehren. Er weiß, er wird nichts dagegen tun können, weil der Zweite Weltkrieg ihn verändert hat. Er kämpfte in der Festung Schoenenbourg der Maginotlinie. In der Nacht des 9. Juli erhängt sich Albert. Zuvor eröffnet er seinem jüngeren, gerade Honoré de Balzacs "Eugénie Grandet" mehr erlebenden als lesenden Sohn Gilles die Möglichkeit, in dieser ländlichen Arbeiterwelt seiner Leidenschaft für die Literatur nachzugehen. Er bittet den alten Lehrer, sich um ihn zu kümmern. Die Gefühlslagen der verschiedenen Familienmitglieder in der Stimmung der Nachkriegszeit werden so einfühlsam und genau beschrieben, dass man sich dem nicht entziehen kann. Wie nahe sich die Mitglieder einer Familie auch sind, sich lieben und wie wenig sie ihr Leben doch miteinander teilen können, dieser Erfahrung wird in dem Roman in gekonnt verknappten Dialogen und einer poetischen und schnörkellosen Sprache nachgegangen - auf eine dem Menschen zutiefst zugewandte Weise.

Ein sehr melancholisches Buch, das an Hand eines einzigen Tages aufzeichnet wie nahe Glück und Tod beieinander liegen ...

— 19angelika63
19angelika63

Stöbern in Romane

Der Vater, der vom Himmel fiel

Ein "Glücksgriff" in Buchform: Witzig, geistreich, einfach.nur.zum.Brüllen.komisch - und so wahr ;) 5 Sterne reichen hier nicht aus ;))

SigiLovesBooks

Underground Railroad

Eine tolle Heldin, die trotz aller Widrigkeiten nie aufgibt und immer wieder aufsteht, auch wenn es das Schicksal nicht gut mit ihr meint.

Thala

Swing Time

Eine sehr lange, gemächliche Erzählung, der streckenweise der Rote Faden abhanden zu kommen scheint. Interessanter Schmöker.

kalligraphin

Vintage

Überraschend gute und spannende Unterhaltung für jeden Blues- und Rock'n'Roll-Fan und alle die es noch werden wollen!

katzenminze

Die Geschichte der getrennten Wege

Fesselnd und langatmig, mal begeisterte mich der Roman, mal las ich quer. Ein gemischtes Leseerlebnis.

sunlight

Wie der Wind und das Meer

Liebesgeschichte, die auch einen Teil der deutschen Geschichte wiederspiegelt - mir fehlten die Emotionen

schnaeppchenjaegerin

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Ein einzigartiges Porträt einer Familie im gesellschaftlichen Umbruch eines ganzen Landes

    Der Gedanke an das Glück und an das Ende
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    19. August 2014 um 13:46

      Mehr als 80 000 Mal ist das erste auf Deutsch erschienene Buch des französischen Schriftstellers und Drehbuchautors Jean-Luc Seigle in Frankreich verkauft worden. Hat man es ganz bis zu Ende gelesen, versteht man auch warum. Denn es rührt an etliche in Frankreich gut gehütete politische und gesellschaftliche Tabus, unter anderem den Krieg in Algerien und die in Frankreich sehr umstrittene Rolle der französischen Armee im Kampf gegen Nazideutschland und die in dem Zusammenhang oft lächerlich gemachte Bedeutung der Maginot-Linie.   Der Roman spielt an einem einzigen Tag und reflektiert die Geschichte der Familie Chassaing. Der Vater Albert, dessen schreckliche Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg nie wirklich von Bedeutung waren und der sich schon seit langem ins Schweigen und  die Scham geflüchtet hat, arbeitet in der Stadt in den Reifenwerken von Michelin und kümmert sich in seiner Freizeit um Haus und Garten. Seine Frau Suzanne verändert sich schon seit einiger Zeit, das spürt Albert. Auch, dass sie sich immer weiter von ihm entfernt.  Genau an dem Tag, dem 9. Juli 1961 geschehen in dieser Familie viele entscheidende Dinge. Suzanne verliebt sich in den Postboten und schläft mit ihm in einer leidenschaftlichen Begegnung am See. Der jüngere Sohn Gilles, eine Leseratte, der sich gerade mit Balzac Eugenie Grandet befasst, wird zum ersten Mal von seinem Vater zu einem pensionierten Lehrer in der Nachbarschaft gebracht, Monsieur Antoine. Der soll ihm das geben an Teilhabe an der intellektuellen Welt, was Albert nicht leisten kann.   Gegen Abend, Suzannes sexuelles Erwachen ist schon geschehen, Gilles war schon das erste Mal bei Antoine, kommt der Fernsehapparat ins Haus, der erste in im ganzen Dorf. Suzanne hat ihn bestellt und wie bei allen Neuanschaffungen auch schon einen Termin beim Fotografen gemacht. Sie hat ihn bestellt, weil an diesem Abend eine Reportage aus Algerien gesendet wird, bei der, wie sie durch Briefe erfahren hat, ihr ältester Sohn Henri interviewt wird.   Und Albert, der in vielfacher Hinsicht Beschämte, trifft eine Entscheidung, die nicht nur ihn erlösen wird, sondern auch seinen Sohn Henri, den er so gerne vor der Erfahrung bewahren möchte, unter der er sein Leben lang gelitten hat, vom Kriegsdienst wieder nach Hause bringen soll.   Sein Sohn Gilles wird ihn finden und es wird ihn von einem auf den anderen Moment erwachsen werden lassen. Fünfzig Jahre später wird er als sechzigjähriger Literaturprofessor in einer Vorlesung einen Exkurs halten über die Bedeutung der Maginotlinie und damit nicht nur seinem Vater Gerechtigkeit widerfahren lassen.   Jean-Luc Seigle, der in Frankreich auch als Autor von Thrillern bekannt wurde, hat mit diesem Buch ein einzigartiges Porträt einer Familie gezeichnet im gesellschaftlichen Umbruch eines ganzen Landes.  Die Moderne scheint an einem einzigen Tag in eine Nachkriegswelt einzubrechen, die lange aus ihren Tabus und Regeln gelebt hat, die aber über kurz oder lang vergehen und Neuem weichen wird.   Es sind die stellenweise poetischen Beschreibungen der Gefühlswelten von Albert, Suzanne und dem jungen Gilles, die den Leser gefangen nehmen. Und das ganze Buch ist in der Person von Gilles, der es mit einer engagierten Vorlesung beschließen wird, eine Hommage an die Literatur, insbesondere an Balzac und ihre rettende Kraft.

    Mehr
  • Ein Buch der leisen Töne ...

    Der Gedanke an das Glück und an das Ende
    19angelika63

    19angelika63

    Klappentext Der 9. Juli 1961 ist ein einschneidender Tag für die französische Familie Chassaing, für Albert, seine Frau Suzanne und ihren jüngeren Sohn Gilles; der ältere, Henri, ist als Soldat im Algerienkrieg. An diesem Tag wird den Chassaings der erste Fernseher in das Dorf geliefert, weil eine Sendung über den Krieg, in der Henri auftritt, ausgestrahlt wird. Alle werden kommen. Auch erfährt man auf eine geradezu zarte Weise durch Albert, dass Suzanne, die alles Neue liebt, an diesem Tag anfängt, einen anderen Mann zu begehren. Er weiß, er wird nichts dagegen tun können, er wird ihr nicht den Weg in die Zukunft geben können, weil der Zweite Weltkrieg ihn verändert hat. Albert Chassaing war 1940  auf Burg Schoenenbourg stationiert, einer der Festungen der sogenannten Maginotlinie, die Frankreich vor einem Angriff Deutschlands schützen sollte. Die Deutschen umgingen und durchbrachen diese "uneinnehmbare" Linie allerdings, was sehr bald zur Kapitulation Frankreichs führte, ein französisches Trauma. „Denn jenseits der Demütigung, die sie erlitten hatten, war diese Niederlage für sie wie ein Gnadenstoß, als … (…) … ja, als hätte sie alle eine Kugel ins Herz getroffen. (S. 221) Und genau dieses Trauma lässt Albert am Leben verzweifeln. Er sieht keinen Sinn mehr darin zu leben, einzig die tägliche körperliche harte Arbeit gibt ihm ein bisschen das Gefühl, das er lebt. Doch in Wirklichkeit ist Albert Chassaing auf dem Feld gestorben. Dieses Trauma verfolgt Albert jeden Tag. Er denkt oft daran Schluss zu machen. In der Nacht des 9. Juli 1961 erhängt er sich dann letztendlich. Doch vorher bekommt der Leser einen Einblick in das Leben der Familie. Sie alle lieben einander, doch keiner/ keine kann seine Gefühle wirklich zeigen.  Jedes einzelne Familienmitglied lebt in seiner eigenen Welt. Albert ist immer noch im Krieg gefangen, Suzanne in ihrer Liebe zu ihrem Sohn Henri und Gilles in der Traumwelt seiner Bücher. Diese Geschichte spielt an einem einzigen Tag im Leben der Familie Chassaing. Der Autor schafft es mit einer wundervollen poetischen und melancholischen Stimmung diesen Tag zu beschreiben. Ein Tag der alles verändert, der zeigt wie nahe Glück und Tod beieinanderliegt. Obwohl dieses Buch sehr melancholisch ist und auch tragisch endet, hinterlässt es in mir ein Gefühl der Wärme und Dankbarkeit … denn am Ende hat jeder von den Chassaings seinen eigenen Weg gefunden.

    Mehr
    • 8
    Sabine17

    Sabine17

    05. August 2014 um 22:38
  • Die große Traurigkeit

    Der Gedanke an das Glück und an das Ende
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    Es liegt eine ungeheure Traurigkeit auf diesem Buch. "En vieillissant les hommes pleurent" heißt der Originaltitel. Derjenige, der da älter wird, ist Albert Chassaing, 53 Jahre, Arbeiter bei Michelin, irgendwo in der französischen Provinz nahe Clermont. Man schreibt das Jahr 1961, Frankreich befindet sich im Algerien-Krieg und auch Alberts ältester Sohn ist in diesem Krieg, schmerzlich vermisst von seiner ihn über alles liebenden Mutter Suzanne. Die Ehe von Albert und Suzanne ist schon lange nicht mehr glücklich, Albert liebt seine Frau noch, kann mit ihr aber nicht reden, versteht sie nicht, verschließt sich. Er fühlt sich vor allem hingezogen zu seinem eigenwilligen jüngeren Sohn Gilles, dem in Schatten seines großen Bruders nur wenig mütterliche Liebe zukommt, der nichts lieber tut als Bücher zu lesen, der in der Schule erfolgreich ist, aber in sich gekehrt, verschlossen. Zunächst ahnt der Leser nicht, wie es zu Alberts bodenloser Traurigkeit, seiner Erschöpfung, seinem Lebensüberdruss kommen konnte. Keine glückliche Familie, aber auch keine offensichtlichen Abgründe. Wir begleiten die Familie, dazu gehört noch die alte Madame Chassaing und in Gedanken der früh verstorbene Vater, eine kurze Zeit, erleben, wie der erste Fernsehapparat bei ihnen ankommt - unter großer Anteilnahme der gesamten Dorfbevölkerung - , verfolgen die Annäherung von Gilles an den neuen Nachbarn, einem ehemaligen Lehrer, beobachten, wie Suzanne mit dem Postboten anbändelt. Es geschieht nichts weiter und doch erleben wir, wie sich die Schlinge der Traurigkeit und Verzweiflung um Albert immer enger zieht. Irgendwann wird klar, dass sie auch mit Erlebnissen zu tun hat, die noch in die Zeit des Zweiten Weltkrieges, in dem der Vater Soldat war, zurückreichen. Dieser war 1940 auf Burg Schoenenbourg stationiert, einer der Festungen der sogenennten Maginotlinie, die Frankreich vor einem Angriff Deutschlands schützen sollte. Die Deutschen umgingen und durchbrachen diese "uneinnehmbare" Linie allerdings, was sehr bald zur Kapitulation Frankreichs führte, ein französisches Trauma. Im letzten Teil des Buches - nicht wirklich integriert - geht der nun 60jährige Gilles als Professor auf diese Maginotlinie und ihre Bedeutung ein. Dieser Abschnitt war zwar recht interessant, passte aber für mein Empfinden in seiner Sachlichkeit nur wenig zu der zuvor erzählten Familiengeschichte, in der der Autor ganz leise, eindringlich einer großen Lebenstraurigkeit und ihrer Auswirkung auf die gesamte Familie nachzugehen versucht. Dennoch eine lohnende Lektüre!

    Mehr
    • 2