Jean-Paul Dubois

 3.4 Sterne bei 12 Bewertungen
Autor von Der Fall Sneijder, Die Jahre des Paul Blick und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Jean-Paul Dubois

Jean-Paul Dubois arbeitet als Journalist beim «Nouvel Observateur» und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. «Ein französisches Leben» war ein internationaler Bestseller.

Alle Bücher von Jean-Paul Dubois

Der Fall Sneijder

Der Fall Sneijder

 (4)
Erschienen am 01.01.2014
Ein französisches Leben

Ein französisches Leben

 (2)
Erschienen am 01.01.2007
Hommes entre eux

Hommes entre eux

 (1)
Erschienen am 04.01.2007
Heute wird das nix!

Heute wird das nix!

 (1)
Erschienen am 01.02.2010
Le cas Sneijder

Le cas Sneijder

 (1)
Erschienen am 01.09.2012

Neue Rezensionen zu Jean-Paul Dubois

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W

Rezension zu "Der Fall Sneijder" von Jean-Paul Dubois

Unterhaltsam und fesselnd, und dennoch von beeindruckender menschlicher Tiefe
WinfriedStanzickvor 5 Jahren


 

Der 1950 in Toulouse geborene und in Deutschland trotz zweier schon 2005 und 2007 veröffentlichter Romane noch relativ unbekannte französische Schriftsteller Jean-Paul Dubois ist in seiner Heimat ein  sehr bekannter und schon mit vielen Preisen ausgezeichneter Autor.

 

Vielleicht ändert sich sein Bekanntheitsgrad bei uns mit seinem neuen bei DTV erschienenen Roman „Der Fall Sneijder“. Auf 240 Seiten, die sich beim Lesen umblättern wie im Flug, erzählt er spannend und mit großer erzählerischer Tiefe die Geschichte von Paul Sneijder. Dessen Leben nimmt am 4. Januar 2011 um genau 13:12 Uhr eine dramatische Wendung. Denn er wird zusammen mit seiner aus erster Ehe stammenden, etwa dreißigjährigen Tochter Marie und zwei weiteren Menschen Opfer eines furchtbaren Unfalls.  Der Aufzug eines Hochhauses in Montreal stürzt mit seinen vier Fahrgästen  aus ungeklärten Umständen 28 Stockwerke in die Tiefe. Paul Sneijder ist der einzige, der das Unglück überlebt. Ein Wunder, über das sich  Paul Sneijder, den Dubois die Geschichte selbst erzählen lässt, aber nicht wirklich freuen kann. Von einem auf den anderen Tag stellt der Unfall sein Leben auf den Kopf. Er weiß, dass er sein altes Leben nicht weiterleben kann, doch er lehnt professionelle Hilfe ab, genauso wie er später seine versicherungsrechtlichen Ansprüche schleifen lassen wird:

„“Jedenfalls habe ich nicht im Entferntesten die Absicht, zum Arzt zu gehen. Ich habe über mein Problem nachgedacht und beschlossen, es zu akzeptieren, damit zu leben. So wie man sich nach einem Unfall damit abfindet, dass man hinkt. Vielleicht gibt es seit diesem Ereignis tatsächlich Momente, in denen mein Gehirn ein  wenig hinkt, Nun, dann werde ich künftig riskante Situationen meiden, mich sooft es geht, von Hochhäusern fernhalten und vor allem von den Leuten, die darin leben.“

 

Seine gut bezahlte Stelle als Weinhändler kündigt er, und nicht nur deswegen wird die Kluft zwischen ihm und seiner zweiten Frau Anna immer größer. Doch das stört ihn nicht. Paul Sneijder beschäftigt sich immer intensiver mit allem, was er über Aufzüge an Informationen bekommen kann und wird bald zu einem regelrechten Spezialisten. Und dann stößt er auf einen Artikel mit dem Titel „Up an Then Down“ im New Yorker:

„’Aufzüge werden weit unterschätzt und unterbewertet. Sie sind für eine Stadt das, was Papier für das Lesen oder Kanonenpulver für den Krieg sind. Ohne Aufzüge gäbe es keine Vertikalität mehr, also auch keine Bevölkerungsdichte. Man müsste die Energie über immer weitere Strecken transportieren, und alle kulturellen Fermente, die an die Urbanität geknüpft sind, würden sich auflösen. Die Bevölkerung würde sich ausbreiten, sich wie ein Öllache über den gesamten Planeten verteilen, und die Leute verbrächten ihr Leben in öffentlichen Verkehrsmitteln.’“

 

Und es wird ihm klar: „Die Wirklichkeit war nicht mehr dieselbe, wenn man sie von einer Fahrstuhlkabine aus betrachtete.“ Und nun wird sein gesamte Nachdenken und Forschen zu einer Parabel über das Leben in unserer Gegenwart und  die Aufzüge zu einer Metapher für die moderne urbane Welt.  Seine beiden in Europa lebenden Söhne aus erster Ehe kommen mehrmals geflogen, um ihren Vater zur Räson zu rufen, vor allen Dingen auch, weil er Millionenbeträge, die ihm von der Versicherung zustehen würden, in den Wind schlägt.  Und obwohl sie in  trauter Eintracht mit ihrer Stiefmutter  ihren Vater für unmündig erklären lassen, hält Paul an seinem Traum fest: er will in Dubai mit dem Aufzug auf das höchste Gebäude der Welt fahren…

 

Unterhaltsam und fesselnd, und dennoch von beeindruckender menschlicher Tiefe wirkt dieser Roman noch lange nach, macht nachdenklich und skeptisch.

 

 

 

 

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Rezension zu "Der Fall Sneijder" von Jean-Paul Dubois

Und in der Mitte ist der Fahrstuhl
michael_lehmann-papevor 5 Jahren

Und in der Mitte ist der Fahrstuhl

Langsam, ruhig, jedes Wort abwägend und mit jedem Wort die Person, die Atmosphäre, die dargestellt Welt treffend, so fließt die Geschichte durch dieses Buch.

Eine Parabel, sicherlich. Wenn Sneijder im Buch sich mehr und mehr in die Fachliteratur über Aufzüge vergräbt (aus gutem Grund) und ebenso mehr und mehr in dieser technischen Errungenschaft ein Abbild des modernen menschlichen Lebens entdeckt.
0,9 qm sind es, die an Standfläche für Menschen berechnet sind und ebenso ist es wahr, dass bei hohen Gebäuden zunächst der Aufzug geplant wird und dann das Gebäude um diesen herum errichtet wird. Die Technik bestimmt den Menschen bis ins Kleinste hinein, so arbeitet es Dubois wunderbar erzählt heraus.

Sneijder hat einen Absturz überlebt. Ein Ereignis, dass der technischen Wahrscheinlichkeit nach nie hätte passieren dürfen. Ein Ereignis, dass alle folgenden Ereignisse in seinem Leben auslöst, aber, und das ist wichtig, nicht grundlegend seine innere Haltung verändert.

Eher ist es so, dass durch dieses Überleben eines makaberen Unfalls mit seinen grausamen Begleiterscheinungen (welche der Leser im Buch selbst entdecken sollte), mehr und mehr sich der Kern seiner Person, der Status Quo seines Lebens, offen legt.

Das, was lange vor sich hin schwelte nun mehr und mehr in den Blick rückt. Soweit, dass er in seinem Leben von einer heftigen Allergie geplagt werden wird, als würde sein gesamter Körper die Umstände dieses, seines Lebens ablehnen. Auch wenn man dies vordergründig auf eine Hundeallergie schieben könnte, Sneijder weiß es besser.

Mit seiner zweiten Frau und seinen Zwillingen aus dieser zweiten Ehe, die für ihn nur „der Keller-Anteil seines Lebens“ sind. Nichts, mit dem er innerlich in Kontakt stehen würde, Frau und Kinder, die ihm völlig fremd erscheinen, als „Ratten“, die aber dennoch sein äußeres Leben deutlich mit bestimmen.

Auch in dieser Konstellation im Übrigen zeigt Dubois die Pole des Lebens.
Die „Technokraten“ und „Karrieristen“, die sorgsam geplant und völlig blutleer Schritt vor Schritt setzen und inmitten dieser der schwerblütige Sneijder.
Der neue Welten entdeckt, in den „Augen der Welt“ große Schritte „nach unten“ freiwillig vollzieht, der sich nicht zu fein dafür ist, Hundekot zu entsorgen und der mit den Hunden und all dem drum herum eine ganz Welt feinfühliger Emotionen entdeckt, die mit den Menschen seines Lebens nicht im Ansatz zu finden sind.

Kalkül gegen Emotion, geschmierte und hochentwickelte Technik gegen den langsamen Gang durch den botanischen Garten. Das Lechzen nach Geld (eine hohe Entschädigung stände an) und der Unwillen, sich dem überhaupt noch auszusetzen (was weitreichende Folgen für Sneijder zum Ende des Buches hin noch haben wird).

Eine kühle Welt der Sprachbefehle und der Technik, die den Menschen seiner Einflussmöglichkeiten entkleidet. So wie die Tatsache, dass der Knopf zum Türöffnen in modernen Aufzügen ohne jede echte Funktion ist und allein psychologischen Überlegungen dient, dem Nutzer ein wenig das Gefühl zu lassen, eingreifen zu können.

„Du gehst mir auf die Nerven mit deinen „High-Potential“ Menschen und Alarmanlagen“.

Massiv bedrängt erlebt sich Sneijder durch die Seinen und die Welt, schleicht sich davon, betrauert seine erste Familie und zieht seine Bahn in immer größerer Abtrennung von dem, was für die Welt so immens von Bedeutung ist.

Sprachlich, in der Tiefe, in seiner Gleichnishaftigkeit und in der Ruhe und Differenziertheit der Personen ist dies eine beeindruckende und fesselnde Lektüre, die den Leser teils verstört, teils nachdenklich zurücklassen wird. Mit der Frage, ob das Leben überhaupt noch ins Leben passt (hier verbleibt Dubois nicht sonderlich optimistisch).

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