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Mewa

vor 6 Tagen

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Bex hat eine sehr kuriose Leidenschaft: Sie zeichnet gern anatomische Studien des Menschen. Das versteht nicht jeder, aber sie ist nicht von ihrem Traum eine weltberühmte Illustratorin zu werden, abzubringen. Jack besprüht die Stadt mit illegalen Grafittis und erntet dafür sowohl Anerkennung als auch Missgunst. Aber wer er wirklich ist und warum er das macht, das weiß niemand außer Bex, die es aber auch nur durch Zufall herausfindet. Außerdem scheint eine besondere Anziehungskraft die beiden aneinander zu fesseln ...

Die Anatomie der Nacht ist ein ganz besonderes Jugendbuch, das ich vor allem durch den offenen Umgang mit meist in diesem Genre tabuisierten Themen wie Sex und der natürlichen Einarbeitung von Diversität verschiedener Formen zu schätzen weiß. Durch den einfachen Sprachstil (der nichtsdestotrotz einzigartig ist) lesen sich die ca. 350 Seiten wirklich im Flug, also props to this. 


Allerdings bleiben die Charaktere durchgehend einseitig und es gibt keinen besonders gut ausgearbeiteten Spannungsbogen. Ich glaube, wenn ich diese Geschichte früher gelesen hätte, als ich ca. 13-16 gewesen bin, vielleicht sogar noch mit 17, dann hätte sie mich wirklich berührt, weil ich ein wenig von meiner (damaligen) Awkwardness in der Protagonistin wiedergefunden habe. Mittlerweile bin ich aber schlichtweg aus diesem Teenage-Dasein herausgewachsen und habe viel zu viele, viel zu unterschiedliche Sorten an Jugendromanen hinter mir, um nochmal dieselben Gefühle durchlaufen zu können. Bin einfach abgestumpft, um es grob auszudrücken. 


Ein etwas anderer Kritikpunkt gilt dem Storytelling: Es gibt einige Punkte, die, wie ich finde, relativ offen bleiben oder nie näher behandelt werden. Viele Nebencharaktere sind dadurch sehr benachteiligt dargestellt worden, manche haben gerade mal eine ganze Seite, um sich zu präsentieren, obwohl sie scheinbar essentiell für die Handlung hätten sein können bzw. sind. Beispielsweise die zwei (einzigen) Freundinnen der Protagonistin, die nur namentlich erwähnt, aber nie vorgestellt werden. Wo bleibt noch der Sinn ihrer Erwähnung? Aber auch die Protagonisten an sich haben keine anständigen Lösungen für ihre Konflikte gefunden. Ich mein, klar, es gibt da dieses allumfassende Ende, aber er ist ganz schön oberflächig und unbefriedigend, wenn man an all die Wege denkt, die die Autorin immer mal wieder eingeschlagen hat, aber nie zur Gänze beschritten. Aber nun gut, es gibt auch eine Menge, was verarbeitet werden musste, da kann man schnell den Überblick verlieren.

Man sollte trotzdem ein Lob an die Autorin aussprechen, die sich mit den Themen, über die sie schreibt, gut auszukennen scheint. Ich habe keine Ahnung, ob das alles wirklich so ist wie sie es beschreibt (ich hoffe doch), aber es klingt so und nun ja - das ist schon Mal was, wenn man Vergleiche herzieht. Vor allem das Illustrieren von Bex bzw. allgemein der künstlerische Aspekt hat mir sehr gut gefallen und ich habe das ein oder andere dazugelernt. Es beinhaltet auch eine gute Annäherung an ein etwas ernsteres Thema, auf das ich allerdings aus Spoilergründen nicht weiter eingehen werde. 


Fazit: Trotz der Kritik sehe ich das gewisse Etwas, verstehe, wieso und wie man sich in diese einzigartige Liebesgeschichte verlieben kann. Ich kann Die Anatomie der Nacht vor allem der anvisierten Zielgruppe, Jugendliche im Alter von 14-17 nehme ich an, wärmstens empfehlen. Aber auch älteren Lesern, wenn sie mal eine einfache und trotzdem nicht ganz typische Story für Zwischendurch lesen wollen.

Autor: Jenn Bennett
Buch: Die Anatomie der Nacht
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