Jean Paul Auswahl aus des Teufels Papieren

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Inhaltsangabe zu „Auswahl aus des Teufels Papieren“ von Jean Paul

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    Auswahl aus des Teufels Papieren

    Hallogen

    06. June 2010 um 06:38

    Dieses sperrige Buch (1789) kann man nur Leuten empfehlen, die gerade Ruhe haben, bereit sind sich viel Zeit zu nehmen und äußerst gründlich zu lesen. Am wahrscheinlichsten ist es, dass die Zweitlektüre den größeren Spaß bringt, denn beim ersten Mal ist es nur selten ein Genuss, dann aber ein großer. Da der Autor völlig außerhalb jeder Literaturströmung steht, erwartet man aber auch nichts anderes, und wundert sich wenig darüber, dass es hier nicht um 'den' Teufel geht, sondern um Literatur, Religion und so ziemlich jedes andere Thema der Zeit (vom Physiker Newton bis zu einer Klage über die 'Himmelfahrt der Gerechtigkeit', von Maschinen, die Menschen ersetzen bis zu einer Theaterphantasie in einer Wirtsstube, vom Plädoyer für die Verleumdung bis zur - abstrakten - Modenschau verschiedener Eigenschaften). Schon nach zwanzig Seiten kann man von einem Rundumschlag sprechen: gegen Rezensenten ohne Verständnis ("Auch auf den Rezensenten preßt’ ich wider meine Überzeugung ein dünnes Lob hervor, weil ich merkte, dass ihn der Teufel schätzte: ja ich bat diesen, ihn zu holen.“), gegen zu männlich agierende Frauen, fettleibige Beamte und Geistliche und vieles mehr richtet sich sein Spott. Viele seiner Witze sind eigentlich alberne Wortspielereien, und dennoch sind sie überdurchschnittlich. So wird er bei einer Demonstration in Marseille angeschossen, für tot gehalten und in einer Franziskanerkirche bestattet. Nach seiner 'Wiederauferstehung' bemerkt er einen Silberfuß (Reliquie), und "als ich mich und besagten Fuß aus der Kirche gestohlen hatte: merkt' ich erst, daß ich lebendig war." Diesen burlesken Charme findet man aber leider zu selten. Zudem ist das zwar wortwitzig, doch macht er bis zum Äußersten so weiter: "daß ich besagten Fuß mit meinen Händen säkularisierte und dieses Klostergut einzog", fügt er ebenso hinzu, wie "und da mir der metallne Fuß weit mehr zum Fortkommen diente als die zwei fleischernen, wovon einer durch den schießenden Bürgermeister lädiert war." An anderer Stelle schildert er eine Inquisition aus der Täterperspektive und straft u. a. eine Gruppe Handwerker, die einer neuen Bewegung angehören, die statt dem Sabbath "den blauen Montag" feiert und zwar nicht in Kirche oder Synagoge, sondern in Wirtshäusern... Diese Gratwanderung zur Plattheit ist durchaus nicht selten. Jean Paul ist für seine Bildersprache bekannt und auch die Abschweifungen kann man als typisch bezeichnen. Durch dieses Springen zwischen Themen fiel es mir stellenweise schwer, ihm zu folgen. Er hat einfach zu viel Spaß daran, den Leser zu verwirren und in die Irre zu führen. So behauptet er (das Buch erschien unter dem Pseudonym J. P. F. Hasus, der auch der Ich-Erzähler ist, ohne dass diese gleichzusetzen wären) etwa, er habe das Buch nur geschrieben, aber nicht gelesen, und ich war bald bereit, das zu glauben, denn so was wie einen roten Faden kann ich nicht erkennen. Er empfiehlt Ärzte als Helfer bei Todesstrafen, macht sich über große Zahlen von Taufpaten lustig oder schildert einen 'Hexenfall’, der einen Frisör auf den Scheiterhaufen brachte. Und das in aufeinander folgenden Kapiteln! Das Buch schwankt zwischen essayistischer Polemik und Erzählung, hält den Prosaanteil dabei recht gering (ein paar Fabeln; zwei, drei Erzählungen). Jean Paul attackiert vor allem die Hofleute und den katholischen Klerus, insbesondere Jesuiten, doch auch andere Personengruppen werden hier Opfer von Spott und Parodie. Neben der nicht immer verständlichen Bildersprache können einen die Sätze in den Irrsinn treiben, reichen sie doch nicht selten über mehr als zehn Zeilen, und mehrfach über ganze Seiten, schweifen dabei aber schon innerhalb des Satzes völlig ab. Dass Jean Paul dies bewusst so schwierig gestaltet hat, wird erst im Epilog völlig klar: dort findet sich ein Satzmonster mit über 500 !!! Wörtern, das über 66 Zeilen reicht, und damit endet, dass er schreibt, man könne ihm seine geäußerten Ansichten streitig machen, aber nicht, dass dieser Satz 'mehr als eine gute Seite' lang war. Warum also vier Sterne? Weil es einzelne Sätze sind, die herausstechen: "Das deutsche Publikum ist das amüsabelste Wesen und ein Buch müßte schon außerordentlich gut sein, dem es ganz und gar kein Vergnügen abgewänne" oder "Ohne Aussinnung ganz besonderer Unglücksfälle kann man wahrhaftig weder einen angenehmen Roman noch einen angenehmen Bankerut zu machen begehren." Vier Sterne aber vor allem, weil die Prosastücke herausragen. Die Geschichte von der Holzfrau ist dermaßen politisch unkorrekt, dass ich sie einfach lieben muss. Die im Epilog enthaltene Anekdote von den Eishäusern ist ein Meisterwerk des knappen Stils. Manche Szene, wie die der Inquisition ist durchaus hintergründig gestaltet, und ich bin sofort gewillt zuzugestehen, dass ich vieles gar nicht erst verstanden haben dürfte, denn die Belesenheit, die Jean Paul bereits zu diesem Zeitpunkt erreicht hatte, ist an vielen Stellen spürbar und lässt weitere Andeutungen nicht nur vermuten, sondern erahnen.

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