Jean Paul Biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin. Erstes Bändchen (alles erschienene).

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Inhaltsangabe zu „Biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin. Erstes Bändchen (alles erschienene).“ von Jean Paul

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  • Rezension zu "Biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin. Erstes Bändchen (alles erschienene)." von Jean Paul

    Biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin. Erstes Bändchen (alles erschienene).

    Hallogen

    20. June 2010 um 11:01

    Eine merkwürdige und schwierige Erzählung, eben typisch Jean Paul. Schon der Titel ist in sich eine Satire, heisst die längere Erzählung von 1796 doch komplett "Jean Paul's Biographische Belustigungen unter der Gehirnschale einer Riesin. Eine Geistergeschichte." Der Rahmen behandelt die Entstehung eben jener Riesin, bei der er scheinbar den Koloss von Rhodos (Strahlenkranz, Fackel) zum Vorbild nahm. Dann folgt die eigentliche Erzählung, ein banales Liebesstückchen, und schließlich ein Satirischer Appendix, in dem er sich selbst anklagt und dann ein Kirchweihfest beschreibt. Durch diese Drei- bis Vierteilung ist es etwas schwierig, das Werk als Einheit zu beurteilen, zumal bei einem Autor, der zur Abschweifung neigt. Allein das Bild der "Jungfer Europa", die in der Beschreibung stark an die New Yorker Freiheitsstatue erinnert (obwohl die bekanntlich viel später entstand!), ist aber so stark, dass ich diese Erzählung trotz des schweren Einstiegs und völlig wirrer Bilder mag: gegossen aus Zinnsoldaten und bezahlt mit einer Art Blutsteuer (Abgabe für jeden Aderlass und jede Schröpfung), bietet ihr Kopf einem ganzen Inquisitionsgericht Platz... In den ersten Kapiteln dominiert eine finstere - wohl liebeskranke - Atmosphäre: "Ach, führet keinen Menschen, dessen Wunden nicht alle recht fest verbunden sind, in den Tempel des Frühlings! Die süßen Wallungen drücken sonst das Blut durch seinen Verband.", heisst es da etwa im ersten Kapitel, oder: "Jetzt war es leichter, traurig zu werden; aber ich wollte die ganze dünne Brücke, die die Vergessenheit über den Höllen- und Fegefeuerfluß des Kummers schlägt, abbrechen." Dazu kommt eine verwirrende Bildsprache, die vielleicht mehr sagen will, als mir verständlich geworden ist. Zumindest erinnern die Farben (schwarz-weiß-roter Pflanzengürtel, dann kommt ein gelber Schmetterling) stark an die deutschen Nationalfarben, aber das kann auch eine übertriebene Ausdeutung meinerseits sein, denn er setzt sie mit Ruß, Schnee und Blut gleich. Die eigentliche Binnenerzählung berichtet von Missverständnissen eines Liebespaares, bei denen Echos eine große Rolle spielen, und plädiert für mehr Offenheit, da die Menschen in diesem "russischen Eispalast der Erde" ohnehin alle einsam sind, und sich die Hände reichen sollten, statt wie auf dem Friedhof nebeneinander und doch einsam zu sein. Im Appendix klagt sich Jean Paul selbst an (schließlich kann auch ein König gleichzeitig verschiedene Länder regieren und so theoretisch gegen sich selbst Krieg führen), teilt dabei auch gegen Frauen aus (indem er darstellt, letztendlich sei Klatsch auch nur Satire, nur eben ständig aktualisierte), und verweist darauf, das sie niemand zwingt, ihn zu lesen. Dann beginnt er völlig abzuschweifen, beschreibt ein Kirchweihfest, das er für allerlei Religionsspott und -kritik nutzt, und in das er eine Trauerrede für einen toten Bettler und einen Disput zu Themen wie Pressefreiheit einbaut. Für solche Werke braucht man Geduld und richtig verstehen kann man sie nur, wenn man sie mehrfach liest. Jean Paul parodiert hier Leseerwartungen, aber vor allem die Form (indem er es als Fragment fingiert). Letztendlich ist es ein Plädoyer gegen feste Stilrichtungen, denn er fordert mehr ernsthaften Spaß und spaßigen Ernst, weil das Leben nunmal genauso vielseitig ist. Seine Fürsprache für die Bettler zeugt von tiefem Humanismus und das gilt auch für seinen Religionsspott, der sich zumeist nicht gegen die Religion an sich, sondern gegen die Vertreter des Katholizismus richtet, gegen Dogmatik polemisiert (Vorgehen gegen 'unkirchliches Denken' sei der erste Schritt zur Abschaffung alles Denkens), und sich auf die Seite armer Geistlicher stellt, die gezwungen sind, sich an die Vorgaben zu halten, da sie sonst verhungern.

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