Jegana Dschabbarowa

 4,4 Sterne bei 9 Bewertungen

Lebenslauf

Jegana Dschabbarowa, geboren 1992 in einer aserbaidschanischen Familie in Jekaterinburg/Russland, ist Dichterin, Essayistin und Wissenschaftlerin. Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt ist ihr Debütroman. 2024 war sie gezwungen, Russland zu verlassen, sie lebt heute in Hamburg.

Quelle: Verlag / vlb

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Neue Rezensionen zu Jegana Dschabbarowa

Frauenunterdrückung, Fremd-Sein und Krankheit in Körperteilen erzählt

Die Hände der Frauen in Jegana Dschabbarowas Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt, sondern zum Arbeiten, Kochen, Nähen, Sticken und Kinder-Wiegen. Und doch, sie schreibt schon seit ihrer Kindheit und hat mit diesem autofiktionalen Roman ihr Debüt veröffentlicht, im Original auf Russisch, hier ins Deutsche übersetzt von Maria Rajer.

Die Kapitel sind jeweils nach Körperteilen benannt, so geht es beispielsweise um die Bäuche von Frauen und um das Schwanger-Werden und Gebären. Um die Münder, die bei den aserbaidschanischen Frauen in der Familie der Autorin nicht viel sprechen sollen und niemals einem Mann widersprechen: "Für eine Frau gehört es sich nicht zu sprechen, für eine Frau gehört es sich nicht zu widersprechen, eine Frau darf nie vergessen, dass sie Objekt, nicht Subjekt eines Satzes ist, doch das Wichtigste, das uns seine Fäuste lehrten, war zu schweigen, unsere Hoffnungen und Träume für uns zu behalten, unsere schrecklichen Geheimnisse niemals jemandem anzuvertrauen." (S. 29) 

Um die Augenbrauen, durch die sich verheiratete von "unschuldigen", ledigen Frauen unterscheiden: nur erstere haben das Privileg, sie sich zupfen zu dürfen. Um die Schultern, die so viel tragen müssen: harte Arbeit, aber auch das Fremd-Sein, beschimpft und mit dem Leben bedroht werden als sichtbar nicht-russisch aussehende Menschen in Russland: "... ich weiß nur noch, wie meine Schultern von dem schweren Rucksack wehtaten, wie er gegen meinen unteren Rücken knallte, wie ich nach Luft rang, was für eine Angst ich hatte. Damals spürte ich die Todesnähe zum ersten Mal mit meiner Haut, eine echte animalische Gefahr, damals verstand ich, dass fremd sein heißt, gehasst zu werden, ein Gefäß für Jähzorn zu sein." (S. 52)

Das Buch folgt keinem strikten Spannungsbogen, stattdessen nähert es sich in einzelnen Erzählepisoden, die eben jeweils von einem Körperteil inspiriert sind, drei großen Themen an: dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der aserbaidschanischen Familie der Autorin, der damit einhergehenden Unterdrückung der Frauen und dem engen Korsett an gesellschaftlicher Kontrolle und Verhaltensregeln, um die Ehre zu bewahren. Dem Aserbaidschanisch-Sein und als fremd wahrgenommen werden, während man in Russland lebt und sich bemüht, sich sprachlich und kulturell an die russische Gesellschaft anzupassen und gleichzeitig die eigenen kulturellen Wurzeln zu bewahren. Und einer degenerativen Muskelerkrankung, die dazu führt, dass die Ich-Erzählerin immer mehr die Kontrolle über ihren eigenen Körper verliert... aber gleichzeitig auf einer anderen Ebene an Freiheit dazu gewinnt, weil von ihr dadurch weniger erwartet wird, zu heiraten und Kinder zu kriegen. 

Es ist ein interessant und gut geschriebenes Buch über eine fremde Kultur, die vielen Leserinnen und Lesern im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannt sein dürfte. Ich habe beim Lesen viele wertvolle Einblicke gewonnen, ein bisschen haben mir allerdings ein roter Faden und eine noch tiefergreifende Figurencharakterisierung und -entwicklung abseits der ganz persönlichen Eindrücke gefehlt.

Bedrückende Geschichte

In der Geschichte geht es um eine aserbaidschische Minderheit in Russland und es geht um die Unterdrückung der Frauenrechte. Diese aserbaidschanische Minderheit lebt streng konservativ nach der Diaspora. Unsere Erzählerin kann sich schon immer schwer in die patriarchale muslimische Gesellschaft einfügen. Eine Krankheit befreit sie aus ihrer Rolle der schönen, heiratsfähigen Tochter. 


Ich fand die Geschichte sehr interessant, aber auch bedrückend. Denn es wird hier sehr eindrücklich aufgezeigt, wie hier die Frauen unterdrückt werden und ich persönlich könnte mich da auch nicht einfügen, weil ich meine Freiheit sehr liebe und auch für Freiheit für alle Menschen bin. Ich vergebe gerne 4 Sterne und eine Leseempfehlung.

Die Hände der Frauen

Ich gebe gerne zu, dass mein Interesse an diesem Roman als erstes durch das wunderschöne Cover geweckt wurde und erst danach durch die Kurzbeschreibung.

Aber was mich hinter dem fein ziseliert gemusterten Cover erwartete, überraschte und traf mich sehr.


Die Dichterin, Essayistin und Wissenschaftlerin zeigt mir in ihrem ersten Roman eine mir unbekannte Welt, deren misogyne Mechanismen mir gar nicht so unbekannt sind.

Dschabbarowa wurde in Russland in einer aserbaidschanischen Familie geboren und wuchs dort in der streng konservativen aserbaidswchanischen Community auf, die dort in der Diaspora lebt.

In dieser Community lebt auch die Ich-Erzählerin des Romans und sie beschreibt eine massive patriarchale Kultur, in der Frauen nur als Objekt existieren und deren Rechte stark eingeschränkt sind.

Die Lebensbereiche der Geschlechter sind streng voneinander getrennt und umfassen bei den Frauen nur soviel, wie ihnen von ihren Männern und Vätern zugestanden wird. Wenn eine Frau eines der geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetze bricht, wird sie geschlagen. 


“Taten wir etwas, das Vater missfiel, bedeutete es unweigerlich, dass auch Mutter bestraft wurde, weil sie schlechte Töchter herangezogen hatte.”



Der weibliche Körper und damit auch der Körper der Erzählerin steht ganz im Zentrum des Romans. Entlang der einzelnen Körperteile erzählt Dschabbarowa wie stark der Körper, das Leben und das Denken einer Frau dem Willen von Männern unterworfen sind.


“Es war nicht leicht, sich einzugestehen, dass sie nie über ihre Körper verfügen konnten, dass sie nie aufgehört hatten, Objekte fremder Begierde, gesellschaftlichen Drucks und männlicher Macht zu sein.”


Und doch ist es auch der Körper der Erzählerin, der sich den Unterdrückungsmechanismen verweigert und entzieht. Er wird krank, zerstört sich selbst und kann die an ihn gestellten Erwartungen von Heirat, Kinder und Fortpflanzung nicht mehr erfüllen. 


“Der alte Körper wurde von der Krankheit zerstört, das konnte ich jede Sekunde, jede Minute jeden Tages fühlen.”



Eine Befreiung, die ihr den Schmerz und die Unfreiheit einer Ehe erspart, aber gleichzeitig Schmerz und Unfreiheit mit sich bringt.


“Mein Körper hatte mich von der Erfüllung dieser Pflicht befreit, aber er war nicht frei vom Schmerz.”


Mich begeistert sehr, in welcher poetischen und lakonisch-verletzlichen Sprache der Roman verfasst ist und wie wenig Dschabbarowa davor zurückschreckt, die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung von Frauen zu benennen und anzuprangern.


“Was heißt es in unserer Familie, eine Frau zu sein? Bin ich keine Frau mehr, wenn ich mich gegen die Rolle der Mutter und Ehefrau entscheide, bin ich kein Teil der Kultur, Geschichte, Diaspora mehr, wenn sich Teile meines Körpers an ihre Herkunft erinnern? Ist es denn zwingend notwendig, sich fortzupflanzen, um eine Herkunft zu haben?”


Der Roman ist kurz (138 Seiten) und doch gehaltvoll und intensiv und war für mich ein ziemliches starkes und kraftvolles Stück Literatur!

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