Was für ein Buch! Ich konnte kaum aufhören zu lesen, auch wenn ich gar nicht alles verstanden habe, also wieder ein Roman, den man ein zweites Mal langsamer und aufmerksamer lesen müsste, einer, der nachwirkt und erschreckende Parallelen zum heutigen Geschehen aufzeigt.
Man könnte ihn als eine Art Neuerzählung von Mary Shelleys Klassiker ‘Frankenstein’ sehen und tatsächlich spielt er nicht nur wegen der hochaktuellen Frage der technischen Entwicklungen und der Frage nach dem Menschsein eine Rolle, sondern es gibt außer der nahen Zukunft die Zeitebene von 1816 mit den Geschehnissen am Genfer See - also zwei Erzählstränge, die sich abwechseln und ähnliche Fragen behandeln: Was ist der Mensch? Gibt es eine Seele? Was passiert mit ihr und dem Gehirn nach dem Tod?
Aber die beiden Erzählstränge - der eine historisch, der andere futuristisch-dystopisch - sind nicht nur durch thematische und philosophische Fragestellungen und Motive verbunden, sondern witzigerweise auch durch die Namen der Hauptpersonen.
Wir kennen die Geschichte von der Entstehung des Frankenstein-Manuskripts, aber hier wird noch einmal in poetisch-atmosphärischer Dichte erzählt, wie Mary Shelley auf die Idee gekommen sein könnte. Es war nicht nur der Schauergeschichten-Wettbewerb, sondern sie hat auch ihre Beobachtungen und Gedanken zu den Themen Mensch, Tod und Seele eingeflochten. Der frühe Tod ihrer Kinder spielt dabei auch eine Rolle:
‘Man stelle sich vor, wir wären ewiger, reiner Geist, nicht an die Räder von Tod und Zeit gebunden.’ (295)
Dieser Gedanke ist die Verbindung zum Forscher und KI-, Robotik- und Kryonik--Wissenschaftler Victor Stein in der heutigen Zeit bzw. der sehr nahen Zukunft. Er hat die fixe Idee, das menschliche Gehirn, das Bewusstsein zu digitalisieren und in eine Cloud hochzuladen. Somit wären die Grenzen des menschlichen Lebens überschritten, der fleischliche Körper unnötig, der Mensch unsterblich.
Sind wir dann noch Menschen? Was unterscheidet uns von Maschinen? Was macht einen Menschen aus? Was sind eigentlich Tod und Leben? Ist diese Entwicklung zum Transhumanismus, zur körperlosen Zukunft, evolutionär, vielleicht sogar unausweichlich?
Das alles diskutiert er mit seinem Geliebten, dem jungen Transgender-Arzt Ry Shelley (früher Mary - Ma-Ry), der ihn fasziniert, weil er für ihn ein Hybrid ist, nicht Mann, nicht Frau oder beides, einer, der seinen Körper selbst durch OPs und Hormonbehandlung erschaffen hat, also ‘bewusst in seine Evolution eingegriffen’ und ‘seine physische Realität dem mentalen Selbstbild angeglichen’ hat.
Es geht aber nicht nur hochintellektuell, sondern auch mal drastisch zu. Nicht nur gibt es die ein oder andere Sexszene in beiden Zeitebenenen, sondern Ry Shelley besorgt Victor Stein auf ungesetzlichem Weg Leichenteile, z.B. Hände für Bewegungsexperimente, die Stein in einem geheimen unterirdischen Labor durchführt. Allerdings gehen diese weit über intelligente Implantate und Prothesen hinaus, sondern es geht eben um die Unsterblichkeit, das Digitalisieren des Gehirns. Dafür soll ihm Ry Köpfe besorgen.
Das klingt nicht nur makaber, sondern ist es auch durch eine andere, ebenfalls ‘schöpferisch’ tätige Person, den vulgären Ron Lord (Lord Byron), der nur eines im Kopf oder sonstwo …hat: lukrative Geschäfte mit realistischen Sexpuppen machen, Sex-Robotern, lebensechten Silikonpuppen mit eingebauter KI, die auf die Wünsche ihrer Besitzer eingehen. Seine Äußerungen dazu haben mich zuerst lachen lassen, sie klingen vordergründig witzig, aber das Lachen bleibt im Halse stecken, wenn er sein Franchise-System und seine weiteren Pläne erläutert. In gewisser Weise ist auch er ‘ein Frankenstein’ und ein vulgäres Pendant zu Victor Stein, weil er den echten Körper ersetzen will.
Hier hat die Autorin Winterson in satirisch-sarkastischer Weise Kritik am Geschäfte machenden Sexismus geübt, daran, Frauen zu Objekten zu degradieren und zu erniedrigen, indem man die perfekten Frauen schafft, die nie widersprechen und immer bereit sind.
Es gäbe noch viel zu ergänzen, z.B. über Claire, die evangelikale Heuchlerin (auch aktuell!) oder den Titel ‘Frankissstein’, der mit dem Wort ‘Kiss’ auf die Liebesbeziehungen Mary/Percy und Victor/Ry anspielt.
Das Ende ist überraschend und seltsam vieldeutig, lädt zu Spekulationen über die Folgen dessen ein, was man bisher gelesen hat.
Der Stil der Autorin wechselt kunstvoll zwischen poetisch bei Mary Shelley in der Natur am Genfer See, den drastisch-primitiven Äußerungen des Ron Lord, den hochgradig philosophischen Gesprächen zwischen Victor und Ry. Ein Beispiel für solche Kontraste zum Thema ‘wie man das mit den Köpfen macht’:
‘Die cephalische Isolierung (oder Neuroseparation) erfolgt durch chirurgische Transsektion auf Höhe des sechsten Halswirbels.’ (medizinische Erklärung) - Dazu Ron Lord: ‘Ich lasse mir doch nicht von einem Scheißtierarzt den Kopf absägen.’ - Und dann driftet er zu seinen Sexpuppen ab und erzählt, er besitze ‘eine ganze Kopffabrik’, wo es sogar einen Schlussverkauf gibt. 🙀 Auch kleine Nadelstiche kann man finden, z.B.
‘Wird das Gehirn von Donald Trump eingefroren?’ fragt Ron. - Max erklärt ihm, ‘dass das Gehirn zum Zeitpunkt des klinischen Todes voll funktionsfähig sein muss.’ :-)
Fazit
Auch hier - wie im Original Frankenstein - geht es um die Verantwortung eines Schöpfers. Victor ist ebenso wie Frankenstein besessen, will ‘ewiges Leben’ erschaffen ohne die ethischen Folgen zu bedenken, will in seiner Hybris Gott spielen.
Es ist ein Durcheinander von Realität, Fantasie und Fiktion, teils fragmentarisch und etwas chaotisch und man mag einwenden, die Autorin habe vielleicht ein wenig zu viel gewollt. Andererseits hängen alle diese Themen zusammen. Ich fand es spannend geschrieben und in seiner Aktualität - KI, Robotik und Kryonik betreffend - frappierend hellsichtig. Ich wünschte, dieses Buch würden viele lesen und darüber nachdenken oder diskutieren, denn in Zukunft werden wir mit diesen Themen sicher konfrontiert werden. Aber ich will nicht verhehlen, dass es trotz einiger witziger Stellen anspruchsvoll ist und den Leser stark fordert.